Bayern 2


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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Schaum-Forschung

Eigentlich wollte das Bundeswirtschaftsministerium ein Projekt fördern, das sich mit der Züchtung von Milchschaum gebenden Kühen beschäftigt. Trotz intensiver Suche hat man zu diesem Thema nichts gefunden. Das Ministerium hat sich dann für ein anderes Projekt entschieden. Eine Glosse von Helmut Schleich.

Von: Helmut Schleich

Stand: 23.10.2020

Da sage noch einer, es tut sich nichts am Standort Deutschland. Ein Projekt der Universität Hohenheim straft die Pessimisten jetzt Lügen. Dieses Forschungsprojekt untersucht nämlich die „Einflussfaktoren auf die Aufschäumbarkeit von Milch" und entwickelt ein "Onlineüberwachungs-System zur Früherkennung von Produktveränderungen“. Und damit die Bedeutung dieser Forschung jetzt von Ihnen nicht gering geschätzt wird, sei dazu gesagt: das Projekt wird mit 443.000 Euro unter anderem vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert. Es zählt damit nach eigenem Bekunden der Uni zu den „Schwergewichten der Forschung in Hohenheim“. Da kann man doch wirklich nichts mehr sagen, oder!? Ich finde nämlich auch, der Milchschaum ist eines der am sträflichsten vernachlässigten Themen in diesem Lande.

Beim Bierschaum wusste schon Rudi Carell „Zu viel Schaum zu wenig Bier, was für ein alter Trick, das Dumme ist, man merkt es oft erst auf den zweiten Blick!“ Gut, jetzt muss man dazu sagen, als Rudi Carell diese Zeilen gesungen hat, Ende der Siebziger Jahre, da hat man in Deutschland noch Filterkaffee mit Kondensmilch oder gleich mit Sahne getrunken. Aufgeschäumte Milch als Kaffeezusatz war hierzulande bestenfalls versierten Italien-Reisenden bekannt.

Aber heute zählt ja Cappuccino, Espresso macchiato oder ähnliches Gebräu zu den Standards deutscher Alltagskulinarik, neben Sushi, Ruccola oder Tomate mit Mozzarella und Basilika. Und welcher Latte-caramel-small-to-go-Trinker denkt sich nicht jeden Morgen am U-Bahn-Kiosk: wäre der Kaffee gut, wenn nur die Stabilität des Milchschaums nicht so hundsmiserabel wäre.

Ganz ehrlich: Der Tsunami an Kaffee-haltigen XXL-Getränken in Pappbechern mit Plastikdeckel drauf hat mit Kaffeekultur ungefähr so viel zu tun wie der Papst mit Familienplanung. Dabei die Qualität des Milschschaums in den Focus zu stellen, ist ungefähr so sinnvoll wie bei einem automobilen Totalschaden zu konstatieren: „Naja, der Blinker geht noch.“

Schön wäre, wenn die Forschung sich gleich anderen Schäumen mit annähme

Trotzdem müssen wir da jetzt durch. Denn Milchschaum in gleichbleibender Barista-Qualität, das ist es, worauf die Menschen in Deutschland Anspruch haben! Schön wäre, wenn die Forschung sich gleich anderen Schäumen mit annähme. Ich meine, wenn man eh schon in der Schaumforschung steckt. Was ist zum Beispiel mit den schaumigen Versprechen von Corona-Hilfspaketen für Selbständige aus dem Bundeswirtschafts- oder Finanzministerium? Was ist mit dem Europa-Schaum, den Uschi von der Leyen fast täglich produziert? Oder mit dem agrarpolitischen Schaum unserer Weinkönigin im Bundeslandwirtschaftsministerium? Vom Coronaschaum aus dem Kanzleramt wollen wir hier gar nicht reden.

Unmengen von Schaum und jeden Tag neu! Macht aber nichts, denn jeder Schankkellner weiß: Schaum ist auch Bier, nur halt verdammt wenig davon.

Eben alles eine Frage der Perspektive.


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