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Verschörungsmythen "Es überrascht mich nicht"

Isolde Charim ist wenig überrascht davon, dass es immer mehr Anhänger von Verschwörungsmythen gibt. Ein Grund: Der ungebrochene Glaube an die Macht der Politik.

Stand: 08.09.2020

MAnn af Corona Demo im MAi in München, auf seinem Hut steht: Politik stinkt! | Bild: picture-alliance/dpa

30 Prozent der Deutschen glaubt, dass geheime Mächte unsere Welt steuern, so das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung. Isolde Charim, Philosophin und Publizistin, überrascht diese Zahl nicht. Die Wienerin beobachtet seit einigen Jahren einen Anstieg an Misstrauen gegenüber Autoritäten. Das Paradoxe daran: Es scheinen sich vor allem diejenigen Menschen Verschwörungsmythen zuzuwenden, die besonders ungebrochen an eine starke Wirkung der Politik glauben. Eine Wirkung, so stark, dass sie die Welt lenken kann. Wie es dazu kommen kann, erklärt Isolde Charim im Interview in der radioWelt.

Geheime Mächte, die unsere Welt steuern. Eine klassische Verschwörungstheorie. Wenn so was bei immerhin 30 Prozent der Menschen in Deutschland Anklang findet, überrascht Sie diese Zahl?

Nein. Erstaunlicherweise überrascht mich das nicht. Ich meine, man hat es ja auch in letzter Zeit beobachtet, wie sich das steigert. So etwas hat offenbar eine leichte Ansteckungswirkung. Aber überrascht es mich nicht.

Laut der Studie sei bei Menschen mit einem höherem Bildungsabschluss dieser Verschwörungsglaube etwas geringer. Aber grundsätzlich ist es offenbar weit verbreitet. Warum ist das so?

Ich glaube, die Ursache von dem Ganzen ist, dass wir hier einen Überschuss haben. Einen Überschuss an Affekten, die gerade in dieser Corona-Situation zum Tragen kommen. Und wir haben vor allem einen Überschuss an Misstrauen gegen Autorität. Aber ich glaube, da muss man achtgeben. Es ist ein Misstrauen gegenüber der aktuellen Autorität, gegenüber den aktuellen Regierenden. Aber wissen Sie, eigentlich sind diese Verschwörungstheoretiker mit ihren manchmal wahnhaften Vorstellungen ja jene, die als Letztes noch einen ungebrochenen Glauben haben, daran, dass Politik wirkmächtig ist, dass es die Möglichkeit gibt, die Welt zu lenken. Das es die Möglichkeit eines Demiurgen, also eines Denkenlenkens gibt, also eigentlich haben sie einen ganzen massiven Glauben an die Autorität nur in entstellter Form.

Was hat gerade dieses Thema Corona an sich, was diesen Glauben so sehr befördert? Denn Krisen und Unsicherheiten gab es ja in früheren Zeiten auch schon.

Ich glaube, dass es einen doppelten Grund gibt. Der eine Grund ist, dass wir uns alle ja in einer Ausnahmesituation befinden, emotional, gesellschaftlich existenziell. Und das Zweite ist, was mir scheint, dass in allen Ländern, also in Deutschland vielleicht noch mal anders als hier in Österreich, aber dass uns demokratische Politik im Krisenmodus in einer ganz anderen Form entgegengetreten ist als sonst. Eine demokratische Politik im Krisenmodus bedeutet nicht Konsens, sondern bedeutet Entscheidung. Entscheidung in einem eminenten Sinn, auch über Leben und Tod. Und ich glaube, diese Art von Entscheidung, wo die Politik sich plötzlich ganz deutlich als Macht präsentiert, wird von vielen Menschen als Zumutung empfunden.

Dabei ist es doch an anderer Stelle oft so, dass die Menschen sich gerade von der Politik immer wieder Entscheidungen wünschen.

Ja, aber hinter so einer Verschwörungstheorie und hinter Verschwörungstheoretikern steckt so eine Art genostischer Impuls. Genosis ist ein religiöses Wissen. Die Vorstellung, dass man sich in Besitz eines besonderen Wissens empfindet und dass mit allem, was sichtbar ist, allem, was offensichtlich ist, dem Mainstream, der veröffentlichten Meinung. All dem kann mit einem großen, verallgemeinerten Misstrauen begegnet werden. Also es gibt ein Misstrauen gegenüber allem, was sozusagen das System ausmacht. Und es gibt einen Einspruch dagegen im Namen von einem anderen von einem geheimen wissen. Und was macht denn das mit den Leuten? Man muss ja verstehen so eine Verschwörungstheorie, die muss den Leuten ja etwas geben, die müssen ja etwas dafür bekommen. Und was sie dafür bekommen, ist eine unglaubliche Selbstermächtigung, eine paranoide Selbstermächtigung. Aber natürlich, wenn Sie derjenige sind, der diese Verschwörung durchschaut, dann ermächtigt Sie das in einem umfassenden Sinn. Man bekommt viel dafür, der Verschwörungstheoretiker selber mit seiner Verschwörungstheorie.

Welche Rolle spielt dabei das Internet? Social Media, was es ja früher in dieser Form überhaupt nicht gab und was es heute solchen Menschen ermöglicht, sich mit anderen zu vernetzen?

Das ist ja ganz klar, dass das einen eminenten Verstärkereffekt hat. Aber der Verstärkereffekt kommt ja auch noch mal daher zustande, nicht nur durch die Geschwindigkeit und durch die Möglichkeit, sich mit so vielen Menschen zu vernetzen, sondern es kommt ja auch durch diese ungefilterte Vernetzung und Kommunikation. Also, es gibt ja keine Instanz mehr, die sozusagen da regulierend eingreift. Es gibt keine Instanz und keine Autorität, die sagt, das ist wahr. Und das ist falsch. Also das ermöglicht ein absolutes Selbstlaufen solcher Kommunikationsformen.

Isolde Charim


Die gebürtige Wienerin ist Philosophin und Publizistin. Sie unterrichtete an der philosophischen Fakultät der Universität Wien mit Schwerpunkt Ideologietheorie. Außerdem ist sie ständige Kolumnistin der „taz“ und des „FALTER“. Unter anderem hat sie das Buch "Ich und die Anderen. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert" geschrieben.


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