Bayern 2


14

Endlich besser sehen Ein-Dollar-Brillen für Südamerika

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO haben weltweit 1,3 Milliarden Menschen Probleme mit den Augen. Aber eine Brille können sich viele nicht leisten. In Bolivien kämpft die deutsche NGO "Ein-Dollar-Brille" gegen das Problem.

Von: Moritz Pompl

Stand: 05.02.2019

Die neunjährige Neysa ist auf dem linken Auge blind - rechts sieht sie schlecht. | Bild: BR / Moritz Pompl

Im subtropischen Ascención de Guarayos, einer Kleinstadt im Tiefland Boliviens, hat man lange auf sie gewartet: auf das Team von “Lentes al instante”, was übersetzt so viel wie “Sofortbrille” heißt. Das Team besteht aus Deutschen, die hier ein freiwilliges Auslandsjahr machen, und aus Bolivianern wie Rider Cereza.

"Wir müssen schauen, wer heute alles kommt. Und dann werden wir bei jedem Patienten die Augen untersuchen, und die Brillen anpassen."

Rider Cereza, 'Lentes al instante'

Das Südamerika-Hauptquartier der Erlanger NGO "Ein-Dollar-Brille"

Augentest bei einer Kampagne in Ascencion de Guarayos im tropischen Tiefland Boliviens.

Hinter dem Projekt steckt die Erlanger NGO “Ein-Dollar-Brille”. Sie hat in Boliviens größter Stadt Santa Cruz de la Sierra ihr Südamerika-Hauptquartier bezogen. In einem Armenviertel stellt sie aus Spezialdraht wie für Zahnspangen stabile und günstige Brillengestelle her; dann schwärmt das Team aus, um die Brillen zu verteilen. Für zwei Wochen sind die Mitarbeiter jetzt in Ascención de Guarayos, um Menschen wie die 15-jährige Jennifer zu untersuchen. Sie spielt seit sechs Jahren Geige im Orchester, und heute Abend ist in der Kirche das große Jahres-Konzert.

"Jedes Konzert ist etwas besonderes, weil wir alles von uns geben, damit es gut klingt. Wir üben und üben. Jeder gibt einfach sein bestes. Bis es klappt."

Jennifer Lopez Melgan, Geigenspielerin

Auf dem Schoß hat Jennifer einen Stapel Noten: die Stücke für heute Abend. Die “Musica barroca” ist eine Mischung aus der europäischen Musik, die die Jesuiten mitgebracht haben, und südamerikanischen Rhythmen. Beim Spielen hat Jennifer in letzter Zeit immer öfter Probleme. 

"Manchmal kann ich die Noten schlecht lesen. So verschwommen. Das ist sehr schwierig, weil, gut lesen muss man schon können zum üben."

Jennifer Lopez Melgan, Geigenspielerin

Den meisten Patienten kann das Team helfen

Jennifer mit Rider beim Sehtest.

Jetzt wird Jennifer von Rider Cereza untersucht, so wie über 700 andere Patienten in den letzten Tagen. Er bringt sie in den Untersuchungsraum, den der Bürgermeister in einem Gebäude am Hauptplatz zur Verfügung gestellt hat. An fünf Tischen laufen die Augenuntersuchungen, mit Sehtests und Leseproben. Noch ist nicht sicher, ob Jennifer geholfen werden kann. Womöglich gehört sie zu den 20 Prozent der Patienten mit einer Hornhautverkrümmung oder Ähnlichem. Dann bräuchte sie teure Spezialgläser. Bei der Leseprobe klappt es bis zur vierten Zeile. Das Kleingedruckte kann Jennifer nicht mehr lesen. Und mit Gläsern? Rider hält Jennifer Linsen mit unterschiedlicher Stärke vor's Auge.

Brillen und Untersuchung für einen Tageslohn

Eine ganze Schulklasse ist gekommen - viele können sich eine Augenuntersuchung und Brillen sonst nicht leisten.

Unterdessen ist eine ganze Schulklasse gekommen. Kinder und Senioren können sich dank Spenden kostenlos untersuchen lassen und bekommen auch die Brillen gratis. Alle anderen zahlen 80 Bolivianos, rund zehn Euro. Das entspricht dem durchschnittlichen Tageslohn eines Bolvianers. Im Ort gibt es zwei Optikerläden, aber die seien nur für die Reichen, sagt Suizo de Nilson, der Bürgermeister von Ascención de Guarayos.

"Die Läden haben wirtschaftliche Interessen und helfen den Leuten nicht. Und im katholischen Krankenhaus gibt es keine Augen-Abteilung."

Suizo de Nilson, Bürgermeister von Ascención de Guarayos

Die neunjährige Neysa ist auf dem linken Auge blind - rechts sieht sie schlecht.

Gerade für Schülerinnen und Schüler ist es fatal, wenn sie schlecht sehen. Denn das bedeutet, sie kommen in der Schule nicht mit, schaffen keinen guten Abschluss, und tun sich schwerer, eine Arbeit zu finden. Eine der Schülerinnen ist Neysa. Die Neunjährige ist auf dem linken Auge blind. Es ist seit einem Unfall mit einem Messermilchig-weiß. Mit dem rechten Auge sieht sie schlecht. Bei der Leseprobe, die Rafael Samorano vom Team mit Neysa macht, wird sie schnell müde. Doch bei der Leseprobe zeigt sich, dass Neysa mit den Linsen der "Ein-Dollar-Brille" selbst die kleinsten Zeilen lesen kann.

"Wir konnten das um vier Linien verbessern. So wird sie besser lernen können."

Teammitglied Rafael Samorano

Zwei Tische weiter blickt auch die 15-jährige Jennifer durch Testgläser mit unterschiedlicher Stärke. Und auch ihr kann das Team helfen. Rider Cereza muss nur noch ein vorgebogenes Brillengestell nehmen und die passenden Gläser einsetzen. Von +7 bis -7 Dioptrien hat das Team alles dabei. Es sind Plastikgläser aus China, die sich später leicht austauschen lassen, wenn der Patient eine andere Stärke braucht. Damit die Bügel der Brille hinters Ohr passen, misst Rider die Länge und biegt den Draht zurecht. Ob es jetzt auch mit dem Notenlesen besser klappt? Jennifer macht sich auf Richtung Kirche, zum Jahreskonzert. Sogar das lokale Fernsehen ist da. Das Orchester nimmt vor dem Altar Platz. Jennifer geht im Kopf noch einmal die Noten durch, bewegt dabei fast unmerklich die Lippen. Das Konzert beginnt.

"Ein bisschen nervös war ich schon. Aber die Noten hab ich gut gesehen."

Jennifer Lopez Melgan

Es ist das erste Mal seit Jahren, dass Jennifer die Noten dank ihrer neuen Brille wieder klar sehen kann.

Hier gibt es den Radiobeitrag im Podcast. Er ist mit Unterstützung des European Journalism Centre entstanden.


14