Bayern 2


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Euthanasie Auf den Spuren ermorderter Angehöriger

Ein strahlender Sommermorgen: Rund 60 Menschen machen sich auf Reise für Familienangehörige, die Opfer der Euthanasie der Nationalsozialisten wurden, weil sie psychisch erkrankt waren oder eine geistige oder körperliche Behinderung hatten. Eine Gedenk-Reise.

Von: Ulrike Hagen

Stand: 24.09.2019

Über das Schicksal der Ermordeten wurde in den meisten Familien geschwiegen, einerseits, weil so viel Scham damit verbunden war, andererseits, weil der nationalsozialistische Stempel vom "unwerten Leben" lange und mächtig nachwirkte.

"Ich hatte einen Onkel, der als Kind abgeholt wurde und gestorben ist, ich hab‘ immer noch nicht rausgefunden habe, wie."

Sylvie Sperlich, Angehörige

Gaskammer im Erdgeschoss

Gemeinsam machen sich heute rund 60 Gedenkreisende auf den Weg, um Schloss Hartheim im Allgäu zu sehen, in das die Nazis eine Gaskammer im Erdgeschoss eingebaut haben, um sie dort zu ermorden. Sylvie Sperlich erzählt das wenige, das sie von ihrem Onkel weiß, dass er Hirnhautentzündung hatte, und so musikbegeistert war, dass, wenn die Blaskappelle von Meckatz draußen vorbeikam, er vor Begeisterung fast aus dem Fenster gefallen wäre.

Menschen und Erinnerungen

Es ist ein strahlender Morgen, an dem die Gruppe zu dem Vernichtungsort fährt, an dem so viele Menschen ums Leben gebracht worden sind. Der Bus ist voll mit Geschichten, voll mit Menschen und Erinnerungen: Barbara Wenzl erzählt die Geschichte ihres Großvaters Friedrich Crusius, der 1940 nach Hartheim deportiert und 1941 in Niedernhart ums Leben kam. Margareta Flygt ist aus Schweden angereist und erzählt über ihren Großcousin Anton Braun, der in Hartheim ermordet wurde:

"Seine Eltern bekamen dann seine Asche mit der Post."

Margareta Flygt, Angehörige

Durch die Erinnerungen zum Leben erweckt

Jemand ist erst wirklich tot, wenn man nicht mehr über ihn spricht: Bei dieser Gedenkreise werden die Menschen durch die Erinnerungen wieder zum Leben erweckt und in den Kreis der Reisenden zurückgeholt. Die Deportierten wussten wohl auch, dass sie nichts Gutes erwartet …

"Liebe Mutter, da ich von hier fortmuss und nicht weiß wohin, will ich euch die letzten Zeilen schreiben. Es ist hart für mich, ich sage allen herzlichen Dank und auf Wiedersehen, wenn nicht auf dieser Welt, dann hoffentlich im Himmel. Es grüßt euch herzlich euer dankbarer Sohn."

Johann Ascheneller geb. 1917 in München, deportiert am 20. Juni 1941, ermordert nach Ankunft

Rundgang durch Gaskammer und Krematorium

Gaskammer in Schloss Hartheim

Die Gruppe wird immer stiller, nicht alle gehen mit auf den Rundgang, der durch die Gaskammer führt, die als Bade-und Duschraum getarnt war, und außer kahlen weißen Wänden nichts verrät von dem tausendfachen Sterben, das in diesem kleinen Raum stattgefunden hat. Danach das Krematorium und dann stehen wir im Innenhof, in unfassbar hellem Licht.

"Das ist ganz anders, als wenn man nur darüber liest, die Orte an sich zu besuchen ist für mich immer wichtig, weil man dann auch den Geist des Ortes spürt."

Robert Domes, Autor

Aus der Vergessenheit holen

Im Bus ist es still geworden, alle sind erschöpft. Für die Angehörigen geht es darum, die Ermordeten aus der Vergessenheit zu holen. Damit sie eben nicht ausgelöscht sind aus der Erinnerung der Lebenden, sondern zurückgeholt werden können in den Schoß der Familie.

Weitere Informationen für Angehörige, die selbst auf der Suche sind nach einem Verwandten, der Opfer der „Euthanasie“ wurde, finden Sie unter www.ns-euthanasie-aufarbeitung.de.


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