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Trau Dich! Ehegeschichten aus Bayern

Was ist das eigentlich genau, eine Ehe - außer einer Illusion mit galoppierendem Realitätsverlust, einem institutionalisierten Alptraum, einer progressiv ansteigenden Täuschung und Enttäuschung? Sonst noch was? - Thomas Grasberger wagt sich ins historische und zeitgenössische Gestrüpp von Ehe(un)ordnungen, die neben viel Glück und viel Leid auch stets für recht unterhaltsame Geschichten gesorgt haben.

Von: Thomas Grasberger

Stand: 17.04.2021 | Archiv

Für die einen ist sie ein überflüssiges Auslaufmodell, für die anderen bleibt die Ehe das Fundament einer christlich-abendländischen Zivilisation; allerdings ein zunehmend wackliges. Denn jedes dritte Kind hat heute bei seiner Geburt unverheiratete Eltern. Trotzdem ist das Heiraten nicht völlig "out" bei jungen Leuten. Immerhin geben sich im Freistaat jedes Jahr 60.000 Paare das Jawort, um anschließend mit einem unvergesslichen Event zu feiern.

Heiraten in Bayern: Finanzspekulation oder Liebe?

Amtlich verbrieftes Glücksversprechen

Steuerbegünstigungen hin, Ehegatten-Splitting her – rein ökonomische Beweggründe wie noch im 19. Jahrhundert stehen dabei wohl seltener im Vordergrund. Hieß es früher in einschlägigen Berichten noch öfter "Das Heirathen ist eine reine Finanzspeculation", steht heute ein umfassenderer Anspruch hinter dem amtlich verbrieften Glücksversprechen.

Motive für die Hochzeit: Eheglück in Bayern wurde gern in Mark und Pfennig berechnet

Bauer sucht Frau. Heutzutage gibt's dafür Internetportale und Fernsehserien. Im Bayern des 19. Jahrhunderts wurde ebenfalls gern professionelle Hilfe in Anspruch genommen - vom sogenannten "Heiratmacher" oder Heiratsschmuser. Wenn der sein Geschäft verstand und die Mitgift stimmte, hieß es für die potenzielle Hochzeiterin bald "auf die B'schau zu gehen", also Haus und Hof und Stall des Zukünftigen genauestens zu inspizieren. Wenn's passte, wurde verhandelt. Und zwar durchaus hart. Da ging's oft um ein Stück Vieh hin oder her. Eheglück in Bayern wurde halt gern in Mark und Pfennig berechnet – s'Zeug muss eben zammpassen. Daher liest man in den Physikatsberichten des 19. Jahrhunderts nicht selten Sätze wie diesen:

"Das Heirathen ist eine reine Finanzspeculation. Geld oder Geldeswerth ist das entscheidende Motiv der Wahl. Es findet sich nicht Herz zum Herzen, sondern Geld zum Gelde."

(Aus Physikatsbericht, 19. Jhrdt.)

Scheidungsstatistiken: Wenn aus der Trauung mit der Zeit ein Trauerspiel wird

Enttäuschungen waren freilich zu keiner Zeit ganz auszuschließen, dürften aber bei reinen Liebesheiraten, die im Ehealltag einer gewissen Abnutzung unterliegen, deutlich häufiger sein. "Mach mich glücklich!" heißt der schwer zu befolgende Imperativ, der die Trauung auf Dauer oft zur Trauer werden lässt. Derzeit 25.000 bayerische Scheidungen im Jahr belegen diese These.

Vom Ehebruch zur Scheidung: Scheidungsrecht im Mittelalter

Bei Eheprozessen wurde immer Klartext gesprochen, auch im Spätmittelalter, sagt die Münchner Historikerin Miriam Hahn, die die Paarbeziehungen jener Epoche genauer unter die Lupe nimmt. Moralisiert wurde im katholischen Eherecht des 15. Jahrhunderts überhaupt nicht. Im Gegenteil, ganz frei wurde zugegeben, wer mit wem Geschlechtsverkehr hatte, auf welche Weise und wie oft Ehebruch begangen wurde. Und keiner dieser Ehebrecher wurde damals von einem weltlichen Gericht zu Schandstrafen verurteilt.

Geplatzter Traum vom Dauerglück

"Frauen haben genauso betrogen wie Männer. Wir haben auch Fälle von weiblicher Gewalt gegen ihre Männer, also das gab's auch. Das gab's zu allen Zeiten, das gibt's auch heutzutage, allerdings muss man schon dazu sagen, wir hatten mehr Fälle von Gewalt gegen Frauen in der Ehe. Könnte vielleicht auch damit zusammenhängen, dass sich die Männer vor Gericht nicht damit outen wollten, dass sie von ihren Ehefrauen geschlagen wurden. Man weiß nicht, was alles dahinterstand, aber prozentual waren es doch mehr Männer, die ihre Frauen schlugen. Und dann kamen die Frauen vor Gericht und ließen sich trennen.

Oft ging Gewalt auch mit Ehebruch einher, oft auch mit Impotenz. Da wurde der impotente Ehemann gewalttätig aus Frust, und was sonst noch so alles in der Ehe passierte. Und in diesen Fällen konnten die Frauen, wenn das Gericht entschieden hatte, dass sie sich trennen durften, ihre Mitgift zurück verlangen. Sie konnten dann ihren eigenen Hausstand haben, sie waren eigenständige Persönlichkeiten und konnten ihren Geschäften nachgehen."

(Miriam Hahn, Münchner Historikerin)

Die Mär vom ach so dunklen Mittelalter erweist sich bei genauem Hinsehen also auch in Ehefragen als Produkt einer Propaganda, die nicht nur im Lichte, sondern vor allem auch im Dienste der Aufklärung betrieben wurde.

Von Otto Julius Bierbaum bis Oskar Maria Graf und Lena Christ: "Bedenke der Freiheit Vergänglichkeit..."

So mancher hat sein Martyrium in Worte gefasst und als Ehemarterl den Nachgeborenen zu Mahnung aufgestellt. Freilich vergebens, wie wir aus zahlreichen literarischen und historischen Dokumenten wissen. Von Oskar Maria Grafs Bahnhofsvorsteher Xaver Bolwieser bis zu Lena Christs Ehegeschichten, vom bayerischen Stammesrecht der frühmittelalterlichen Lex Baiuvariorum bis zu Scheidungsritualen der Neuzeit – Thomas Grasberger wagt sich ins historische und zeitgenössische Gestrüpp von Ehe(un)ordnungen.

Ehemarterl

"Hier fiel ich, steh, Wandrer, und bet ein Gebet,
In die Hände meiner Frau, der Anna Margreth;
Es war am fünfundzwanzigsten Mai,
Als ich ging an diesem Baume vorbei,
Hinter dem sie ganz von ungefähr stand;
Ich sagte Guten Abend und gab ihr die Hand.
Damals war ich ein Junggesell,
Und deshalb verliebte ich mich sehr schnell;
Sie behauptete von sich selber das Gleiche
Und verlangte, dass ich die Hand ihr reiche
Nächstens und schleunigst auch am Altar,
Der zufällig hier in der Nähe war.
Und deshalb, weil dieses wirklich geschehn,
Sag ich: Oh Wandrer, bleibe hier stehn,
Bedenke der Freiheit Vergänglichkeit,
Bet ein Gebet und bleibe gescheit.
Bums Bärlaatsch, Bauer und Ehemann,
Der ein Wort davon mitreden kann."

(Gedicht von Otto Julius Bierbaum, 1865-1910)


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