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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Einbürgerung - kaum einer will Deutscher werden

Wenn man als Ausländer acht Jahre in Deutschland lebt, kann man in der Regel einen Einbürgerungsantrag stellen und den kann man jetzt auch bayernweit online einreichen. Was für eine Erleichterung. Bei der Aussicht auf nur einen Mausklick, da geh‘n doch die acht Jahre wie im Flug vorbei. Eine Glosse von Helmut Schleich.

Von: Helmut Schleich

Stand: 07.05.2021

Wenn der Deutsche von anderen Nationen nicht gemocht wird, dann macht ihn das nervös. Einem Italiener, zum Beispiel, ist das relativ wurscht und der Franzose ist schon fast stolz drauf. Aber wir sind da historisch vorbelastet, drum haben die neuen, ziemlich niedrigen Einbürgerungszahlen in Deutschland viele aufgeschreckt.

Nur 1,1% der hier lebenden Ausländer haben 2018 von ihrem Recht auf Einbürgerung Gebrauch gemacht. Warum mögen uns die nicht? Oder mögen sie uns vielleicht schon, wollen aber nicht so werden wie wir? Und wie sind wir überhaupt?

Nehmen Sie diesen Bürgermeister von Rostock. Kennen’s schon, den Herrn Madsen, der da mit seinem eigenen Corona-Weg für Aufsehen gesorgt hat. Der ist Däne und obwohl er eine deutsche Stadt regiert sagt er, nein, er will gar nicht Deutscher werden. Er ist als Däne vollkommen zufrieden.

Gut, in Bayern verorten manche Rostock sowieso in Dänemark und was die Hanse angeht stimmt’s ja historisch sogar ein bisserl aber bemerkenswert ist es schon. Zumal der Herr Madsen damit ja klar macht, dass er sich als OB von Rostock für ausbefördert hält.

Landes- oder Bundespolitik ist in Deutschland bekanntlich deutschen Staatsbürgern vorbehalten. Drum ist es zum Beispiel möglich, dass ein Franke bayerischer Ministerpräsident ist und sich auf diesem Posten keineswegs für ausbefördert hält. Der kann auch Bundeskanzler werden, weil er Deutscher ist, aber er ist dummerweise in der falschen Partei, weil ein Bayer nicht in der CDU sein kann. Da nutzt ihm der beste deutsche Pass nichts.

Viele Türken machen übrigens von ihrem Einbürgerungsrecht keinen Gebrauch, weil sie ihre türkische Staatsangehörigkeit nicht aufgeben wollen. Das ist natürlich auch noch mal ein Thema. Wie vielen Staaten kann man angehören?

Es gibt ja zum Beispiel auch eine bayerische Staatsbürgerschaft

Es gibt ja zum Beispiel auch eine bayerische Staatsbürgerschaft. Das ist jetzt kein folkloristischer Scherz oder so, nein, das steht in der bayerischen Verfassung. Ich zitiere Artikel 6: Die bayerische Staatsangehörigkeit wird erworben durch Geburt, Legitimation, Eheschließung oder Einbürgerung.

Jeder Bayer hat also von Haus aus eine doppelte Staatsbürgerschaft. Und wenn man Bayer und Deutscher sein kann, dann kann man auch Bayer und Türke sein. Ich weiß gar nicht, ob zur Einbürgerung überhaupt ein bayerischer Sprachtest verlangt wird…

Wir sind ja auch nicht so penibel, was Leitkultur angeht. Bayerische Kultur ist heute weitgehend auf Folklore reduziert. Berge, Bier, Brezen. „Hock di hera samma mehra“. „Passt scho“, „A Guada hoit’s aus“. Solche Sachen. Drum haben wir als Bayern ja auch lange nicht so ein Problem mit unserer Identität wie als Deutsche. „Grundrechte zurückgeben“ ist ja grade groß in der Debatte. Vom Grundrecht Bayer zu sein sollten wir Gebrauch machen.

Eben alles eine Frage der Perspektive.


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