Bayern 2


10

Ende der Welt - Die tägliche Glosse Bleiben Sie gesund!

Am Anfang des Corona-Virus hieß es „Bleiben Sie zu Hause“, dann hieß es „Bleiben Sie gesund" und letztens stand auf einem Brief „Mit freundlichem Abstand“. Der Briefträger hat ihn übrigens persönlich übergeben. Von wegen Abstand. Eine Glosse von Helmut Schleich.

Von: Helmut Schleich

Stand: 22.05.2020

Mein Handybetreiber sorgt sich um mich. Ist das nicht schön? „Bleib Gesund“ steht seit einiger Zeit oben links auf dem Bildschirm, mit hashtag sogar. Abgesehen davon, dass ich es toll finde, dass mein Handy mit mir per Du ist, muss ich ehrlich sagen, so viel Fürsorge in diesen schweren Zeiten, das rührt mich an. Mehr noch: Es ist mir geradezu Auftrag und Verpflichtung, alles dafür zu tun, dass ich ja nicht krank werde, wenn mein Mobiltelefon mir mit jedem Blick aufs Display einbläut: Bleib gesund. „Gefälligst“ fehlt noch.

Und es ist ja beileibe nicht nur das Handy, das uns Gesundheit verordnet. „Bleiben Sie gesund!“, das steht zur Zeit unter jedem offiziellen und automatisch erstellten Schreiben von der Bank, der Versicherung, auf Kassenzetteln habe ich es auch schon gelesen. „Danke für Ihren Einkauf und bleiben Sie gesund.“ In Krisenzeiten rücken eben nicht nur die Menschen zusammen, auch die Maschinen schließen sich an. Du kannst auf Krücken mit gebrochenem Haxen daher kommen, Du kannst einen Heuschnupfen haben, dass alles zu spät ist, Du kannst depressiv sein, egal: „Bleiben Sie gesund!“ ist das Motto.

Und wer krank wird, ist selber schuld. Der hat halt nicht aufgepasst. Hätte er sich an die Regeln gehalten, wäre ihm nichts passiert. Im Grunde gehört so jemand nicht behandelt sondern gleich bestraft. Man hat es ihm doch wirklich oft genug gesagt: „Bleiben Sie gesund!“. Was macht der Depp? Er wird krank. So kann man sich in Corona-Zeiten einfach nicht verhalten! Es gibt klare Regeln und denen hat man Folge zu leisten. Dieses Denken funktioniert ja auch schon ganz gut.

Wir haben unsere Ignoranz nur mit Freundlichkeits-Phrasen zugekleistert

Jetzt kann man dieses „Bleiben Sie gesund!“- Getue natürlich auch einfach als die übliche, leere Phraseologie unserer Zeit betachten. Wir wünschen uns ja heute alle auch ständig „einen schönen Tag noch“, sagen nicht mehr „danke“ sondern „megadickes Dankeschön!“, oder „passen Sie auf sich auf“, so als wären wir alle dumme, kleine Kinder, die ohne diesen wertvollen Tipp schon am selbständigen Überqueren einer Straße scheitern würden.

Aber auch da muss man sagen, wir sind ja deswegen nicht netter, aufmerksamer oder umsichtiger geworden, wir haben unsere Ignoranz nur mit Freundlichkeits-Phrasen zugekleistert. Drum ist das auch gar kein Problem mehr, zu einem Herzkranken zu sagen „bleiben Sie gesund“. Kürzlich durfte ich folgenden Dialog belauschen: „Bleiben Sie bitte unbedingt gesund!“. Darauf die Antwort: „Sehr, sehr gerne!“ Vielleicht ist ja was dran an dem Satz, dass mittlerweile mehr Menschen an Corona verblödet sind als erkrankt.

Eben alles eine Frage der Perspektive.


10