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ComicFavorit "Esthers Tagebücher" von Riad Sattouf

Nicht nur im Fußball ist Frankreich ein Weltmeister. Auch in Sachen Comics ist die Grande Nation führend. Zu den wichtigen Comic-Künstlern unserer Gegenwart gehört Riad Sattouf. In "Esthers Tagebücher" erzählt er von der Kindheit eines Mädchens aus Paris – und hat sich damit viel vorgenommen.

Von: Niels Beintker

Stand: 16.07.2018

Niels Beintker präsentiert das Buch "Esthers Tagebücher" von Riad Sattouf | Bild: BR/Patrick Heiß

Eigentlich sei das wie Sport, sagt Riad Sattouf über sein großes Comic-Projekt mit Geschichten aus dem Leben von Esther, einem Mädchen aus den 17. Pariser Arrondissement.

Jede Woche zeichnet der französische Comic-Autor, geboren 1978 und aufgewachsen in Syrien und in Frankreich, eine Seite für das Magazin "L’Obs" - mit dünnem schwarzen Strich und ganz wenigen Farbflächen.

"Ich höre nicht mehr auf, jede Woche muss ich eine Geschichte machen. Es ist einfach wie Sport."

Riad Sattouf

Ein Projekt, das auf Jahre angelegt ist

Sattoufs Zeichnungen mit feinem Strich

Man möchte hinzufügen: Riad Sattoufs Vorhaben ist eigentlich Hochleistungssport. Denn der Künstler will Esthers Leben über Jahre hinweg verfolgen, also über Jahre hinweg Woche für Woche eine Tagebuch-Seite - eine kleine Geschichte - zeichnen. Aus ihnen entsteht am Ende eines Jahres ein großformatiges Buch, ein "Roman Graphique". Der erste Band erschien 2016 in Frankreich, da war Esther neun.

Zuletzt wurde dort der dritte Band veröffentlicht, Esthers Leben als Zwölfjährige. In deutscher Übersetzung wiederum gibt es nun die ersten beiden Bände – und Riad Sattouf wurde dafür kürzlich mit dem Max-und-Moritz-Preis beim Comic-Salon Erlangen ausgezeichnet.

Der große Kosmos eines Mädchens

Die Idee zu dieser Reihe entstand nach der Begegnung mit der Tochter eines befreundeten Paares in Paris, erzählt Sattouf.

"Als ich sie das erste Mal gesehen habe, war sie neun Jahre alt - und sie hat geredet und geredet. Sie hat mir über ihr Leben erzählt, was sie über Politik und Rassismus denkt und über Geld und Musik. Sie hatte viel zu sagen. Und ich dachte, das ist sehr interessant und es könnte doch lustig sein, Comics darüber zu machen. Ich war neugierig, wie sie die Welt sieht. Außerdem war sie im selben Alter wie ich in 'Der Araber von morgen' und ich konnte ihre Geschichten mit meiner eigenen Kindheit vergleichen. Und so habe ich angefangen jede Woche einen Comic zu machen."

Riad Sattouf

"Esthers Tagebücher" von Riad Sattouf

Und diese Comics sind großartig, mit so viel Liebe, Witz und Einfühlungsvermögen gezeichnet. Der ganze Kosmos eines Mädchens, das in einer französischen Mittelschicht-Familie aufwächst. Zukunftsträume, Schul-Abenteuer, erstes Verliebtsein, Ferien, Musik, Pickel, blöde Jungs und noch blöder: der ältere Bruder Antoine, die ständige Sehnsucht nach dem neuesten i-Phone und der so sehr vergötterte Vater, ein Fitness-Trainer.

Von der Grundschule bis zum 18. Geburtstag

Im ersten Band besucht Esther eine private Grundschule in Paris, die Eltern sparen sich das Geld vom Munde ab. Im zweiten Band steht der Wechsel auf eine weiterführende Schule an – auch darum kreisen die 52 Geschichten.

"Es ist sehr einfach. Ich rufe sie an oder sie schreibt mir Mails. Manchemal sehen wir uns auch. Und sie antwortet mir dann einfach, was diese Woche los ist. Es basiert immer auf wahren Geschichten."

Riad Sattouf

Riad Sattouf will die Geschichten bis zum 18. Geburtstag von Esther sammeln und zeichnen, ihren Lebensweg von der Kindheit durch die Jugend bis zum frühen Erwachsenenalter dokumentieren. Ein in diesem Dimensionen einmaliges Comic-Projekt, das ein wenig an Richard Linklaters Film "Boyhood" erinnern mag.

Eigene Kindkeit in "Der Araber von morgen" verewigt

Zugleich entsteht die Serie parallel zu Sattoufs Reihe "Der Araber von morgen", also zu den Büchern über die eigene Kindheit in Libyen, Syrien und Frankreich. Für den Comiczeichner ist die Beschäftigung mit einer ganz anderen Kindheit als der eigenen auch in autobiografischer Perspektive interessant.

"Es ist wahr, dass ich sehr interessiert an jungen Leuten und der Jugend bin. Vielleicht ist es so, weil ich diese positive Sicht auf das Leben der jungen Leute mag. Und ich erinnere mich sehr genau an meine eigene Kindheit. Und wenn du die Welt aus dem Blickwinkel eines Kindes siehst, können viele Dinge echt albern und absurd wirken."

Riad Sattouf

Die Entwicklung der jungen Esther miterleben

Das Leben eines Pariser Mädchens.

Und wir können diesen ganz anderen Blick auf die Welt teilen, mit Riad Sattoufs Comics. Allein schon die ersten Bände zeigen, wie sich Esthers Denken langsam verändert. Zum Beispiel ist sie zuerst hochnäsig, wenn sie einen Bettler auf der Straße sieht. Doch dann wird sie mehr und mehr einfühlsam, will helfen. Nur eines von vielen Beispielen.

Die deutschen Ausgaben von Riad Sattoufs Comic-Reihe "Esthers Tagebücher" erscheinen - in der Übersetzung von Ulrich Pröfrock - bei Reprodukt. Zuletzt erschienen ist Band zwei: "Mein Leben als Elfjährige".


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