Bayern 2


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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Testpflicht an Schulen

Unterstufe, erste Stunde, gelebte Testpflicht, es wird gegurgelt. Hören wir mal ins Klassenzimmer rein wie es läuft: „Ich hab’s verschluckt, ist das schlimm?“ „Haben sie noch einen Test, ich habe das Röhrchen nicht getroffen, ach und ich brauch einen Lappen zum Aufwischen.“ „Bei ihm kam es aus der Nase, da musste ich so prusten, dass die beiden vor mir fast alles abbekamen. Oh, der Test sagt gerade ich bin positiv, müssen die beiden vor mir jetzt auch in Quarantäne?“ Die Lehrkraft verlässt den Raum, man hört ein leises Schluchzen. Eine Glosse von Helmut Schleich.

Von: Helmut Schleich

Stand: 09.04.2021

Heute muss ich mich ausnahmsweise einmal der Staatsregierung anschließen. Der Kultusminister hat vollkommen recht, wenn er zur künftigen Testpflicht an bayerischen Schulen sagt: Besser geht es nicht. 17 Millionen Tests, AHA- Regeln und 2,6 Millionen FFP2- Masken für die Lehrer, wahrscheinlich alle einzeln vom Sauter verpackt, was will man da noch einwenden?

Schon zu meiner Schulzeit fanden viele die Schule zum Kotzen, aber dass der Brechreiz jetzt zwei Mal die Woche verpflichtend in der Schule herbei geführt wird, das ist doch echt ein Quantensprung - vielleicht auch ein Eingeständnis der Unterrichtsqualität, gerade im letzten Jahr.

Da ist es natürlich schon gut, dass von diesem schlechten Unterricht durch die Pflicht-Tests noch mal was wegfällt. Bleibt da vor lauter Hände waschen, Lüften, Maskenpausen und Schnelltests überhaupt noch Zeit für regulären Unterricht übrig? Gut, man muss natürlich sagen: auch testen lernen, Hände waschen, lüften sind Tools fürs Leben. Dann macht man halt das Hygiene- Abitur. Außerdem geht’s ja um was! Ich zitiere Markus Söder: „Das Gemeinschaftserlebnis Schule schützen!“ Also besser kann man dieses Chaos nicht verbal zukleistern.

Welches Gemeinschaftserlebnis da geschützt werden soll, wenn womöglich falsch positiv getestete Kinder plötzlich vor der Klasse bloß gestellt werden, das will ich mir gar nicht ausmalen. Und was das mit diesen Kindern macht, wenn sie dann isoliert womöglich den ganzen Vormittag warten müssen, bis sie abgeholt werden, weil die Eltern in der Arbeit sind, erst recht nicht. Aber vielleicht gilt einfach analog zum Sport: In der Gemeinschaft ist testen doppelt schön.

Wo er doch alles am besten weiß!

Und ein bisschen Demut ist auch angebracht vor unserem Landesvater. Schließlich hat er sich nach eigenem Bekunden in den letzten Tagen sehr ärgern müssen über die Vielzahl von Vorschlägen, die Lehrer- und Elternverbände rund um das Corona- Management an Bayerns Schulen gemacht haben. Wo er doch alles am besten weiß!

Drum kommt jetzt auch Sputnik V nach Bayern. Dass wir ausgerechnet russischen Impfstoff kaufen, weil wir den in Deutschland entwickelten anderen überlassen haben, so was kann man sich als Kabarettist nicht ausdenken und es darf getrost als der Treppenwitz der Corona- Krise gelten.

Und warum man jetzt in Schulen Reihentests macht, wo doch der Verwaltungsgerichtshof die regelmäßige Testpflicht für Mitarbeiter von Alten- und Pflegeheimen kassiert hat, das bleibt auch ein Rätsel.

Nur eines ist klar: Wenn die Inzidenz sinkt, dann liegt das daran, dass sich die Leute über Ostern nicht testen lassen. Wenn sie steigt, hat das mit der Zahl der Tests natürlich gar nichts zu tun, sondern liegt ausschließlich am Virus.

Eben alles eine Frage der Perspektive.


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