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Welle der Enteignung Die schwierige Situation der Christen in der Türkei

Eigentlich garantiert der Vertrag von Lausanne von 1923 Christen in der Türkei einen Minderheitenschutz, doch um den rechtlichen Status ist es nicht besonders gut bestellt. Diskriminiert werden überwiegend Türken, die zum Christentum konvertiert sind und gerade auch für die Aramäer ist das Leben in den letzten Jahren schwieriger geworden.

Von: Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul

Stand: 05.02.2018

Orthodoxe Christin bei einer Osterfeier in Istanbul (15. April 2017) | Bild: picture-alliance/dpa

Wie viele Christen in der Türkei leben, ist umstritten. Verschiedene Quellen nennen Zahlen zwischen 100.000 und 300.0000. Am aktuellsten und detailliertesten dürfte der International Religious Freedom Report aus dem Jahr 2015 sein. Demnach waren es 167.300. Die größte Gruppe stellen die Armenier mit etwa 90.000, gefolgt von Katholiken, syrisch-orthodoxen Christen, Russisch Orthodoxen, Protestanten und Griechisch Orthodoxen.

Minderheit in der Türkei

Die Christen sind eine Minderheit in der Türkei und stellen etwa 0,2 Prozent der Bevölkerung. Hört man in ihre Gemeinden hinein, fällt schnell auf, dass man unterscheiden muss: zwischen dem rechtlichen Status und dem gelebten Christentum. So lasse der rechtliche Status zu wünschen übrig, sagt Martin Pühn, Referent für deutschsprachige evangelische Gemeinden im Nahen und Mittleren Osten bei der Evangelischen Kirche in Deutschland. Eigentlich garantiere der Vertrag von Lausanne von 1923 Christen in der Türkei einen Minderheitenschutz:

"Das Problem ist nur, dass nach türkischer Lesart nur die Armenier, die Bulgaren und auch die jüdische Gemeinde und Griechen als diese religiösen Minderheiten anerkannt werden."

Martin Pühn

Nachteile auch für Aramäer

Überspitzt könnte man sagen, alle anderen Kirchen existieren nicht. Das gleiche Schicksal teilen die Aramäer, in deren Kirchen heute noch die Sprache Jesu gesprochen wird. Obwohl ihr Stammland im Südosten der Türkei und im Norden Syriens liegt, haben auch sie durch den fehlenden rechtlichen Status weitgehend die gleichen Nachteile wie Protestanten oder Katholiken, sagt Daniyel Demir vom Bundesverband der Aramäer in Deutschland:

"Eigentumserwerb, Bau und Erhalt von Kirchengebäuden ist mit massiven Schwierigkeiten und Hindernissen verbunden. Die Ausbildung des Priesternachwuchse, der offizielle Unterricht der aramäischen Sprache, der Sprache Jesu, ist nicht erlaubt."

Daniyel Demir

Gemeindeleben ist trotzdem möglich

Ein Gemeindeleben sei für die rund 20.000 Aramäer in der Türkei trotzdem irgendwie möglich, sagt Daniyel Demir. Martin Pühn kann das auch für die deutschen Christen in der Türkei bestätigen. An religiösen Feiertagen bringe sogar der Bezirksbürgermeister Geschenke für die Kinder, sagt Pühn. Diskriminiert würden überwiegend Türken, die zum Christentum konvertiert seien.

"Eine Gemeinde, wie unsere Auslandsgemeinde, da kann man wirklich nicht von einer Diskriminierung sprechen. Die lebt ihr evangelisches Gemeindeleben in Istanbul völlig offen nach innen und nach außen."

Martin Pühn

Welle von Enteignungen

Für die Aramäer ist das Leben in den letzten Jahren schwieriger geworden. Grund ist eine Welle von Enteignungen von Kirchen, Klöstern und Grundstücken im Südosten der Türkei. Sogar Mor Gabriel, eines der ältesten Klöster der Welt sollte zuerst der türkischen Finanzverwaltung und dann der sunnitisch-muslimisch-dominierten Religionsbehörde Diyanet übertragen werden. Für Mor Gabriel sei die Gefahr ein Stück weit gebannt, sagt Aramäer-Vertreter Demir. Für etwa fünfzig andere Liegenschaften nicht:

"Neben den Kirchen und Klöstern sind auch Grabanlagen und weitere Landflächen enteignet und das ist für die wenigen Aramäer dort, für die Urchristen in diesem Gebiet, ein Zeichen, dass man die letzten Aramäer vertreiben will."

Daniyel Demir

Caritas als Nichtregierungsorgansation zugelassen

Als positives Beispiel für den Umgang mit Christen in der Türkei nennt Martin Pühn die Caritas. Die katholische Hilfseinrichtung ist vor Kurzem von der Türkei als Nichtregierungsorgansation zugelassen worden, weil sie sich um syrische Flüchtlinge kümmert. Immerhin das kann Erdogan stolz erzählen, wenn er im Vatikan mit Papst Franziskus spricht.


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