Bayern 2


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Ein Mädchen besiegt die Angst Federico Jeanmaire: "Richtig hohe Absätze"

Diese Geschichte einer Selbstfindung taucht tief ein in die Gedankenwelt der Protagonistin. Der erste ins Deutsche übersetzte Roman des 60-jährigen Argentiniers Federico Jeanmaire macht neugierig auf mehr.

Von: Heinz Gorr

Stand: 04.04.2018

Buchcover "Richtig hohe Absätze" von Federico Jeanmaire | Bild: Unionsverlag, Montage: BR

"Mit der Vergangenheit tue ich mich schwer. Und mit der Zukunft auch. Aber ich bin Chinesin, ich weiß mir immer zu helfen. Bin ich Chinesin? Ich weiß nicht. Das ist jetzt aber egal. Im Leben von jedem kommt, glaube ich, irgendwann der Moment, in dem er weiß, wer er ist."

Auszug aus dem Buch

Suche nach der eigenen Identität

Es geht in diesem begeisternden Roman ganz zentral um die Suche nach der eigenen Identität. Im ersten Teil wird das Leben der 15-jährigen Protagonistin und Ich-Erzählerin Su Nuam bei den Großeltern in der chinesischen Stadt Suzhou beschrieben. Bald zeigt sich, dass ihr dieses China absolut fremd ist. Das Mädchen will sich dem traditionellen Frauenbild nicht unterordnen, aber auch nicht gegen den einfachen, besonnenen Großvater rebellieren. Jetzt kommt die Migrationsgeschichte dazu: Su Nuams Unbehagen hat damit zu tun, dass sie in Buenos Aires aufgewachsen ist, wo sie bis vor einiger Zeit auch mit ihren Eltern gelebt hat. Langsam kristallisiert sich heraus, warum sie Argentinien fluchtartig verlassen hat: Weil ihr Vater dort bei einem Brandanschlag getötet wurde.

Realer Hintergrund

Die fiktive Geschichte hat einen realen Hintergrund: Der Autor, der übrigens als junger Mensch vor der argentinischen Militärdiktatur nach Europa geflohen ist, nimmt für das Drama um Su Nuams Vater ein Ereignis des Jahres 2013 als Vorlage: Damals hatten Jugendbanden einen chinesischen Einwanderer, den Betreiber eines kleinen Supermarkts, bei lebendigem Leib verbrannt. Im wirklichen Fall wie in Jeanmaires Roman bleibt diese rassistische Tat zunächst ungesühnt, die traumatisierten Angehörigen verlassen das Land kurz darauf, gehen nach China.

Zurück in Buenos Aires

Über ihre im fernen Peking lebende Mutter kommt das Mädchen dann an einen Übersetzerjob und reist mit einer chinesischen Geschäftsdelegation nach Buenos Aires. Ihr Großvater fliegt mit, der möchte unbedingt auf dem Grab seines Sohnes eine rituelle Verbrennung von Kleidern durchführen, das heißt, Su Nuam kommt mit ihm in das prekäre Barrio Glew zurück, wo ihr Vater auf grausame Weise ermordet wurde.

Schritt für Schritt gewonnene Souveränität

Federico Jeanmaire

Jede Coming-of-Age-Geschichte, die Suche nach der eigenen Identität, braucht eine Bewährungsprobe, eine Initiation: Hier ist es die anfangs massiv angstbesetzte Reise nach Argentinien. Und Teil dieser Initiation ist für die noch nicht mal 16-Jährige ihr Auftrag, als zusätzliche Dolmetscherin den smarten Geschäftsleuten aus China das zu übermitteln, was ihre spanischsprechenden Verhandlungspartner untereinander reden und eigentlich gern für sich behalten wollen. Dafür braucht es ein Business-Outfit, das die Jugendliche auch älter erscheinen lassen soll, und Teil dieser Kleidung sind eben Schuhe mit hohen Absätzen. Die hasst sie zunächst, weil sie nicht gewohnt ist, mit diesen Absätzen zu gehen, dann werden sie aber zum Zeichen ihrer Schritt für Schritt gewonnenen Souveränität.

Gerechtigkeit und Vergeltung

Dieser Roman ist ein Glücksfall! Vor allem wegen Su Nuam, die in Buenos Aires plötzlich vor der Wahl steht, an den Mördern ihres Vaters Rache zu nehmen; es geht also um Gerechtigkeit, um mögliche Vergeltung. Wie das Mädchen damit ringt, ist mitreißend und zugleich glaubhaft erzählt, weil die Selbstsicherheit der Heranwachsenden immer wieder von Zweifeln durchsetzt ist. Ungeheuer spannend ist das, gar nicht so sehr der äußeren Handlung wegen, sondern aufgrund der inneren Entwicklung, die die Figur durchmacht, wie die gewaltsam zerbrochene Vater-Tochter-Beziehung in eine Großvater-Enkelin-Beziehung wechselt, bei Su Nuam die Erkenntnis reift, was wichtig ist im Leben - unabhängig von der Herkunftskultur und der Generation.

Faszinierende Sprache

"Der Unterschied zwischen den Tieren und uns sind die Wörter. Dass wir sie aussprechen können. Vor allem aber, dass wir sie hören und verstehen können. Und darüber nachdenken", so charakterisisiert Su Nuams Großvater Lin An Bo das Wesen der menschlichen Sprache. Federico Jeanmaire ist ein Risiko eingegangen, indem er das Chinesisch einer 15 Jahre alten Migrantin zugrundelegt: Das ist zunächst ziemlich gewöhnungsbedürftig, weil alles im Präsens gehalten ist. Das Chinesische hat keine unterschiedlichen Verbformen für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, wie der Übersetzer eingangs anmerkt. Und das bedingt einen Schreibstil, der die zeitlichen Ebenen verschwimmen lässt: am Ende ein gelungener Kunstgriff. Insgesamt ein äußerst empfehlenswertes Werk, dem hoffentlich weitere Übersetzungen von Romanen Jeanmaires folgen werden.

Federico Jeanmaire, "Richtig hohe Absätze"

Unionsverlag 2018, 160 Seiten, Aus dem Spanischen von Peter Kultzen


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