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Die Kraft der Reduktion Minimalismus in der Kunst

2016 sorgte das Kölner Publikum für einen Konzertabbruch in der Philharmonie. War es vom Minimalismus eines Steve Reichs überfordert? Dabei war Köln einmal das Avantgarde-Mekka der Bundesrepublik. Rainer Praetorius über die Kraft der Reduktion und ihre Auswirkungen auf Design, Malerei und Musik.

Stand: 11.04.2018

Kölner Konzert-Tumult Februar 2016: In der Philharmonie wird Bach gegeben, kombiniert mit Zeitgenössischem von Fred Frith, Henryk Górecki und Steve Reich. Doch dann ist plötzlich Schluss. Die Komposition aus dem Jahr 1967 „Piano Phase“ von Steve Reich, einem Pionier der Minimal Music, wird durch lautes Klatschen und Buhrufe gestört. Einer der besten Cembalisten der Welt, der aus Iran stammende Musiker Mahan Esfahani, unterbricht sein Spiel und fragt auf Englisch: "Wovor haben Sie Angst?" Schon zuvor war Esfahani bei einer kurzen Einführung unterbrochen worden. Jemand hatte in den Saal gerufen: "Reden Sie doch gefälligst Deutsch!"

"Ich glaube, sie haben sich vor der Musik gefürchtet. 'Piano Phase' folgt der wunderschönen Idee, dass ein und dieselbe Note in anderen Anordnungen ganz neue Farben schaffen kann. Manche Menschen stehen solchen ungewöhnlichen, neuen Ideen leider nicht offen gegenüber. Das finde ich sehr schade. Wenn ihnen die Musik nicht gefällt, dürfen sie das gerne ausdrücken - aber bitte nicht so rüde wie in der Kölner Philharmonie", erklärte Mahan Esfahani gegenüber BR-Klassik.

Köln war einmal das Avantgarde-Mekka der BRD

War das Publikum von der Minimal Music eines Steve Reichs überfordert? Es sorgte 2016 für den Abbruch eines Konzertes von Mahan Esfahani (Foto)

Ob nun „Rassismus“, so die schnell in Sozialen Medien zirkulierende Botschaft, oder „Überforderung des Publikums“ wie der Veranstalter beschwichtigte: Der Konzertabbruch markiert eine Wende. Kölns Bildungsbürgertum war lange stolz darauf, das Avantgarde-Mekka der Bundesrepublik zu sein. Bereits 1951 etablierte der WDR das Studio für elektronische Musik mit seinem späteren Leiter Karl-Heinz Stockhausen. Die Avantgarde-Band Can schrieb von Köln aus Popgeschichte. In den 1960ern erfanden Kölner Galeristen die erste Kunstmesse für das zeitgenössische Schaffen, die Art Cologne. Eng verbunden mit dieser Avantgarde waren immer die Künstler des Minimalismus wie eben der Komponist Steve Reich oder bildende Künstler wie der Maler Yves Klein.

Autor Rainer Praetorius begibt sich auf die Suche nach den Ursachen des Banausen-Ausbruchs in der Philharmonie. Er flaniert durch die Kölner Museumslandschaft  und verfolgt die weltweite Wirkung der Werke des Minimalismus bis in die Gegenwart. Club Music wie House oder Techno sind die populärste Spätfolge. Pop Art-Künstler Andy Warhol praktizierte in seinen frühen Filmen Extrem-Minimalismus und das legendär minimalistische Produktdesign der Firma Braun fand weltweit Beachtung. Jahrzehnte und viele Iphones und Ipads später bedankte sich der Apple-Chefdesigner höchstpersönlich bei seinem Braun-Kollegen für die Inspiration.

Der Autor

Rainer Praetorius, arbeitet in Köln als freier Journalist für Radio, Print und Fernsehen. In den letzten Jahren beschäftigte er sich hauptsächlich mit kulturellen Themen - und dem "noch unvollendeten Projekt der Aufklärung". Radio-Feature u.a.: "Stanley Kubrick - Ein Leben für den Film" (WDR 2013), "Wir alle irren! - Das undogmatische Kabarett des Hanns Dieter Hüsch" (DLF 2015). Rainer Praetorius erhielt 1995 und 2007 Journalistenpreise in der Kategorie Fernsehen.

"Die Kraft der Reduktion - Minimalismus in der Kunst". Von Rainer Praetorius

Redaktion: Klaus Pilger
Regie: Thomas Wolfertz
Ton und Technik: Ernst Hartmann und Thomas Widdig
Produktion: DLF 2017


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