Bayern 2


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Wenn Deutsche verreisen Die „Touris“ sind immer die anderen

Urlaub bedeutet Reisen. Kaum einer erforscht den Tourismus mit so viel Leidenschaft wie Hasso Spode von der TU Berlin. Er erklärt im Interview, warum er manche Reisende ganz schön verlogen findet.

Von: Julia Zöller

Stand: 28.07.2018

Symbolisch: Ein Wanderer trägt einen schweren Rucksack | Bild: colourbox.com

Bayern 2 am Samstagvormittag: Wenn jemand sagt, „Ich habe Urlaub“, dann kommt als Gegenfrage immer sofort: Wohin fährst du? Es ist also offenbar selbstverständlich, dass man nicht zu Hause bleibt. Seit wann ist das so?

Hasso Spode: Also das Urlaub machen, um das zu können, muss man erst einmal Urlaub haben. Und Urlaub hat man eigentlich erst seit dem Kaiserreich. 1873 fängt es an, dass Beamte eine bezahlte Freistellung von der Arbeit bekamen und denen folgten dann auch die Angestellten und andere so genannte Geistesarbeiter, wie man damals sagte. Das war bis zum Ersten Weltkrieg allerdings eine kleine, privilegierte Gruppe von ungefähr zehn Prozent der Bevölkerung. Der Rest hat durchgearbeitet. Erst 1895 ist überhaupt der Sonntag arbeitsfrei geworden. Da hinkten die Deutschen den Engländern noch weit hinterher. Und erst in der Weimarer Republik, als dann die Gewerkschaften anerkannt waren, ist auch für Arbeiter ein tariflicher Urlaubsanspruch eingeführt worden. Der war aber nicht sehr lange. Das waren meistens nur drei vier Tage.

Und seit wann gelten wir Deutschen als reiselustiges Volk?

Das ist eigentlich ein Selbstbild, was die Deutschen schon sehr früh hatten. Schon um 1800 in der Romantik sahen sie sich sozusagen als Reiseweltmeister, was empirisch gar nicht zutrifft. Es waren die Engländer. Aber die Deutschen haben sich selbst schon sehr früh als die reiselustigste Nation gesehen. Das waren so diese Dichter und Denker, die dann auf Schusters Rappen durch die Natur zogen.

Seit wann können denn die Deutschen in der Mehrheit wegfahren?

Das passiert erst sehr spät. Das ist eigentlich erst meine Generation, also die Generation der Babyboomer. Die waren die Ersten, die relativ regelmäßig in den Urlaub fuhren. Das nennt man die Reise-Intensität als Fachbegriff, also der Anteil der Bevölkerung, der mindestens einmal im Jahr verreist. Und diese Reise-Intensität wird in Westdeutschland erst Anfang oder Mitte der Siebziger Jahre erreicht, dass sie da 50 Prozent hat. Das wäre dann die Mehrheit die jährlich verreist. In der DDR schon ein bisschen früher.

Gilt eigentlich immer noch die Devise: Wir fahren immer mehr, immer weiter, immer aufwendiger weg oder stagniert das?

Der Anteil der Fernreisen, wenn man mal das ganze Mittelmeer, also auch die arabischen Länder wie Tunesien, Ägypten nicht zu den Fernreisen zählt, der Anteil der Fernreisen bleibt erstaunlich konstant, bei rund einem Zehntel. Das hat sich seit langem nicht großartig verändert.

Wie erklären Sie sich das?

Wissen Sie, erstens brauchen Sie eine Menge Geld, zweitens eine Menge Zeit und drittens auch eine gewisse Reisererfahrenheit. Seit es den Tourismus gibt, also seit gut 200 Jahren gibt es ja dieses schöne Distinktionenspiel. Die Soziologen nennen das soziale Distinktion, dass die bürgerlichen Schichten immer sagen: Wir sind Reisende aber guck mal da die doofen Touristen. Das haben wir also heute auch noch, dieses Spielchen. Wer also nach Malle fliegt, ist ein doofer Tourist. Aber wer dann mit Rucksack durch Indien zieht, das ist ein Reisender und da haben wir in diesen Bildungsschichten eine, wie ich finde, irritierende Verlogenheit. Denn es sind gerade diese linksgrünen alternativen Bildungsschichten, die die größten ökologischen Fußabdrücke im Urlaub hinterlassen, indem sie nämlich die Fernreisen machen. Diese kleine Schicht von jungen und gebildeten Leuten ist es, die immer schon die Fernreisen gemacht hat und die auch heute noch die Fernreisen dominieren.

Wie politisch sind die Deutschen eigentlich beim Reisen? Wie man hört, reisen sie zum Beispiel jetzt wieder gern in die Türkei und scheinen sich durch Erdogan wenig beeindrucken zu lassen.

Das prägende Beispiel war die Franco-Diktatur in Spanien. Dort herrschte bis Ende der Siebziger auch eine Diktatur, vergleichbar irgendwie mit Erdogan jetzt. Und trotzdem sind die Deutschen hingefahren und der Streit ging von Anfang an: Soll man hinfahren um sozusagen mit den Menschen in Kontakt zu treten und die Gutmeinenden oder auch die Gegner Francos zu unterstützen? Oder soll man nicht hinfahren, weil man das Geld in das Land trägt und damit das Regime stützt? Genau diese beiden Varianten, das zu betrachten, haben wir auch heute mit Blick auf die Türkei.


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