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Digitale Sprechstunde Der Arztbesuch in Zeiten von E-Health

Die Welt wird digitaler, auch in der Medizin: Fernüberwachung chronisch Kranker, der digitale Hausarzt, Einsatz von High Tech im Klinikalltag. Wird der Arztbesuch in Zeiten von E-Health immer häufiger zur digitalen Sprechstunde?

Stand: 20.03.2018

Noch verbietet es in Deutschland das sogenannte "Fernbehandlungsverbot", dass Ärzte Kranke ausschließlich per Videokonferenz behandeln. Einmal pro Quartal muss der Patient in die Praxis kommen. Das Fernbehandlungsverbot gilt auch für Rezepte und Diagnosen: Ohne die Patientin persönlich gesehen zu haben, darf ein Gynäkologe zum Beispiel kein Rezept für eine neue Pille ausstellen und auch keine Diagnose stellen. Viele Ärzte halten das Verbot inzwischen für überholt – in anderen Ländern wie der Schweiz, Großbritannien oder Schweden ist Telemedizin schon viel weiter verbreitet. Auch wenn es immer mehr Patienten gibt, die es möglichst vermeiden möchten, sich in ein Wartezimmer zu setzen: Zur Krebsvorsorge beispielsweise müssen sie auch in Zukunft noch in die Praxis kommen.

"Alles, was mit organischen Veränderungen zu tun hat, muss der Arzt anschauen und abtasten. Man kann keine Vorsorge per Telemedizin machen, das ist völlig ausgeschlossen."

Alexander Brehm, Gynäkologe und Telearzt für die TeleClinic in München

Telemedizinisches Herzinsuffizienz-Projekt der Charité Berlin

Ist die digitale Übermittlung der Patientenwerte die Zukunft?

Im Zentrum für Telemedizin an der Berliner Charité betreut Professor Friedrich Köhler per Computer Herzinsuffizienz-Patienten aus der Ferne – und zwar bundesweit, in Bayern z.B. in Straubing, Mühldorf und Würzburg. Hausärzte und Patienten können sich freiwillig an dem Projekt beteiligen. Friedrich Köhlers Team aus 15 Ärzten und Schwestern ist rund um die Uhr im Einsatz - bei einer digitalen Morgen-Visite werden vor den Bildschirmen unter anderem EKG, Gewicht und Blutdruck der zwanzig gefährdetsten Patienten besprochen. Die Werte, die die Patienten zu Hause messen, übermitteln sie per Bluetooth an die Rechner der Klinik – über eineinhalb Jahre lang jeden Tag. Die Messgeräte hat die Charité extra für das Projekt entwickelt. Speziell geschulte Schwestern weisen die Patienten ein. Im Sommer sollen die Ergebnisse der Studie veröffentlicht werden. Das Ziel: Patienten müssen durch die Kontrolle aus der Ferne sehr viel seltener in die Klinik. Trifft das zu, könnte die computergestützte Überwachung chronisch Kranker zukünftig stärker institutionalisiert werden – auch in anderen Fachbereichen der Medizin.

"Das Verhältnis zwischen Arzt und Patient hat sich in den letzten Jahren komplett gewandelt. Früher gab es ein Vertrauensverhältnis, heutzutage habe ich das Gefühl, dass es mehr in ein Dienstleistungsverhältnis umschlägt. Man mag das bedauern, aber es lässt sich wohl nicht mehr zurückschrauben."

Alexander Brehm, Gynäkologe und Telearzt für die TeleClinic in München

High-Tech bei den Barmherzigen Brüdern in Regensburg

Im Paul-Gerhard-Haus, der Geriatrischen Klinik der Barmherzigen Brüder in Regensburg, gehört die High-Tech-Ausstattung zum Konzept. Der sogenannte "Gangteppich" beispielsweise, eine Art acht Meter lange Yoga-Matte, analysiert das Gehverhalten von Patienten: 30.000 Drucksensoren übermitteln Informationen darüber, wie sie ihre Füße aufsetzen, abrollen und belasten. Dementen Patienten legen die Regensburger Ärzte zum Schutz ein Überwachungsarmband an, das wie eine digitale Uhr aussieht. "Wir sperren unsere Patienten nicht ein, sondern versuchen auf diese Weise zu verhindern, dass sie sich in Gefahr bringen", erklärt Oberarzt Steffen Schlee. Die Mediziner dürfen das Armband aber nur dann einsetzen, wenn der Vormund des Patienten oder ein Richter zugestimmt haben. Für Kranke mit stärken Beeinträchtigungen gibt es in Regensburg sogar Zimmer mit Kameras. Wegen des Rechts auf "Informationelle Selbstbestimmung" müssen allerdings alle ihre Erlaubnis erteilen, die von der Kamera aufgenommenen werden: Pflegekräfte, Angehörige und die Betroffenen selbst beziehungsweise ihr Vormund.

"Eine Kamera allein kann zwar keinen Sturz verhindern. Aber man kann vielleicht sehen, dass sich etwas anbahnt, zum Beispiel dass der Patient unruhiger wird. Dann kann man rechtzeitig handeln – das verspricht man sich von einer Videokamera."

Steffen Schlee, Oberarzt in der Geriatrischen Klinik der Barmherzigen Brüder in Regensburg

In Zusammenarbeit mit der Nationalen Akademie der Wissenschaften Lepoldina.


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