Bayern 2


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Die Ruinenbaumeister Verwehte Luftschlösser und zerstörte Superbauten

Der Münchner Glaspalast, Burg Falkenstein, das Schwabylon ... Was treibt bauende Träumer immer wieder dazu an, unnachgiebig und voller Leidenschaft an megalomanen oder visionären Projekten festzuhalten? Und welche persönlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen benötigt man, um derartigen Größenwahn zu wagen?

Von: Benedikt Mahler und Sofia Glasl

Stand: 05.06.2021 | Archiv

Wer baut, der will die Ewigkeit, oder zumindest einen Hauch davon. König Max II. wollte in Bayern mit Glaspalästen und neuer Technologie Anschluss an die fortschrittlichen Industrienationen finden. Ludwig II. träumte davon, in München ein Wagner-Festspielhaus zu errichten und in romantischen bayerischen Landschaften Raubritterburgen zu rekonstruieren. An der Münchner Leopoldstraße entstand Anfang der 1970er Jahre der ultimative, neuzeitliche, schwabylonische Freizeittempel. All diesen Bauvorhaben ist eines gemein: die bayerische Hybris, dieses großspurige Tänzeln zwischen provinziellem Gespür und kosmopolitischen Ambitionen.

1931 wurde der Münchner Glaspalast ein Raub der Flammen

Der brennende Münchner Glaspalast (1931)

"Durch einen Regen von Ruß, Asche und glühendem Holz laufe ich die Karlstraße entlang, dem mächtig lodernden Feuerschein zu. Es ist genau halb vier Uhr morgens. An der Straßenkreuzung steht ein Häuflein Menschen, ein paar Schutzleute und Feuerwehrmänner im Widerschein der Flammen. Und jetzt öffnet sich die schwarze Kulisse der Häuser und zeigt uns ein schaurig-schönes, ein ungeheuerliches, grauenvolles Bild. Der ganze Glaspalast steht in Flammen."

(Der Schriftsteller Eugen Roth berichtete im Juni 1931 als Reporter vor Ort über den Brand)

In der Nacht auf den 6. Juni 1931 brannte der Münchner Glaspalast vollständig ab - am Morgen waren nur noch verbogene Stahlträger übrig und geschmolzenes Glas.

Von Maximilian II. 1854 als Ausstellungs- und Kulturzentrum errichtet, hinterließ die Ruine eine klaffende Lücke in der Münchner Kunstzene. Die Brandursache konnte nie aufgeklärt werden. Die Rasanz der Zerstörung ließ allerdings grundsätzlich an der Zweckmäßigkeit der hochmodernen Glaskonstruktion zweifeln. Zu gewagt? Architektonischer Größenwahn?

Vom Traumbau zum Luftschloss

Modell des von Gottfried Semper entworfenen Münchner Festspielhauses (1865)

Das Ringen um höchsten ästhetischen Anspruch und gleichzeitige Praktikabilität scheint ein Tanz auf Messers Schneide zu sein, stets verbunden mit dem Risiko, dass visionäre Traumbauten zu Luftschlössern werden. Das ursprünglich für München geplante Richard-Wagner-Festspielhaus findet erst später in Bayreuth eine Heimat. Die Selbstinszenierung Ludwigs II. als Raubritter auf der erträumten Burg Falkenstein im Ostallgäu fällt den finanziellen Folgen seiner Bausucht zum Opfer - und lebt doch als Mythos weiter. Das Münchner Schwabylon, als gigantisches Einkaufszentrum der Zukunft geplant, bricht unter den explodierenden Kosten in sich zusammen.

Nach nur 15 Monaten war das Schwabylon Geschichte

Das Schwabylon an der Münchner Leopoldstraße (1973)

Die Investoren – darunter auch die hessische Landesbank – machten 160 Millionen Mark für das Mega-Projekt Schwabylon locker. Das entspricht einer inflationsbereinigten Kaufkraft von ungefähr 310 Millionen Euro – zum Vergleich: Die hochmoderne Allianz Arena hat mit 340 Millionen Euro kaum mehr gekostet.

Doch das Problem an einer Freizeit-Stadt für die Zukunft ist: die Gegenwart – und die Menschen, die in ihr leben. Und diese runzelten ob des knallbunten Pop-Art-Ufos nur ungläubig die Stirn. Nach nur 15 Monaten ist das Schwabylon Geschichte. Doch der wagemutige Komplex samt der Diskothek Yellow Submarine ist längst zum Mythos geworden. Ein vergangener Traum, der Sehnsüchte weckt. Sehnsüchte nach einer fantastischen, besseren Welt – die doch endlich irgendjemand mal erfinden müsste. Der visionäre, in die Zukunft gerichtete Blick seiner Erbauer beeindruckt – bis heute.

Architektur, die zum Scheitern verurteilt war:

DER MÜNCHNER GLASPALAST

Der Münchner Glaspalast an der Sophienstrasse

  • Bauherr: König Maximilian II. von Bayern
  • Architekt: August von Voit, gestaltete u.a. die Alte Pinakothek in München, den Wintergarten für Maximilian II. in der Residenz und ein Chemisches Laboratorium für Justus von Liebig – ebenfalls in München.
  • Planung: ab 1853 nach dem Vorbild anderer europäischer Metropolen. König Maximilian II. beauftragte den Bau zur Ausrichtung einer Industrieausstellung. Ursprünglich war geplant, dafür ein Gebäude am Maximiliansplatz zu errichten. Die Entscheidung der zuständigen Kommission fiel aber schließlich auf ein Areal in Bahnhofsnähe.
  • Bauzeit: Planung und Bauzeit beliefen sich insgesamt auf weniger als 10 Monate.
  • Baubeginn: 31. Dezember 1853. Nur sechs Monate später wurde mit der Montage von 37.000 Glastafeln begonnen.
  • Kosten: Die Gesamtkosten beliefen sich auf etwa 800.000 Gulden, inflationsbereinigt etwa Acht Millionen Euro - was preiswert genannt werden darf.
  • Ausmaß: Der rechteckige Glaspalast hatte eine Länge von 234 Metern und war 67 Meter breit; die Höhe betrug 25 Meter. Daraus ergibt sich eine Gesamtfläche von über 15.000 Quadratmetern, was der Größe von knapp zwei Fußballfeldern entspricht.
  • Schicksal: Der Glaspalast brannte in der Nacht auf den 06. Juni 1931 bis auf seine Grundfeste nieder.

BURG FALKENSTEIN

So sollte die von Ludwig II. geplante Ritterburg Falkenstein aussehen

  • Bauherr: Ludwig II., König von Bayern, kaufte die mittelalterliche Burgruine 1883 und wollte sie zu einer Raubritterburg ausbauen.
  • Architekt: Zunächst der Bühnenbildner Christian Jank, der auch schon Neuschwanstein geplant hatte; dessen erster Entwurf hätte jedoch rein von den Dimensionen nicht auf den Berggipfel gepasst. Der Hofbaudirektor Georg von Dollmann wurde sein Nachfolger. Er zeichnete auch schon für die Erweiterung des königlichen Jagdhauses zu Schloss Linderhof verantwortlich. Ludwig war jedoch sichtlich erbost über seinen recht zurückhaltenden Entwurf und feuerte ihn. Der Auftrag ging letztlich an den Regensburger Architekten und Oberbaurat Max Schultze.
  • Planung: Schulzes Entwurf war auf dem Gipfel des Falkenstein umsetzbar. Die Ruine der Höhenburg liegt auf 1 268 Metern im Falkensteinkamm und ist damit die höchstgelegene Burganlage Deutschlands. Im Mittelalter um 1280 als Macht- und Drohgebärde erbaut, war sie für Ludwig das ideale Mittel zur Selbstinzenierung.
  • Bauzeit: Schulze ließ 1885 eine Wasserleitung und einen Burgweg anlegen. Die Bauarbeiten kamen durch den plötzlichen Tod Ludwigs 1886 zum Stillstand und wurden anschließend eingestellt.
  • Größe/Abmessung: Das Zentrum der Ruine ist das sogenannte „Feste Haus“, das mit 18,6 x 8,5 Meter, also einer Grundfläche von knapp 160 Quadratmetern, recht überschaubar ist.
  • Kosten: wegen des Bauaubbruchs nicht ermittelbar. Die Burg hätte Ludwigs angespannte finanzielle Lage jedoch noch verschlimmert.
  • Schicksal: Die Ruine des Festen Hauses und der sie umgebenden Ringmauer ist noch erhalten und zählt mit der Burgengruppe Hohenfreyberg-Eisenberg zur Burgenregion Allgäu.

DAS RICHARD-WAGNER-FESTSPIELHAUS

Bild des geplanten Münchner Wagner-Festspielhauses

  • Bauherr: König Ludwig II. von Bayern
  • Architekt: Gottfried Semper, ein alter Freund Richard Wagners. Semper hatte schon das Dresdner Hoftheater gebaut, das nach einem Brand 1878 als Semperoper auch unter seiner Leitung wiedererrichtet wurde.
  • Planung: ab 1864, Ludwig II. wollte ein „Theater der Zukunft“ für Wagner bauen, das einen würdigen Rahmen für den „Ring des Nibelungen“ bieten konnte. Erste Ideen sahen eine Holzkonstruktion vor, die (übrigens) im Glaspalast entstehen und nach den Festspielen wieder abgerissen werden sollte. Ludwig II. ließ Semper jedoch einen Monumentalbau am Isarhochufer planen.
  • Bauzeit: nie begonnen und nach Wagners zerknirschter Abreise aus München 1865 verworfen.
  • Kosten: Neben den beträchtlichen Baukosten finanzierte Ludwig II. Wagner komplett bei freier Kost und Logis und gewährte immer wieder Vorschüsse für die Arbeit am Ring, aber auch für Wagners Ideen einer Gesangsakademie.
  • Ausmaß: Die prominente Lage am rechten Isarhochufer nahe des Maximilianeums – in etwa da, wo heute der Friedensengel steht – sowie eine Prachtstraße als Verbindungsachse zu Wagners Residenz in der Briennerstraße (selbstredend vom König finanziert) hätte die gesamte Stadt unter den Stern des Musikers gestellt. Wäre das Festspielhaus zustande gekommen, wäre München vermutlich noch heute Wagner-Stadt.

DAS SCHWABYLON

Das Schwabylon - Bau des Züricher Architekten Justus Dahinden im Münchner Stadtteil Schwabing (1973)

  • Bauherr: Otto Schnitzenbaumer, Landmaschienenhändler und Immobilienunternehmer aus Augsburg. Er ließ zeitgleich in der Fuggerstadt das erste Rundhotel als „Wahrzeichen für das neuzeitliche Augsburg“ errichten.
  • Architekt: Justus Dahinden. Der Schweizer Star-Architekt entwarf unter anderem 1971 das Gourmetrestaurant Tantris in München und 1975 den Wallfahrtsort Namugongo als „Basilika der Märtyrer“ in Uganda.
  • Planung: Otto Schnitzenbaumer verpflichtete den einschlägig erfahrenen Architekten Dahinden zum Entwurf eines hügelartigen Großcontainers, der – Zitat – dem modernen Menschen einen künstlichen Lebensraum bieten, sowie Freizeit als ungebundene Gesamtaktivität und schöpferisches Tun ermöglichen solle.
  • Bauzeit: ca. 3 Jahre. Baubeginn ist 1970. 1971 wird bereits das Hotelgebäude Holiday Inn fertiggestellt. Die Eröffnung des gesamten Areals erfolgte 1973.
  • Ausmaß: Der Gesamtkomplex erstreckte sich auf 52 000 Quadratmeter Nutzfläche, das entspricht der Größe von knapp acht Fußballfeldern. Das Areal bestand aus mehreren Bauteilen: einem Hotel samt Ladenzentrum, Büros und Wohnungen und dem eigentlichen Schwabylon – ein Einkaufs- und Vergüngunszentrum mit dem dreistöckigen Nachtclub „Yellow Submarine“
  • Kosten: Veranschlagt waren 140 Mio. DM. Die Gesamtkosten des Megaprojekts beliefen sich am Ende auf mehr als 160 Millionen. Das entspricht inflationsbereinigt in etwa eine Kaufkraft von 310 Mio. Euro. Zum Vergleich: Der Bau der Allianz Arena betrug 340 Mio Euro.
  • Schicksal: Das Schwabylon war nach nur 15 Monaten finanziell erledigt.  Am 10. August 1979 rollten die Bagger an. Die ikonische Schwabylon-Fassade mit der gelb-orangen Sonne wurde für immer zerstört.
  • Die Überreste: ein Schuttberg aus 100.000 Kubikmetern Beton, Glas und Metall. Allein das Holiday Inn und die Diskothek Yellow Submarine existierten noch bis in 1980er-Jahre weiter – unter ständig wechselnden Namen und Pächtern – bis beides 2013 endgültig abgebrochen wurde.

Buchtipps:

Der Glaspalast in München

  • Autor: Eugen Roth
  • Verlag: Süddeutscher Verlag GmbH (1971)
  • Hardcover: 105 Seiten
  • ISBN 3: 799156631


Der Münchner Glaspalast 1854 - 1931 – Geschichte und Bedeutung

  • Autor: Volker Hütsch
  • Verlag: Heinz Moos Verlag München (1980)
  • Hardcover: 94 Seiten mit 127 Abbildungen im Text und auf Tafeln
  • ISBN 3: 787901787


Ein Theater für den König - Schauplatz des Ludwig II. Musicals

  • Autor: Gottfried Knapp
  • Verlag: Schnell & Steiner (2001)
  • Hardcover: 84 Seiten
  • ISBN: 978-3-7954-1414-6


Richard Wagner / König Ludwig II von Bayern. Briefwechsel

  • Herausgeber: Kurt Wölfel
  • Verlag: Hatje Cantz Verlag (1999)
  • Hardcover: 185 Seiten
  • ISBN-10: 3775704140
  • ISBN-13: 978-3775704144


Mjunik Disco - von 1949 bis heute

  • Herausgeber: Mirko Hecktor
  • Verlag: Blumenbar Verlag (2008)
  • Hardcover: 232 Seiten
  • ISBN 10: 3936738475
  • ISBN 13: 9783936738476


Aus is und gar is!
Verschwundene Wirtshäuser, Theater, Cafés, Nachtclubs und andere Orte Münchner Geselligkeit

  • Autor: Karl Stankiewitz
  • Herausgeber: Allitera Verlag; 1. Edition (25. April 2018)
  • Broschiert: 240 Seiten
  • ISBN-10: 3962330232
  • ISBN-13: 978-3962330231

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