Bayern 2


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#CoronaEltern Frauen in der Krise

Bundesliga, Biergärten oder Friseure - immer mehr Unternehmen, sportliche und andere gesellschaftliche Bereiche erfahren jetzt Lockerungen der Corona-Maßnahmen. Während die Wirtschaft wieder angekurbelt wird, die Straßen und Läden sich füllen und den Eindruck von Normalität erwecken, scheinen diese Lockerungen für die Familien noch nicht in Sicht.

Von: Sarah Pache

Stand: 22.05.2020

Ein Schnuller liegt auf einer Laptoptatstatur | Bild: picture-alliance/dpa

Für den Großteil der Kinder gibt es noch immer keine Betreuung. Nach über zwei Monaten Vereinbarkeitsdilemma in deutschen Familien stellt sich die Frage nach den Auswirkungen. Eines zeichnet sich jetzt schon deutlich ab: Die Last des coronabedingten Lockdowns tragen vermutlich vor allem die Frauen. 

Vereinbarkeit ist kaum möglich

In Bayern sind Schulen und KiTas seit dem 16. März geschlossen. Neben der Notbetreuung dürfen seit einigen Wochen zumindest Abschlussklassen, sowie Erst- und Viertklässler erneut die Schule in reduziertem Umfang besuchen. Der nächste Meilenstein für viele wird die Öffnung weiterer Klassen nach den Pfingstferien sein. 

Für die überwiegende Mehrheit der Eltern bedeutet dies, sie werden dann drei Monate lang ihre Kinder zuhause betreut haben. Das Wort Doppelbelastung reicht hier eigentlich nicht aus, um die Situation zu beschreiben. Eltern sind in diesen drei Monaten unbezahlte Lehrkräfte, beste Freundeersatz, Kantine, Putzkolonne und ganz nebenbei müssen sie selbst weiterarbeiten, um dieses Familienchaos zu finanzieren. Dieses immense Pensum ist nicht zu schaffen, ohne dass an der einen oder anderen Stelle Abstriche gemacht werden müssen.

"Ich kann das Wort Homeoffice in letzter Zeit schon gar nicht mehr so richtig hören, das klingt so romantisch, so auf dem Sofa sitzen mit Laptop und Kaffee, den mir irgendjemand bringt. Ich würde es eher als Chaos-Office-Schule-Spielplatz-Streitraum bezeichnen."

Mareice Kaiser

Für Mareice Kaiser, Journalistin und Mutter wurde die Situation von Familien gesellschaftspolitisch allzu lange nicht in den Blick genommen. Sie fragt sich, warum es nicht schon längst einen Hashtag #Aufschrei für Familien gibt, erzählt sie im Bayern 2 Podcast "Eltern ohne Filter".

Keine Lobby für Familien in der Coronakrise

Kurzerhand initiiert Mareice Kaiser den Hashtag #CoronaEltern, um Eltern und Kindern in der Coronazeit eine Stimme, ja die fehlende Lobby zu geben. Seit Wochen sorgt dieser nun für heftige Diskussionen in den sozialen Medien. Viele Eltern berichten von ihrer Überforderung und ihren Existenznöten. Kritiker hingegen halten all das für Jammern auf hohem Niveau, schließlich habe man sich ja für Kinder entschieden und die Generation unserer Mütter oder Großmütter habe ganz andere Situationen gemeistert. 

Doch für Mareice Kaiser kann die Verantwortung für Kinder nicht allein auf den Schultern der Eltern liegen, sie sei "eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe". Der Druck auf Familien sei existenziell, die Perspektivlosigkeit enorm, das sei "kein Sprint, sondern ein Marathon", sagt Mareice Kaiser.

Der Wegfall von Betreuungsmöglichkeiten für Familien während der Pandemie stellt eine schwer bis kaum zu meisternde Belastungsprobe für Familien dar. So die Ergebnisse einer Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI). Laut der deutschlandweiten Umfrage brach der Kontakt zu Lehrkräften oder Erzieher*innen in vielen Fällen ab. Die hauptsächliche Last lag demnach auf den Schultern der Eltern. Über ein Drittel der Befragten gab an, dass ihre Kinder unter Einsamkeit leiden würden. Die Autorinnen vermuten auch einen Anstieg der Konflikte innerhalb von Familien, je länger die Krise andauere.

Erste Studien belegen: Vor allem Frauen trifft diese Belastung

Nicht nur Mareice Kaiser hält Homeoffice und Homeschooling oder die Betreuung kleinerer Kinder schlicht für unvereinbar. Umfrageergebnisse belegen, dass viele Eltern aufgrund der Mehrbelastung in ihrem Job kürzertreten mussten. Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) bestätigt in der Studie "Erwerbsarbeit in Zeiten von Corona", dass Eltern seit dem Ausbruch der Pandemie im Vergleich zu Kinderlosen tendenziell weniger Stunden berufstätig arbeiten. Doch obwohl die Krise alle Eltern gleichsam getroffen hat, sind es überwiegend die Mütter, die sich aus dem Arbeitsmarkt zurückgezogen haben. Sie gehen deutlich häufiger als Väter gar nicht mehr arbeiten. Dies hängt laut der Autorinnen mit der Betreuung der Kinder zusammen.

Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung WZB, spricht im Notizbuch-Freitagsforum auf Bayern 2 von einer "entsetzlichen Retraditionalisierung" - einer erneuten Verfestigung alter Rollenbilder und damit einhergehenden Aufgabenverteilung. Dies treffe vor allem Mütter mit kleineren Kindern. Es scheint, als überzeuge das alte Argument, wer mehr verdient, geht auch mehr arbeiten. Da viele Frauen auch schon vor der Corona-Krise häufiger in Teilzeit gearbeitet haben, sind vor allem sie es, die zurück an den Herd gezwungen werden. Alte Strukturen ließen sich so wie unter einem Brennglas erkennen. Mit deutlichen Folgen: Frauen verdienen weniger, haben weniger Rentenansprüche, die Abhängigkeit zu anderen Personen wächst, insgesamt verstärke es die ohnehin schon existierende Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Laut Allmendinger verlieren Frauen so sukzessive all das, wofür sie die letzten Jahrzehnte gekämpft haben. Dieser Umstand lässt sich auch an der Lebenszufriedenheit von Frauen während der Pandemie ablesen: Laut der Studie des WZB ist diese um mehr als 20 Prozent gefallen. 

"Wenn man sich die Gesellschaft so anschaut, liegt die systemrelevante Arbeit momentan auf den Schultern der Frauen."

Kristina Weber, Moderatorin des Podcasts Eltern ohne Filter

Für Mareice Kaiser geht es deshalb darum, "eine Politik zu machen, die Kinder- Eltern und Geschlechtergerechtigkeit thematisiert". Carearbeit, also Sorgearbeit für Kinder oder pflegebedürftige Angehörige müsste endlich eine andere Wertschätzung erfahren, zum Beispiel durch Geld. 

Auch Ninia LaGrande, Moderatorin und Autorin, fehlt die nötige Wertschätzung für Frauen, schließlich "retten (sie) uns in dieser Krise." Das sagt sie in der aktuellen Folge des "Eltern ohne Filter"-Podcasts. Damit sind nicht nur jene Frauen gemeint, die versuchen, Arbeit und Familie zuhause zu vereinen, sondern auch all diejenigen, die beispielsweise unterbezahlt im Pflegebereich arbeiten. Denn auch hier finden sich zu einem überwiegenden Anteil Frauen.

Die Politik müsse endlich auf die Lage von Familien reagieren, wenn wir die Krise als Chance begreifen wollen, so Ninia La Grande im Podcast. "Doch so lange wir so wirtschaftsorientiert und kapitalistisch denken, glaube ich nicht wirklich, dass aus dieser Chance etwas gemacht wird."


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