Bayern 2


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Psychogramm einer Unzeit Die Sonn- und Feiertagssandkuchentorte

Alle Jahre wieder weihnachtet es sehr und viel freie Zeit ist uns beschert, aber wenig Freizeit. Denn die althergebrachten Rituale führen ein strenges Regiment. Höchste Zeit für Gedankenspiele zur Beflügelung der Feierlaune!

Von: Thomas Kernert

Stand: 21.12.2019 | Archiv

Schlafen, nicht aufstehen, nicht arbeiten, irgendwann frühstücken, vielleicht Baden gehen oder auch nicht, Freunde treffen oder auch nicht, Musik hören, Lesen, Sport treiben, Gutes, sprich: Ausgesuchtes Essen ...

Immer wieder freuen wir uns auf ihn, den nächsten Sonn- und Feiertag

Menschen sind Gewohnheitstiere. Und das ist gut so. Ohne Routine wäre die Komplexität menschlichen Lebens - sehen, hören, riechen, denken, handeln, Geld verdienen, Geld ausgeben, sich vermehren, sterben - nicht zu bewältigen.

Ohne Unterbrechung freilich wäre die Routine nicht zu ertragen, weshalb die Regel so wertvoll ist wie die Ausnahme. Und die Ausnahme so wertvoll wie die Regel.

Auch wenn sich der Feiertag zur Feier oftmals wie die Sahara zum Sandkuchen verhält und entsprechend viele Arbeitnehmer regelmäßig in seiner weiten und öden Langeweile verdursten, gilt: Immer und immer wieder freuen sie sich, freuen wir uns auf ihn, den Sonn- und Feiertag, auf sie, die Ferien, auf es, das Wochenende. Denn wir wissen: Der nächste Feiertag wird eine Torte!

Welcher Logik folgt der Feiertag?

Fronleichnamsprozession in Au bei Bad Aibling

Der Logik des Besonderen? Der Logik des Beliebigen? Der Logik der Tradition? Was geschähe, wenn man den Kalender radikal entmystifizieren und die Zahl der Feiertage (und, warum nicht, auch der Sonntage?) pro Land/Region durch frei kombinierbare Urlaubstage ersetzen würde?

Antwort: Bayern als Lebensstil, Bayern als Überlebensstrategie, Bayern als Beschäftigungstherapie, Bayern als Heimat, Bayern als Kitschartikel, Bayern als Kunstwerk, all diese „Bayern“ wären augenblicklich mausetot.

Warum? – Weil Bayern nicht nur ein geographisches, räumliches Gebilde, sondern auch ein von seinen Sonn- und Feiertagen konstituiertes und konstruiertes, zeitliches Gebilde ist.

Der nächste Feiertag wird eine Torte!

Zuckersüße Weihnachtstorte

Früher gab es mehr Feiertage, allesamt streng religiös konnotiert, heute sind es nur noch ein paar wenige, dafür aber mit einer Vielzahl von Events munitioniert.

On top of the pops natürlich: Weihnachten!! Eine nach dem Oktoberfest langsam aber sicher virulent werdende Volkskrankheit, die sich langsam aber sicher zur Massenhysterie steigert, um Jahr für Jahr im Augenblick seiner Vollendung sang- und klangvoll in sich zusammenzufallen.

Enttäuschung? - Aber nein, wo denken Sie hin?? Der nächste Feiertag wird eine Torte!

Richtig! Glöckchen! Lichter!

Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier, dann stehen ein riesiger Tannenbaum, schrecklich viele Geschenke, jede Menge Arbeit beim Konsumieren, Dekorieren und Organisieren vor der Tür. Von Langeweile keine Spur mehr, keine Ruhe, keine Stille, nur noch Weihnachten, Weihnachten, Weihnachten ...


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