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Stigma und Verzweiflung Corona sorgt in Indien für Elend

Die Corona-Pandemie trifft die Ärmsten der Armen besonders hart. Sie leiden nicht nur wirtschaftlich unter den Ausgangssperren, sondern werden auch sozial ausgegrenzt. Entsteht durch das Virus eine neue Kaste der Unberührbaren?

Von: Silke Dittrich

Stand: 01.07.2020 16:02 Uhr

Health-Worker in einem indischen Slum in Mumbai | Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Ein nackter Mann liegt tot unter seinem Krankenbett, daneben liegen andere Patienten, die sich mit Corona angesteckt haben. Einer von ihnen hat das Video in einem öffentlichen Krankenhaus in Neu-Delhi aufgenommen und es an indische TV-Stationen geschickt. Der Boden der Klinik ist voll mit dreckigen Papiertücher. Im Badezimmer liegen unzählige, leere Plastikflaschen. Es gibt kein fließendes Wasser hier.

Für die Armen gebe es kaum Hilfe, klagt Pradeep Kumar, der seine schwangere Frau in die Klinik gebracht hat, nachdem sie positiv auf Corona getestet wurde. "Die Badezimmer sind so schmutzig. Und zwei Tage nachdem meine Frau aufgenommen wurde, hat noch nicht mal ein Arzt nach ihr geschaut. Im Krankenzimmer liegen noch sechs andere Frauen und das Krankenhauspersonal verhält sich, als wären das Lepra-Kranke."

Karawane des Elends

Schätzungen zufolge haben sich in den letzten Wochen 15 bis 30 Millionen arme Menschen aufgemacht, um aus den Megametropolen zurück in ihre Dörfer zu gehen. In der Stadt hatte sie Angst, zu verhungern. Von heute auf morgen hatten sie keinen Job und somit auch nichts mehr zu Essen. Die Tagelöhner in Indien leben von der Hand in den Mund. "Die Karawane des Elends", so haben die indischen Medien getitelt. Mindestens 200 Menschen sind auf ihren Märschen gestorben. Ein tragisches Video hat tagelang die indische Nation bewegt. Darauf ist ein kleiner Junge zu sehen, etwa zwei Jahre alt, der mit einer Decke spielt. Darunter liegt seine Mutter, die er wecken will. Sie aber liegt reglos auf dem Boden. Sie hat die Reise nicht überlebt.

Die Unsichtbaren?

Die Wanderarbeiterinnen, die geblieben sind, müssen nun oft an Armenküchen anstehen. Obwohl die Ausgangssperre im Land seit mehr als drei Wochen so gut wie aufgehoben ist, lassen viele Familien die Putzfrauen und Köchinnen noch immer nicht zurück an die Arbeit: Weil diese Frauen in armen Verhältnissen wohnen, oftmals die Toiletten mit ihren Nachbarn teilen müssen. Ashu Kashyab hat Glück, einer ihrer Arbeitgeber lässt sie wieder ins Haus: "Ich sehe sie allerdings fast gar nicht mehr. Ich putze und verlasse dann sofort das Haus. Sie haben Angst vor uns, weil wir in Busse steigen und in kleinen Wohnungen leben."

Oder eher eine neue Kaste der Unberührbaren?

Eine Werbung im Internet hat das Stigma der Coronakrise gut auf den Punkt gebracht: Ein Foto mit Händen, die Teig kneten und darüber steht geschrieben: "Erlauben Sie Ihrer Hausangestellten, den Teig mit den bloßen Händen zu kneten? Diese Hände könnten infiziert sein." Dann kommt das nächste Foto, mit zwei reichen, lachenden Frauen neben einer Küchenmaschine: "Gehen Sie bei Ihrer Gesundheit keine Kompromisse ein. Bringen Sie die Küchenmaschine von KENT mit zu Ihnen nach Hause."

Immerhin musste die Werbung nach zahlreichen Protesten wieder aus dem Netz genommen werden. Das Stigma aber bleibt.

Gerade in den indischen Städten erinnert die Ausgrenzung der Hausangestellten an schlimme alte Zeiten, die oft in den Dörfern noch Realität sind: Dort dürfen Menschen, die der Kaste der Dalits angehören, die früher die Unberührbaren genannt wurden, nicht das Wasser aus dem gleichen Brunnen trinken, die Häuser der Menschen in höheren Kasten nicht betreten. Nun gibt es also wieder unzählige Unberührbare in den indischen Städten, die das Stigma Corona tragen, ohne dass überhaupt jemand weiß, ob diese Menschen infiziert sind.


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