Bayern 2


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Das gute Leben für alle! Suche nach einer neuen linken Erzählung

Die Gegenwart ist bedrängend, Utopien nicht in Sicht: Rechtspopulisten versprechen Wohlstand für die "Volks“-Gemeinschaft", Neoliberale Wohlstand durch Eigenverantwortung. Die Folge sind Ausgrenzung, Armut und Not. Höchste Zeit für den eigenen Entwurf eines guten Lebens! Die Ansätze dafür sind längst da.

Von: Julia Fritzsche

Stand: 13.09.2019

Unsere Gegenwart ist bedrängend. Menschenjagden, Neonaziaufmärsche und Brandanschläge - geprägt durch die extrem rechte Erzählung eines guten Lebens für die "Volksgemeinschaft". Daneben ist die Gegenwart aber auch von der anderen großen Erzählung geprägt: der neoliberalen. Sie lautet "Jeder kann es schaffen" und predigt Deregulierung, Privatisierung und Sozialstaatsabbau. Ein gutes Leben bietet sie den meisten nicht: Die ärmere Hälfte der Menschen in der Bundesrepublik verfügt über drei Prozent des Vermögens. In jedem fünften Haushalt können sich die Menschen keinen einwöchigen Urlaub leisten. Jedes fünfte Kind ist von Armut bedroht.

Eine neue soziale Frage

Ein Ausweg aus dieser bedrängenden Gegenwart ist längst nötig - spätestens aber jetzt, wo Rechte in Parlamenten und auf der Straße mehr als zuvor unsere Körper und Freiheiten bedrohen. Wo das Leben im globalen Süden so bedrängend ist, dass so viele Menschen wie nie zuvor aus dieser Gegenwart fliehen. Wo europäische Regierungen die Rettung von Menschen in Seenot verhindern und Gewaltenteilung, Pressefreiheit und Freiheit vor staatlicher Willkür einschränken. 

Feature-Autorin Julia Fritzsche

Ein Abarbeiten an rechten Ideen hilft nicht. Vielmehr wird klar: aus der bedrängenden Gegenwart führt nur eine eigene Erzählung. Ein eigener Entwurf eines guten Lebens. Eine eigene Idee einer Zukunft, an die wir selbst glauben. Ansätze dafür sind da. Bei Streiks von Pflegekräften, in der Idee "Solidarischer Städte" und in Konzepten von Indigenen. Autorin Julia Fritzsche spinnt feministische, ökologische, soziale und migrationspolitische Ideen zusammen. Ein Feature auf Spurensuche. Und ein Plädoyer, endlich die eigenen Geschichten zu erzählen und zu feiern. Und noch mehr davon zu begehren.

Julia Fritzsche: Tiefrot und radikal bunt

Buchcover: Julia Fritzsche - Tiefrot und radikal bunt | Bild: Edition Nautilus

Aus der bedrängenden Gegenwart schlagen vor allem die Rechten Kapital – dabei sind es linke Themen, die zentral für eine bessere Gesellschaft sind, und sie werden längst angepackt. Julia Fritzsche trägt sie zusammen: Elemente zu einer verführerischen, begeisternden linken Erzählung, die einerseits die soziale Frage völlig neu und den Kapitalismus wieder in Frage stellt, andererseits keinen Rückschritt in Sachen Diversity macht.

Anhand der großen Themen Care, Ökologie, Wohnen, Migration und Queerness geht die Autorin auf Spurensuche: bei streikenden Pflegekräften, bei Indigenen in den Anden, die gegen Ölförderung auf ihrem Land kämpfen, bei Stadtnetzwerken und Flüchtlingshelferinnen, beim Slut Walk. Sie hat die Menschen in ihrem Alltag begleitet und mit ihnen gemeinsam weitergesucht. Überall findet sie Geschichten, die von einem anderen, besseren Leben erzählen, und Menschen, die es schon umsetzen: Ein Leben und Arbeiten, das an den Bedürfnissen der Menschen und nicht an ihrer Verwertbarkeit ausgerichtet ist. Wirkliche soziale Gerechtigkeit statt nur ein bisschen Umverteilung – Klassenfrage und Minderheitenschutz zusammengedacht.

Julia Fritzsche zeigt, was die verschiedenen Ansätze gemeinsam haben und wie sich alte und neue linke Ideen, feministische, ökologische, soziale und migrationspolitische Entwürfe zu einer Erzählung zusammenführen lassen, die das Potenzial hat, die Welt zu verändern. (Nautilus Flugschrift, 16,00 €)


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