Bayern 2


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Pfeffer in der Wunde Erika Mann als politische Aktivistin

Erika Mann war mehr als nur die Tochter eines berühmten Schriftstellers. Sie war selbst eine erfolgreiche Künstlerin und Publizistin, die dem Nazi-Regime entschieden die Stirn bot und dies auch von ihrem Vater, dem "Zauberer", einforderte.

Von: Katinka Strassberger

Stand: 12.10.2019 | Archiv

Erika Mann, 1948 | Bild: Münchner Stadtbibliothek / Monacensia (Foto: Florence Homolka)

Zeitlebens wurde Erika Mann vor allem als Tochter und enge Vertraute ihres berühmten Vaters Thomas Mann wahrgenommen. In seinen Tagebüchern lobte er sie als verlässliche "Sekretärin, Biographin, Nachlasshüterin, Tochter-Adjutantin".   

1933 gründete sie das Kabarett "Die Pfeffermühle"

Erika Mann als Pierrot in der "Pfeffermühle", 1934

Dass Erika Mann neben ihrem Engagement für familiäre Angelegenheiten auch selbst viele Texte verfasst hat und politisch immer sehr aktiv war, ist weniger bekannt.

Nach ihrer Schauspielausbildung gründete sie 1933 in München das Kabarett "Die Pfeffermühle", mit dem sie nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten auch erfolgreich durch Europa tourte.

Im US-amerikanischen Exil unternahm die erklärte Pazifistin zahlreiche Vortragsreisen, um über die Verbrechen des NS-Regimes aufzuklären, und drängte auch ihren Vater, öffentlich Stellung zu beziehen. 

"Man konnte nicht mehr auf die Musik von 'Auf in den Kampf, Torrero!' singen 'an allem sind die Juden schuld', das ging uns gegen den Geschmack und wir glaubten auch, dass das Publikum nicht mehr ansprach auf eine solche Behandlung toternster Fragen, und dass wir infolge dessen einen anderen Ton würden anschlagen müssen.

Es durfte nicht getändelt werden bei uns, hinter der ganzen Sache musste ein erhebliches Quantum Ernst stehen. Und erst über diesen Ernst hinweg durften wir lachen und durften wir die Leute zum lachen bringen."

(Aus: Privataufnahme von Erika Mann, Zürich 1966)

Ein ausgeprägtes Faible für Komödiantisches

Thomas Mann mit Tochter Erika (1947)

Das Kabarett erwies sich als geradezu ideale Kunstform für die so vielseitig begabte Erika Mann. Hier konnte sie all ihre Talente und Fähigkeiten besonders wirkungsvoll einsetzen. Schon als Schülerin hatte die älteste Tochter von Katia und Thomas Mann ein ausgeprägtes Faible für Komödiantisches. Ihre fünf jüngeren Geschwister schilderten sie als fantasievolle Geschichtenerfinderin und Spaßmacherin, die es liebte, im Mittelpunkt zu stehen und daheim für heitere Stimmung zu sorgen. Sogar ihr ansonsten hanseatisch-zurückhaltender Vater soll bei solchen Anlässen Tränen gelacht haben.

"Die gewisse Vorliebe, die er für mich hatte, lag daran, dass ich so ein großer Aff war. Ich habe alle Leute nachgemacht, und nichts hatte er lieber als Darbietungen. Und ich konnte nachhause kommen mit welchen Noten auch immer: wenn ich die Lehrer nachgemacht habe und offenbar sehr gut nachgemacht hatte, war er vollkommen versöhnt und die Sache war erledigt."

(Erika Mann im Interview mit Roswitha Schmalenbach, Kilchberg 1968. Aus: CD-Box 'Thomas Mann und Familie', Hörverlag)

Sie hinterließ ein vielseitiges publizistisches Werk

Erika Mann als Rennfahrerin, 1931

Die "Eri", wie sie im Familienkreis genannt wurde, war eine humorvolle und couragierte, aber auch eine streitbare Persönlichkeit, die es sich selbst und anderen nicht immer leicht machte.

Sie hinterließ ein vielseitiges publizistisches Werk, das eine Neuentdeckung lohnt: satirische Texte, Reise- und Kriegsreportagen, politische Essays – und zauberhafte Kinderbücher.

In der Sendung kommt auch Irmela von der Lühe zu Wort, Kuratorin der Ausstellung "Erika Mann – Kabarettistin, Kriegsreporterin, politische Rednerin", die vom 11.10.2019 bis zum 30.6.2020 in der Monacensia, dem Literaturarchiv der Stadt München, zu sehen ist.

Ausstellungstipp: Erika Mann in der Monacensia

Erika Mann als Kriegskorrespondentin der US-Armee

11. Oktober 2019 – 30. Juni 2020

Erika Mann
Kabarettistin - Kriegsreporterin -
Politische Rednerin


Eine Ausstellung der Monacensia im Hildebrandhaus unter der Schirmherrschaft von Prof. Dr. Frido Mann

Monacensia im Hildebrandhaus, Maria-Theresia-Str. 23, 81675 München

Eintritt frei

Die Ausstellung präsentiert biografische Dokumente, Briefe, Manuskripte, Fotografien sowie Filmaufnahmen und Originaltöne einer bis an ihr Lebensende kämpferischen Frau, die für die Geschichte des 20. Jahrhunderts fesselnd und repräsentativ und für die Gegenwart höchst aktuell ist. Der Großteil der gezeigten Exponate entstammt dem umfangreichen literarischen Nachlass von Erika Mann, der in der Monacensia im Hildebrandhaus aufbewahrt wird.

Buchtipps:

Blitze überm Ozean: Aufsätze, Reden, Reportagen

  • Herausgeber: Irmela von der Lühe und Uwe Naumann
  • Autorin: Erika Mann
  • Taschenbuch: 512 Seiten
  • Verlag: Rowohlt Taschenbuch; Auflage: 1. (1. November 2001)
  • ISBN-10: 3499231077
  • ISBN-13: 978-3499231070


Erika Mann: Eine Lebensgeschichte

  • Autorin: Irmela von der Lühe
  • Taschenbuch: 480 Seiten
  • Verlag: Rowohlt Taschenbuch; Auflage: 1. (1. August 2009)
  • ISBN-10: 3499625350
  • ISBN-13: 978-3499625350


"Wie ich leben soll, weiß ich noch nicht"
Erika Mann zwischen "Pfeffermühle" und "Firma Mann"

  • Autorin: Ute Kröger
  • Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
  • Verlag: Limmat; Auflage: 1., (1. Oktober 2005)
  • ISBN-10: 385791484X
  • ISBN-13: 978-3857914843

CD-Box:

Der Kreis des Zauberers: Thomas Mann und Familie
Gesammelte Ton- und Filmdokumente

  • Herausgeber: Robert Galitz und Kurt Kreiler
  • Audio CD
  • Verlag: der Hörverlag (18. September 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3844523669
  • ISBN-13: 978-3844523669

Hörbuchtipp:

(Relaunch) Hörbuch Box-Set | Bild: Der Hörverlag (Edel) zum Artikel Die Kinder der Manns Hörbuch Box-Set mit 6 CDs

"Die Kinder der Manns" dokumentiert eine außergewöhnliche Familiengeschichte und präsentiert zugleich ein Panorama des 20. Jahrhunderts: sechs spannende und informative Features mit vielen Originaltönen der Familie Mann sowie den Stimmen von Rufus Beck, Gert Heidenreich, Sophie von Kessel, Ilse Neubauer u. v. a. [mehr]


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