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Erich Schneeberger, Landesverband Sinti und Roma Erstarkter Antisemitismus macht auch uns Sinti Angst

2018 erst hatte die Stadt München einen Gedenktag an die Deportation der Münchner Sinti und Roma während der NS-Zeit ins Leben gerufen. EU-weit gibt es erst seit 2015 einen solchen Gedenktag. Im öffentlichen Bewusstsein fest verankert ist das Leid der Sinti und Roma während der NS-Zeit noch immer nicht.

Von: Ulrike Ostner

Stand: 13.03.2019

Erich Schneeberger, Vorsitzender des bayerischen Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma | Bild: Bayr. Landesverband dt. Sinti und Roma

Im Gespräch mit der Bayern 2-Notizbuch-Redakteurin Ulrike Ostner schildert Erich Schneeberger, Vorsitzender des bayerischen Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma, die Situation der Menschen und betonte, wie wichtig Gedenktage sind, um an die Menschen und ihre Schicksale zu erinnern.

Es hat lange gedauert bis der Genozid an den Sinti und Roma nach dem Zweiten Weltkrieg Beachtung fand. Warum hat es so lange gedauert?

Erich Schneeberger: Ja, das haben wir uns auch immer gefragt. Mit unserer eigenen Bürgerrechtsbewegung, die ja Ende 1979 mit dem Dachauer Hungerstreik begann, haben wir versucht, den Genozid an unserer Minderheit in den Fokus der Öffentlichkeit zu bringen. Ich habe nie begriffen, wieso man meinen Vorfahren, die genauso verfolgt und ermordet worden sind wie unsere jüdischen Mitbürger, die Ehre verweigert hat und nicht an den Völkermord, der an ihnen begangen wurde, erinnert hat. Es ist auch heute noch so, wenn wir Sendungen im Fernsehen sehen oder Historiker hören, die sich zur Aufarbeitung des Völkermordes an den Juden äußern: Man hört nichts von dem Mord an Sinti und Roma, die aber aus dem gleichen Motiv des Rassenwahns verfolgt und vernichtet worden sind.

Was bedeutet es heute als deutscher Sinto oder Roma in Bayern zu leben? Gibt es noch immer Rassismus und Ablehnung – können Sie Beispiele nennen?

Wenn Sie zum Beispiel eine Wohnung suchen, dann bekommen sie die als normaler Deutscher, aber als Angehöriger der Sinti können Sie sicher sein, dass sie die Wohnung nicht kriegen. Das Gleiche ist bei der Arbeitsstelle. Oder auch, wenn Sie in Urlaub fahren und wollen auf einem Campingplatz Urlaub machen: Sinti neigen dazu, dass sie etwas größere Campingwagen haben und vielleicht ein größeres Auto und dann ist auch noch ihre Hautfarbe ein bisschen dunkler – aufgrund all dessen werden sie schon an der Pforte abgewiesen.

Mit dem Erstarken der AfD ist in Deutschland wieder vieles sagbar geworden, was davor als unsagbar galt. Die Sprache hat sich verändert, das Verhalten hat sich verändert. Es gibt einen aufflammenden Rassismus einen Antisemitismus. Wie nehmen Sie das wahr?

Der erstarkte Antisemitismus gegen unsere jüdischen Mitbürger macht auch uns Sinti Angst. Zum Beispiel, wenn wir Nazi-Parolen hören oder Aufmärsche sehen oder allgemein neonazistische Kraftausdrücke in den Straßen, in der Straßenbahn oder in der U-Bahn hören. Man wird wirklich ängstlich, man traut sich gar nicht mehr in der Öffentlichkeit aufzutreten.

Ziehen sich Sinti und Roma dadurch noch mehr zurück?

Die meisten Sinti leben sehr unauffällig in den Großstädten und zwar in den Hochhäusern, so, dass manchmal nicht einmal der Nachbar weiß, dass der andere ein Angehöriger der Sinti ist.

2018 wurde zwischen Ihrem Verband und dem Freistaat Bayern ein sogenannter Staatsvertrag geschlossen. Was für einen Sinn hat dieser Vertrag?

Bei der Verleihung der Bayerischen Verfassungsmedaillie in Silber durch die damalige Landtagspräsidentin Barbara Stamm am 1.12.2011.

Es hat lange Jahre gedauert, bis wir diesen Vertrag abschließen konnten. Nach den Ländern Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Hamburg und Hessen, die diese vertraglichen Vereinbarungen bereits hatten und auch nach Schleswig-Holstein, wo die Minderheit ja in der Landesverfassung aufgenommen wurde. Der Staatsvertrag vom 20. Februar 2018 mit der Unterzeichnung war für uns ein historischer Tag der für uns geschichtliche Bedeutung hat.

Was steht denn da drin?

Der Freistaat Bayern hat sich mit diesem Vertrag verbindlich zum Schutz und zur Förderung unserer Minderheit verpflichtet. Angesichts des Erstarkens der populistischen und nationalistischen Bewegung setzt dieser Staatsvertrag mit unserem Landesverband ein unübersehbares politisches Signal. Und das war für uns wichtig.

Letztlich aber muss sich doch in den Köpfen der einzelnen Menschen was verändern. Wie erreicht man das?

Ja das ist natürlich ganz, ganz schwer. Ich will, dass die Sinti z.B. vor Diskriminierung in den Medien geschützt werden. Angestrebt wird die Mitgliedschaft in den Aufsichtsgremien der privaten und öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und die Errichtung einer Forschungsstelle zur Geschichte und Kultur der Sinti und Roma sowie zum Antiziganismus. Die kritische Aufarbeitung der von rassistischen Vorurteilen geprägten Geschichte, der sogenannten Zigeuner-Forschung, rechnen wir eine besondere Bedeutung bei. Ich denke, etwa durch Vorträge die an den Schulen gemacht werden, kann man etwas ändern. Wir haben zum Beispiel gerade ein Projekt, wo der Bildungsbeauftragte mit seinem Assistenten Behördenmitarbeiter schult. Ziel ist, die Behörden im Umgang mit dieser Minderheit zu sensibilisieren.


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