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BuchFavorit Edward Timms: "Die geheimen Tagebücher der Anna Haag"

Ausführlich hat die Frauenrechtlerin, Schriftstellerin und Pazifistin Anna Haag in den Jahren des Zweiten Weltkriegs Tagebuch geführt. Aber die Aufzeichnungen wurden erst nach ihrem Tod 1982 gefunden. Der britische Germanist und Kulturhistoriker Edward Timms publizierte sie drei Jahrzehnte später, im Jahr 2016. Jetzt liegt sein Buch auch auf Deutsch vor.

Von: Heinz Gorr

Stand: 04.06.2019

Buchcover "Die geheimen Tagebücher der Anna Haag" von Edward Timms | Bild: Scoventa Verlag, Montage: BR

Während am Beginn des Jahres 1941 ein großer Teil der Bevölkerung noch übereinstimmt mit den jubelnden Parolen der Kriegspropaganda, attestiert die damals 52-jährige Anna Haag den Deutschen eine kollektive Psychose.

"Zuweilen habe ich den Eindruck, als ob ein Massenwahnsinn das deutsche Volk ergriffen habe und als ob ein Gehirnschwund in großem Ausmaß um sich fräße. Denken ist heute überhaupt nicht mehr Mode."

Anna Haag, Stuttgarter Demokratin und Pazifistin

Zu diesem Zeitpunkt möchte Haag bereits nicht mehr "deutsch" sein, rüttelt "wie ein Gefangener an den Stäben" ihres Gitters, doch ein Entkommen aus der seelischen Not, "nichts tun" zu können, erscheint utopisch. Wie nur wenige Zeitgenossinnen fasst sie im ersten Kriegsjahr den mutigen Entschluss, das, was um sie herum geschieht, aber auch Schilderungen von Frontsoldaten sowie Radio-Nachrichten von "Feindsendern" zu dokumentieren - als geistiges Gegengewicht zur einschüchternden Medienmaschinerie der Nazis. Das Gesamtkonvolut ihrer handschriftlichen Notizen umfasst mehr als 2000 Seiten. Welches Risiko sie mit den als Schulheften getarnten und im Kohlenkeller versteckten Kriegstagebüchern eingeht, ist Anna Haag bewusst:

"Ein Denunziatiönchen, eine anschließende Haussuchung und schon wäre ich meinen Kopf los."

Anna Haag

Anna Haags Aufzeichnungen werden zu einer Chronik des Schreckens

Haag, die als junge Mutter mit ihrem Mann Albert während des Ersten Weltkriegs in Rumänien lebte und dort mitbekam, wie schnell man zwischen die Fronten kommen kann, analysiert hellsichtig, worauf die aggressive Expansionspolitik Hitlers abzielt: das Ehepaar hatte "Mein Kampf" genau studiert und früh erkannt, dass der im Skript immer mit Anführungszeichen erwähnte "Führer" seine Vernichtungsstrategien umsetzen kann, wenn die Gefolgschaft da ist. "Dieser eine Verbrecher", schreibt sie im Frühjahr 1941, ist wohl nicht allein "schuld an all dem Jammer auf Erden":

"…so muss ich immer wieder sagen, dass bestimmt eine große Zahl gleichgerichteter Willen in unserem Volk vorhanden sein müssen, dass vor allem die Generale, die Offiziere überhaupt, diese 'Religion' zu der ihren gemacht haben, und dass selbstverständlich das dumme Volk es nachbetet."

Anna Haag

Anna Haag wurde zur Kritikerin des Nationalsozialismus, weil ihr Wertesystem tief im deutschen Liberalismus der Jahrhundertwende verwurzelt war, zudem hatte sie sich in der Zwischenkriegszeit der Friedensbewegung angeschlossen. Als in ihrer nächsten Umgebung Deportationen jüdischer Mitbürger beginnen, Nachrichten von Massenerschießungen die Runde machen und die Brutalität der überzeugten NS-Anhänger nicht mehr zu übersehen ist, werden ihre Notate zu einer Chronik des Schreckens:

"Es ist wie eine Lawine: einmal ins Rollen gekommen, wächst sie – so schwillt das Verbrechen der Nazis an. Automatisch. Ich glaube, die Juden schafft man jetzt fort, damit sie nicht da sind, wenn etwas schief gehen sollte, damit sie nicht auf diesen und jenen deuten und ihn anklagen können. Ach, ich fürchte, sie kommen alle um!"

Anna Haag

Besonders eindrücklich: Anna Haags scharfsinnige Analysen

Der britische Germanist und Kulturhistoriker Edward Timms hat Haags geheime Tagebücher dem Dämmerschlaf des Stuttgarter Stadtarchivs entrissen und diese einzigartigen Quellen erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. In seiner Studie zeichnet er das Leben der Journalistin und Schriftstellerin nach, bettet ihre Biografie in die Zeitgeschichte ein. Timms geht dabei nicht immer streng chronologisch vor, stellt die von ihm ausgewählten Tagebucheinträge aber ins Zentrum. Nicht durchgängig ist die Perspektive der erlebenden Schreiberin im Vordergrund, dabei sind diese Passagen die eindrücklichsten: ob es sich um scharfsinnige Analysen oder um die Rufe einer Verzweifelnden handelt.

"Wann endlich wird Hilfe von außen kommen? Wir im Inneren schaffen's nicht! Unmöglich! Ein SS Mann mit einem Maschinengewehr ist stärker als 1000 entflammte aber unbewaffnete Gegner!!!"

Anna Haag

Dass Timms die tadellose Dokumentation seiner Quellen und Anmerkungen ans Ende setzt, ermöglicht einen reibungslosen Lesefluss. Die ständige Interaktion zwischen der politischen Ebene und dem privaten Leben, dem Alltag ganz normaler Menschen, nachzuzeichnen, ist Haags individuelle Gabe und das große Verdienst dieses jetzt auch auf Deutsch vorliegenden Buchs.

Edward Timms: Die geheimen Tagebücher der Anna Haag. Eine Feministin im Nationalsozialismus

Aus dem Englischen von Michael Pfingstl
Scoventa Verlag, Bad Vilbel 2019 - 328 Seiten mit Abbildungen


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