Bayern 2


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"I waar nachad da Kini!" Der Konjunktiv als Lebensgefühl

Ohne es recht zu bemerken, benutzt der Bayer gerne den Konjunktiv. Was denkt, was fühlt, was meint er damit? Fest steht: Der bayerische Konjunktiv ist keine grammatikalische, sondern eine Lebensform.

Von: Thomas Kernert

Stand: 09.01.2021 | Archiv

"Hätte, hätte, Fahrradkette ...", heißt es. Was aber heißt das? Dass der Konjunktiv eine Fahrradkette ist?

Oder vielleicht andersherum: Hätten wir kein "hätte", wäre alles Fahrradkette?

Schon eher: Hätten wir kein "hätte", liefe alles wie es eben läuft: Vorne tritt einer in die Pedale, hinten dreht sich ein Rad. Weshalb Radfahren sowenig wie alle anderen ernsthaften Dinge im Leben - als da wären: Arbeit, Politik, Erziehung und Fußball - niemals nicht im Konjunktiv stattfinden.

Nur im Indikativ erreicht man Ziele. Nur im Indikativ war man, ist man und wird man ein kompaktes Sein - ein echtes "Ist" sein. Im Konjunktiv ist alles hätte, wäre, würde, könnte und müsste. Der Konjunktiv besitzt viel zu viele Umlaute auf seinen Vokalen, viel zu viel Konfetti im Kopf als dass man ihn ernst nehmen könnte - Pardon! - kann!

Der Konjunktiv ist dem Bayern sein Indikativ

"I hätt' gern a Brezn!"

Zumindest sehr oft und sehr zweideutig. Was darauf hindeutet, dass auch der Bayer in seinem Denken, Meinen und Fühlen sehr zwei-, mehr- oder gar vieldeutig ist. Was allein in einem "I waar jedzad da!" steckt! Da ist etwas vorangegangen, eine Bestellung, der Ruf nach Unterstützung oder auch eine Verabredung.

Oder das "I hätt' gern ..." beim Bäcker, über die Theke. Keine Forderung, sondern eine Bitte. Alles wäre möglich, auch wenn's unmöglich sein könnte. Selbst als König kann man sich nicht ganz sicher sein, wer man ist: der König, der Kaschperl - oder gar der Konjunktiv?

"Oiso, i waar jetzt do!"

Ein Fall von konjunktivisch verschobener Wirklichkeitswahrnehmung?

Ich wäre jetzt da, obgleich man de facto eindeutig nicht da wäre, sondern da ist!? Auch diese Wendung ist common speech in Bayern und gibt eben deshalb Anlass zu ernster Sorge: Mit ein bisschen Rumpelstilzchen-Gehabe bzw. einer grammatikalischen Fehlleistung lässt sich diese Transformation das eigenen Daseins in ein "Dawäre" nicht mehr hinreichend erklären.

Hier scheint eine konjunktivisch verschobene Wirklichkeitswahrnehmung vorzuliegen. Womöglich gar eine ... Identitätsstörung? Kein Wunder, dass die Berliner TAZ mit gönnerhaftem Unterton über diese grammatikalische Verrenkung spöttelte:

"Wir müssen mal wieder mit einem Vorurteil über die Bayern aufräumen. Da einzelne Exemplare der Gattung polternd, laut und mit geradezu überbordendem Selbstbewusstsein daherkommen, übersieht man gern, dass der gemeine Bayer ein differenziertes, fast skeptisches Verhältnis zur eigenen Existenz hat."

(TAZ, Berlin)

Hat er das? Haben wir das? Befinden wir Bayern uns mit unserer Existenz in einem "differenzierten Verhältnis", vielleicht gar in einem differenzierten Konflikt?

Thomas Kernert versucht, diesem ambivalenten Grammatik- und Existenzmodus im tiefsten Inneren des bayerischen Lebensgefühls spekulativ nachzuspüren. Natürlich nicht nur bei Hochwohlgeborenen, sondern auch in dunkleren Gefilden.


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