Bayern 2


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Wirsing, Rettich und Kartoffel aus Bamberg Dieser Gärtner rettet alte Gemüsessorten

Bamberg ist bekannt für seine Gärtner. Mitten in der Altstadt, direkt hinter den Wohnhäusern, liegen bis heute Anbauflächen für Kräuter, Blumen und Gemüse. Dass hier heute noch historische Sorten mit langer Tradition wachsen, ist vor allem einem zu verdanken.

Von: Sabrina Nitsche

Stand: 13.05.2019

Michael Niedermaier sitzt auf dem Traktor beim Knoblauchhacken. | Bild: Sebastian Niedermaier/privat

Die Bamberger Gemüsesorten sind einzigartig in Geschmack und Form: der spitz zulaufende Bamberger Wirsing, das krumme Bamberger Hörnla, der milde Bamberger Knoblauch oder der würzig-scharfe Rettich. Dass es diese Sorten heute noch gibt, ist vor allem Michael Niedermaier zu verdanken. Er sammelt seit Jahrzehnten Samen von alten Sorten und rettet diese so vor dem Verschwinden. So auch den Rettich:

"Jede Familie hat da ihre eigene Linie und zieht ihren eigenen Samen. Das ist der Samen den wir von der Familie Eichfelder mal bekommen haben. Der Mo ist schon lange gestorben, aber seinen Samen haben wir gekriegt und den dürfen wir seitdem auch anbauen."

Michael Niedermaier

Zusammen mit seinem Sohn Sebastian produziert Michael Niedermaier mitten in der Bamberger Gärtnerstadt sein Gemüse und verkauft es in seinem eigenen Hofladen. Saisonal, regional und biologisch. Damit es immer genug Samen gibt, muss jede Sorte regelmäßig nachgebaut werden.

Bamberger Rettich mag nur Bamberger Boden

Früher hat jeder Bamberger Gärtner seinen eigenen Samen angebaut und auch nicht hergegeben. Die traditionsreichen Samen haben sich über die Jahrhunderte hinweg speziell an die Bamberger Verhältnisse angepasst. Zum Beispiel der Rettich:

"Wenn man den in Kitzingen aussät, dann göckert er, dann wächst er aus auf Hochdeutsch."

Michael Niedermaier

Das heißt, der Rettich beginnt zu blühen, wird dadurch holzig und schmeckt nicht mehr. Viele Bamberger Gärtnerfamilien haben ihre Gemüsesorten über Generationen hinweg angebaut und immer wieder weiter vermehrt. So haben sich diese Haussorten nahezu perfekt an Boden und Klima angepasst, sind deshalb besonders widerstandsfähig gegen Krankheiten und Schädlinge und relativ anspruchslos. Zudem sind die alten Gemüsesorten einzigartig in Geschmack und Aussehen.

Alte Sorten sind vom Aussterben bedroht

Doch trotz all ihrer Vorzüge waren und sind viele Lokalsorten vom Aussterben bedroht. Verdrängt werden sie vor allem von den sogenannten F1 Hybriden großer Saatguthersteller.

"In den 60-70er Jahren sind die sogenannten F1 Hybriden aufgekommen, die waren viel einfacher zu ernten. Du hast 10.000 Salat gepflanzt und konntest die innerhalb einer Woche abernten."

Michael Niedermaier

Alte Sorten reifen langsamer

"Die alten Sorten wachsen nicht so uniform, dafür haben sie einen viel besseren Geschmack. Ich habe dann angefangen, das alte Zeug zu sammeln und bin dafür sehr belächelt worden. 'Was willst du mit dem alten Zeug', haben viele gesagt und jetzt wollen es alle."

Michael Niedermaier

Beim Wirsing dürfen nur die schönsten Pflanzen verwendet werden

Anfang Mai steht der Bamberger Wirsing kurz vor der Blüte. Als Wirsing erkennen würde die Pflanze aber kaum jemand. Denn ein Blätterkopf wie man ihn sonst kennt ist nicht zu sehen. Nur acht holzige Strünke aus denen 50 Zentimeter hohe Blütenstiele wachsen. Im Vorjahr haben die Niedermaiers fast 5.000 Stück angebaut, davon die schönsten ausgesucht und davon wiederum Samen gezogen. Nur die schönsten Pflanzen dürfen zum Samenziehen verwendet werden, um die besten Eigenschaften der Sorte - Robustheit, kräftiger Wuchs, die typische spitze Form des Kopfes - zu erhalten. Sind die besten Pflanzen ausgewählt, müssen die Strünke samt ihrer Wurzel im Herbst ausgestochen und dann überwintert werden. Dazu pflanzen Sebastian und Michael Niedermaier sie im geschützten Innenhof der Bamberger Gärtnerstadt in ein Beet. Dort beginnt der Wirsing im März auszutreiben. Damit den Blütenständen nichts passiert, die Stiele nicht unter der Last der Samen abknicken, muss jeder einzelne Stiel gestäbt werden.

Viel Arbeit, die sich lohnt

Der Bamberger Wirsing braucht aber auch danach noch viel Pflege. Damit der Samen eine gute Qualität hat, muss er gedüngt werden. Schädlinge hat er viele: Weiße Fliege, Läuse, Raupen, Kohlweißling. Damit die Schädlinge dem Wirsing mit den Samen nicht schaden können, decken die Gärtner ihre Mutterpflanzen nach der Blüte mit einem feinmaschigen Insektenschutznetz ab. Im Juli reifen die Samen des Wirsings. Die trocknen die Gärtner und dreschen sie im Winter von Hand aus. Trocken und kühl gelagert bleibt das Saatgut viele Jahre keimfähig und die alte Sorte damit lebendig.


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