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Strengere Düngevorschriften Gülle: Ein zunehmendes Problem für Umwelt und Landwirte?

Die Düngeverordnung, die seit 2017 in Kraft ist, ist eine Reaktion auf die Verstöße Deutschlands gegen die Nitrat-Richtlinie der EU. Zu viel Gülle gilt als eine der Ursachen für Nitrat im Grundwasser. Aber nun gibt es strengere Regeln, wann und wie Gülle ausgebracht werden darf und wie Gülle gelagert werden muss.

Von: Jutta Schilcher, Landwirtschaft und Umwelt

Stand: 25.05.2018

Einen schönen großen offenen Laufstall hat Landwirt Simon Sedlmair seinen 300 Kühen spendiert. Gut fürs Tierwohl. Als Bauer Sedlmair den Stall seinerzeit baute, wusste er natürlich, dass die vielen Tiere riesige Mengen an Gülle produzieren. Bis zu 38.000 Liter Urin und Kot pro Tag. Er baute Gülle-Lagerkapazitäten für sechs Monate. So waren die Regeln. Jetzt gibt es neue Regeln, und der Bauer muss nun eine Lagerkapazität für neun Monate nachweisen. Heißt: er muss noch einen Behälter bauen.

"Ich rechne: Allein für den Behälter, bis der funktionsfähig ist, werde ich mich wieder um die 160.000 Euro bewegen. Also, für mich absoluter Irrsinn."

Simon Sedlmair, Milchviehhalter

Viele Bauern haben jetzt ein Nährstoffüberschuss-Problem

Gülle ist für die Landwirte ein wichtiger Nährstofflieferant. Doch seit der Novelle der Düngeverordnung darf nicht mehr so viel Gülle ausgebracht werden wie bisher. Maximal 170 Kilo Stickstoff aus organischen Düngern pro Hektar und Jahr dürfen jetzt auf den Wiesen und Äckern landen. Organische Dünger: das sind Gülle, Gärreste aus der Biogasanlage, Kompost, Mist und Klärschlamm. Sie alle fallen unter die neue Vorschrift. Gewaltige Auswirkungen hat das speziell im Voralpenland, denn dort entzieht das Grünland den Böden viel Stickstoff.

"Wenn wir jetzt nur noch 170 Kilo Stickstoff organisch düngen dürfen, müssen wir den Rest mineralisch zukaufen."

Michael Höhensteiger, Maschinen- und Betriebshilfsring Aibling-Miesbach-München

Gülle-Abnehmer gesucht: Güllebörse im Netz

Seit der Novelle der Düngeverordnung darf nicht mehr so viel Gülle ausgebracht werden wie bisher.

Die Bauern rund um Rosenheim zum Beispiel mähen im Grünland bis zu sieben Mal im Jahr und könnten die Gülle als Dünger gut brauchen, dürfen sie aber nicht mehr ohne Einschränkung verwenden. Was tun? Eine Möglichkeit: Mehr Flächen pachten, doch die sind rar und teuer. Zweite Möglichkeit: Weniger Tiere halten. Auch schwierig, wenn man womöglich gerade erst einen neuen Stall gebaut hat, der noch nicht abbezahlt ist.

Eine dritte Lösung gibt es noch: Abnehmer für die Gülle suchen. Es gibt eine Güllebörse im Netz, aber die funktioniert zurzeit nicht wirklich gut. Die Transportentfernungen betragen zum Teil über hundert Kilometer. Dazu kommen die Kosten. Der Bauer, der Gülle abgibt, zahlt dafür kräftig und muss auch noch den zusätzlichen Nährstoffbedarf auf dem Acker mit Mineraldünger decken, den er zukauft. Für manche Betriebe ist das existenzbedrohend.

Neue Bauvorschriften für Güllebehälter stiften Verwirrung

Parallel zur Düngeverordnung hat der Gesetzgeber auch neue Bauvorschriften für Güllebehälter erlassen. Zwar haben die reinen Güllebehälter bisher kaum Umweltprobleme verursacht. Weil es aber schon undichte Biogasanlagen oder umgekippte Güllefässer gab, können die Genehmigungsbehörden - nicht zuletzt aus Sorge ums Grundwasser - immer mehr fordern von den Bauern. Die Behörden sehen Gülle inzwischen nicht mehr als hochwertigen Dünger, sondern vor allem als wassergefährdenden Stoff. Deshalb müssen zum Teil Baustoffe verwendet werden wie für Mülldeponien.

"Ich sehe das als ausgesprochen schwierig an, weil die [Bauern] haben keine Planungssicherheit mehr, keine Investitionssicherheit mehr, weil sie ja nicht wissen, ob das, was sie bauen, morgen noch zulässig ist."

Christoph Roßberger, Hersteller von Güllebehältern

Die Verordnung gibt nur den Rechtsrahmen vor

Zur Unsicherheit der Bauern und Behörden, Baufirmen, Planer und Gutachter trägt zurzeit vor allem die "Verordnung über Anlagen zum Umgang mit wassergefährdenden Stoffen" bei. Sie gibt zwar den Rechtsrahmen vor, lässt aber viele technische Fragen rund um die Güllebehälter noch offen. Wenn Landwirte bauen, können sie nicht sicher sein, dass sie jetzt für alle Zeiten Ruhe haben. Vielleicht kommen bald schon neue Vorschriften rund um die Ammoniak-Emissionen. Stichwort: NEC-Richtlinie, mit der die Ammoniakwerte gesenkt werden sollen.

Bayern versucht mit der "Initiative Nährstoff-Management" zu helfen

Probleme mit der Gülle, die ständige Kritik der Bevölkerung an Wasserverschmutzung, hohen Viehbeständen, dazu steigende Kosten und Rechtsunsicherheit - all das nagt an den Landwirten. Ihre Unzufriedenheit und ihren Druck bekommt auch die Politik zu spüren. Das bayerische Kabinett hat inzwischen die "Initiative Nährstoff-Management" beschlossen. Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums werden bis zu 20 Millionen Euro ausgegeben für die Schaffung von Lagerkapazitäten, also auch für den Bau von Güllebehältern. Außerdem soll es Geld geben für Forschung im Bereich der Wirtschaftsdünger­Aufbereitung; das Ziel sind alternative Verwertungswege. Es wird also versucht, die Folgen der Verordnung abzufedern, Ausnahmen durchzusetzen, dabei sind einige Punkte der Düngeverordnung noch gar nicht umgesetzt.

Die Landtags-Grünen halten nichts von der Initiative

"Rote Gebiete": Nitratbelastung in Bayerns Grundwasser

Die Grünen im bayerischen Landtag hoffen dagegen, dass endlich ein wichtiger Bestandteil der Düngerichtlinie umgesetzt wird, nämlich der zusätzliche Schutz für sogenannte "rote Gebiete". "Rote Gebiete" sind Areale, in denen das Wasser jetzt schon belastet ist. Dann steht fest, wo die Bauern noch etwas mehr Rücksicht aufs Wasser nehmen müssen und was sie dafür tun müssen. Geplant ist zum Beispiel mehr Abstand zu Gewässern, wenn Bauern in "roten Gebieten" Gülle ausbringen. Außerdem soll der Bodenstickstoff auf allen Flächen untersucht werden und bei der Düngeplanung berücksichtigt werden.

Die Landtags-Grünen hoffen, dass das sowohl im Frühjahr vor der ersten Düngung als auch im Herbst passiert. Nur dann könne ausrechnet werden, wie viel Stickstoff über den Winter verloren gegangen ist, also vermutlich im Grundwasser gelandet ist und nicht in den Pflanzen.


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