Bayern 2


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40 Jahre Seitenlinie Der "Löwen"-Trainer Karsten Wettberg

Sein Name steht im deutschen Fußball-Amateurbereich für Sieg und Aufstieg: Der Trainer Karsten Wettberg ist eine Legende. Der größte Coup gelang ihm 1991, als "seine" 60er Mannschaft aufstieg in die zweite Bundesliga.

Von: Christoph Krix und Hermann Scherm

Stand: 19.11.2017 | Archiv

"Wenn meine Spezln Skier bekommen haben, hab ich auf Weihnachten einen Lederball bekommen. Damals, Ende der 40er Jahre, Anfang der 50er Jahre, war ein Lederball was Besonderes, wenn du den in unserem Viertel gehabt hast, in Mainburg, wo ich aufgewachsen bin."

(Karsten Wettberg)

Es sind die kargen Zeiten nach dem Krieg. Karsten Wettbergs Familie fasst nach der Flucht aus Brandenburg Fuß in der Hallertau.

"Beim FC Mainburg hab ich zum ersten mal auf einen Ball draufgehaut. Das war damals mit 9, 10 Jahren. (...) Mein Vater war dort der erste evangelische Pfarrer nach dem Krieg. (...) Weil ich sehr oft eine andere Meinung wie er gehabt hab, besonders politisch, da samma ned zusammen gekommen. Dann hat er mir die Fußballschuhe weggenommen! (...) Und der Jugendtrainer hat mir dann die Fußballschuhe gekauft. Also ich hab trotzdem Fußball gespielt!"

(Karsten Wettberg)

"König von Giesing", so nannten ihn später seine begeisterten Fans: 1991 gelang es dem Trainer Karsten Wettberg, den "TSV 1860 München" nach zehn Jahren Bayernligadasein wieder zurück in die 2. Bundesliga zu führen.

"Größtes Glück und tiefste Verzweiflung in 90 Minuten"

Karsten Wettberg jubelt mit seinen Spielern nach einem 2:1 Sieg über "Borussia Neunkirchen". (1991)

Es war nur einer, wenn auch wohl der spektakulärste Erfolg Wettbergs, der als einer der besten Amateurtrainer Deutschlands gilt. Seine Teams gewannen 52 Titel der unteren Spielklassen. Dem Trainer, der während seiner gesamten Laufbahn Postbeamter blieb, ging es dabei nach eigenen Worten nie um die Befriedigung von Eitelkeiten oder das große Geld. Im Mittelpunkt standen stets die jungen Spieler, die ihn brauchten wie er sie. Und natürlich die Liebe zum Fußball, der für einen wie ihn natürlich mehr ist als nur ein Spiel: "Es ist das Leben im Zeitraffer, größtes Glück und tiefste Verzweiflung in 90 Minuten."

Die Fußballleidenschaft lässt ihn auch mit 75 nicht los

Karsten Wettberg kann ohne den Wettkampf nicht leben

2017 macht sich Karsten Wettberg, mittlerweile 75, aus seinem Wohnort Elsendorf bei Kehlheim auf ins 60 Kilometer entfernte Donaustauf, um den dortigen Fußballverein als Trainer zu übernehmen. Mehrere Millionen Kilometer, so rechnet er beim Interview nach - Schauplatz ist der Ort seiner größten Erfolge, das 60er Stadion an der Grünwalder Straße - mehrere Millionen Kilometer hat er im Lauf seines Fußballerlebens im Auto zurückgelegt: ein paar Reisen zum Mond. Und es werden wohl noch etliche dazu kommen. Denn es ist der Wettkampf, dieses Auf und Ab der Emotionen, den ein Fußballverrückter wie Karsten Wettberg nicht missen mag, egal ob mit 75 oder 80 oder 85! Doch in Donaustauf scheint ihn das Glück verlassen zu haben. Die ersten Spiele mit dem SV gehen verloren. Im Netz tauchen Anfeindungen gegen den Trainer auf ...

"Warum nimmt man denn  einen 75-jährigen? Hat man wirklich keinen älteren gefunden? Wie ich gehört habe, wären der Erich Ribbeck (80) und auch der Rudi Gutendorf (90) noch frei gewesen!"

(Internet-Kommentar)

Und wie das im Fußball so ist, wenn der Erfolg ausbleibt: Der Verein kündigt den Vertrag. In bitteren Stunden wie diesen sind die 60er für Wettberg seine Heimat, sein "Verein". In der Niederlage, im Schmerz vereint. Einmal 60er, immer 60er!


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