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Zwischen Trommelfell und Innenohr Erkrankungen des Mittelohrs

Das äußere Ohr fängt den Schall auf und das Mittelohr leitet ihn weiter. Erkrankungen und Verletzungen des Mittelohrs sind schmerzhaft, aber im Großen und Ganzen gut wiederherzustellen.

Von: Sabine März-Lerch

Stand: 19.04.2019

Junger Mann hält sich vor Schmerzen das rechte Ohr. | Bild: picture-alliance/dpa

Erreichen die Schallwellen durch das äußere Ohr frei und ungehindert die bewegliche Membran des Trommelfells, bringen sie dieses zum Schwingen und Vibrieren. Diese Schwingungen werden ins Mittelohr übertragen. Das Mittelohr ist ein luftgefüllter Raum zwischen Trommelfell und Innenohr. Drei winzige Knöchelchen mit der Bezeichnung Hammer, Amboss und Steigbügel haben im Mittelohr ihren Platz. Sie übernehmen die Vibrationen vom Trommelfell, verstärken die Schallwellen und leiten sie an den Eingang zum Innenohr (dem sogenannten ovalen Fenster) weiter.

Kommt es zu Störungen und Erkrankungen in diesem Bereich des Ohrs, dann sind dies meist: akute Mittelohrentzündungen, chronische Mittelohrentzündungen und das sogenannte Cholesteatom (eine Wucherung, die vom Trommelfell ausgeht).

Die akute Mittelohrentzündung

Die Mittelohrentzündung passiert, wenn das Ohr nicht gut belüftet ist, also z.B. bei einem Schnupfen. Dann geht die Tube (der Gang zwischen Nase und Ohr) zu, die Belüftung funktioniert nicht mehr und es sammelt sich Flüssigkeit hinter dem Trommelfell. Zusätzlich kommen noch Bakterien hinein und so entwickelt sich im Mittelohr Eiter.

"Der Eiter nimmt zu, er drückt, das tut furchtbar weh, man hört schlecht, hat Schmerzen, irgendwann platzt das Trommelfell auf, der Eiter fließt ab und die Krankheit kommt wieder zur Ruhe. Das Trommelfell wächst ganz von alleine und schnell wieder zu."

Prof. Markus Suckfüll

Eine akute Mittelohrentzündung ist beim Erwachsenen recht selten – wenn, dann tritt sie im Verlauf einer Erkältung oder eines Schnupfens auf. Viel häufiger ist sie bei Kindern. Die kindliche Anatomie funktioniert im Bereich des Ohrs noch nicht so gut, große Rachenmandeln bedrängen diesen Belüftungsgang zwischen Nase und Ohr, alles ist noch enger.

"Das ist ein kompliziertes System, kleine Muskeln strahlen in den Belüftungsgang hinein, und die hängen zum Beispiel mit dem Kauen und mit der Nase zusammen."

Prof. Markus Suckfüll

Statistisch gesehen hat jedes Kind einmal im Jahr eine Mittelohrentzündung.

Die chronische Mittelohrentzündung

Wenn eine Mittelohrentzündung immer wieder kommt, entwickelt sich – dies ist eher bei Erwachsenen der Fall - eine chronische Mittelohrentzündung: Durch die mehrfachen Entzündungen verschließt sich das Trommelfell nicht mehr wie üblich, ein Loch bleibt.

"Der Mittelohrraum ist eigentlich steril. Aber wenn ein Loch im Trommelfell ist, können permanent Bakterien eindringen. Dann eitert das Ohr immer wieder, allerdings ohne wehzutun, da der Eiter durch das Loch abfließen kann."

Prof. Markus Suckfüll

Chronische Mittelohrentzündungen sind in Deutschland relativ selten, in anderen Ländern aber sehr häufig – warum?

"Wir wissen, dass die chronische Mittelohrentzündung bei Arabern wahnsinnig verbreitet ist, auch die Inuit haben damit große Probleme. Eine Überlegung ist, dass die Lebensumstände eine wichtige Rolle spielen. Je günstiger die Lebensbedingungen, desto seltener treten Mittelohrentzündungen auf. Möglicherweise liegt es daran, dass wir schon die Kinder rechtzeitig behandeln."

Prof. Markus Suckfüll

Behandlung einer chronischen Mittelohrentzündung

"Das können wir gut in Ordnung bringen. Solchen Patienten reparieren wir das Trommelfell, das 'flicken' wir zu sozusagen."

Prof. Markus Suckfüll

Allerdings schädigt dieser ständige Entzündungsherd die Gehörknöchelchen und letztlich auch das Innenohr - ein über Jahre gehender Prozess. Deshalb werden kaputte Gehörknöchelchen unter gewissen Umständen auch ausgetauscht.

"So bekommen wir die Mittelohrentzündung zur Ruhe und können auch wieder ein gutes Gehör herstellen"

. Prof. Markus Suckfüll

Dieses "Flicken" des Trommelfells bedeutet den Einsatz von Trommelfell-Implantaten. Beim "Austausch" von Knöchelchen werden operativ Hammer, Amboss oder Steigbügel durch winzige Prothesen aus Titan ersetzt. Nicht immer gelingt das.

"Für den Verschluss des Trommelfells z.B. weiß man, dass es bei zehn Prozent nicht gelingt. Mit der ersten Sitzung ist das Loch manchmal noch nicht zu, da es nicht gut heilt. Bei den Gehörknöchelchen gibt es folgendes Problem: Sollten sie einen Bruchteil von einem Millimeter falsch stehen, hört man nicht gut. Dann muss man noch einmal nachoperieren. Gerade der Hörerfolg ist nicht in allen Fällen durch den Ersatz von solch einem Gehörknöchelchen gewährleistet."

Prof. Markus Suckfüll

Mittelohrentzündungen gelten an sich als harmlos, jedenfalls nicht als lebensbedrohlich – mit einer Ausnahme:

Gefährliche Wucherung - Das Cholesteatom

"Es gibt eine Sonderform: Wenn das Loch nicht in der Mitte des Trommelfells entsteht, sondern am Rand, kann das zu einer Knocheneiterung führen und das ist eine ernsthaftere Erkrankung."

Prof. Markus Suckfüll

Diese Erkrankung schreitet zwar sehr langsam vorwärts, ist aber mit einem Tumor zu vergleichen. Das Cholesteatom zerstört lokal alles und frisst sich danach immer weiter vorwärts. Dabei werden wichtige Strukturen im Ohr zerstört: zuerst das Trommelfell und die Gehörknöchelchen, dann das Gleichgewichtsorgan, schließlich der Gesichtsnerv und das Innenohr. Wenn der Tumor im Anschluss in das Gehirn eindringt, kann das Cholesteatom über die Jahre gesehen sogar lebensbedrohlich werden.

Behandlung des Cholesteatoms

Wird ein Cholesteatom früh bemerkt, ist es noch klein und kann mit hohen Erfolgschancen operiert werden.

"Wenn das Cholesteatom groß ist, besteht die Gefahr, dass irgendwo ein Restchen bleibt und es dann wieder mit dem Wachstum losgeht, relativ hoch. In solchen Fällen muss man oft ein zweites oder drittes Mal operieren."

Prof. Markus Suckfüll

Wenn der Steigbügel "klemmt" - die Otosklerose

In seltenen Fällen (0,4 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung sind betroffen) kann der Steigbügel - das letzte Gehörknöchelchen in der Kette der drei winzigen Knochen im Mittelohr - festwachsen. Der Grund: die Verkalkung des Knöchelchens, die sogenannte Otosklerose. Die Ursache ist noch unbekannt, man vermutet einen familiären Hintergrund und auch hormonelle Auslöser, da Frauen häufiger betroffen sind. Gerade Schwangerschaften verursachen manchmal Schübe, die den Prozess verschlechtern. Der Steigbügel wird unbeweglich und kann den Schall nicht mehr an den Übergangsbereich zum Innenohr weiterleiten – die Patienten hören langsam aber sicher schlechter.


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