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CO₂ sparen im Luftverkehr Wie sich Fliegen mit dem Klima vereinbaren lässt

Egal ob Fernreise oder Inlandsflug - bisher galt das Flugzeug Klimakiller Nummer 1. Dabei gebe es zumindest technisch bereits Möglichkeiten, klimaneutral zu fliegen, sagt Rudolf Dörpinghaus. Er ist Vorsitzender der IASA, einer NGO, die sich für klimaneutrales Fliegen einsetzt.

Stand: 29.08.2019

ARCHIV - 22.07.2019, Nordrhein-Westfalen, Langenfeld: Ein Flugzeug zieht Kondensstreifen hinter sich her, während es durch die Wolken fliegt. (Zu dpa "Flugscham und Minister-Urlaube: Fürs Klima am Boden bleiben?") Foto: Federico Gambarini/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Bild: dpa-Bildfunk/Federico Gambarini

Rudolf Dörpinghaus wurde 1943 in Bonn geboren, begann nach dem Abitur das Studium der Physik an der Universität Köln und parallel dazu seine journalistische Tätigkeit mit den Schwerpunkten Luft- und Raumfahrt, Aerospace-Technologie und Management. Dörpinghaus ist der erste Vorsitzende der IASA, der International Association for Sustainable Aviation. Die NGO setzt sie sich dafür ein, dass das Fliegen klimafreundlicher wird.

Herr Dörpinghaus, wie ist Ihre Meinung zu Greta Thunberg?

Dörpinghaus: Das ist eine sehr interessante junge Dame, die mit enormem Idealismus und auch viel Weitsicht ein Thema in die gesellschaftliche Diskussion hineinbringt. Was viele andere schon vor ihr versucht haben, die aber leider nicht über diese öffentliche Resonanz verfügt haben, die sie jetzt in das Thema hineinbringt. Insofern ist die Arbeit von Greta Thunberg sicherlich sehr hilfreich.

Was im Zuge von Greta Thunberg und Fridays for Future aufkam, ist der Begriff "Flugscham". Können Sie mit dem Begriff etwas Positives anfangen?

Der IASA-Vorsitzende Rudolf Döpinghaus

Eigentlich kann ich mit diesem Begriff gar nichts anfangen, weil er eigentlich irreführend ist. Und so wertvoll die Arbeit von Frau Thunberg auch ist, so irreführend ist dieser Begriff der Flugscham. Und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Fliegen ist nicht so umweltschädlich, wie es in der Öffentlichkeit gerne dargestellt wird. Fliegen hat negative Auswirkungen auf die Umwelt, auf das Klima. Das ist klar und das ist völlig unbestritten. Aber man muss auch hier die Verhältnismäßigkeit wahren. Wenn wir zum Beispiel über innerdeutsche Flüge reden, reden wir vielleicht über 0,2 bis 0,3 Prozent aller CO₂-Emissionen - also über ein Drittel Prozent. Wenn wir was ändern wollen, wenn wir das Klima schützen wollen, dann müssen wir uns auf die Bereiche konzentrieren, in denen wir einen signifikanten Fortschritt erzielen können. Wenn sie 0,2 Prozent einsparen, indem sie keinen einzigen innerdeutschen Flug mehr machen, haben Sie am Klima weder von der deutschen Seite noch weltweit irgendetwas geändert. Luftfahrt kann in Zukunft weitgehend klimaneutral abgewickelt werden. Wir müssen es nur tun.

Nehmen wir zum Beispiel einen Flug von Frankfurt nach Thailand. Da würde man ja über eine Tonne CO₂ ausstoßen. Das ist doch sicher nicht nicht klimafreundlich.

Wenn Sie das CO₂, das Sie auf dieser Strecke ausstossen, vorher beispielsweise aus der Luft entnommen haben, dann kommen sie zu einem CO₂-Kreislauf. Das ist genau das, was wir gerne erreichen möchten. Wir wollen zu einer CO₂-Kreislaufwirtschaft kommen, die das CO₂, das wir auf der einen Seite mit Verbrennungs-Triebwerken in die Atmosphäre hinein geben, an einer anderen Stelle aus der Atmosphäre herausnehmen.

Vielleicht müssen wir da noch ein bisschen konkreter werden: Wenn man fliegt, stößt das Flugzeug CO₂ aus. Wie kann man das technisch aus der Luft wieder heraus bekommen?

Da gibt es sehr unterschiedliche Verfahren an denen in aller Welt geforscht wird. Nicht, weil man nicht weiß, wie es geht, sondern weil man den Weg sucht, wie es am besten geht. Denn, das ist ein bisschen aufwendig und das kostet Geld. Ein Verfahren, das heute eine gewisse Wahrscheinlichkeit hat, dass es angewendet werden wird, ist, dass man einen Filter hat. Durch diesen Filter wird die Luft durchgesaugt oder durchgeblasen. Und wenn dieser Filter mit CO₂ gesättigt ist, wird er diesem Gerät entnommen, wird erwärmt und gibt dann das CO₂ in einer sehr sauberen Form ab, so, dass es dann chemisch sofort weiter verarbeitet werden kann zu synthetischem Treibstoff.

Wäre das eine Technik, die Sie dann direkt an die Triebwerke andocken würden oder die einfach am Boden stehen würde?

Diese Technik steht irgendwo am Boden. Und es ist im Prinzip auch egal, wo sie steht, weil die Atmosphäre ja den ganzen Erdball umgibt. Ob sie das CO₂ in Köln oder in Thailand aus der Atmosphäre herausnehmen, ist im Prinzip egal. Es ist der Atmosphäre entnommen und der CO₂-Anteil in der Atmosphäre sinkt. Das ist das Ziel, das wir haben: Dass der CO₂-Anteil in der Atmosphäre zumindest nicht weiter steigt und im Idealfall sogar wieder sinkt.

Das wird wahrscheinlich noch ein paar Jahre dauern, bis die Forschung so weit ist, oder?

Die Forschung ist eigentlich so weit, dass sie diese Dinge heute schon verwirklichen kann. Es geht nur um die technische Umsetzung. Das dauert ein paar Jahre und dann geht es um das beste Verfahren. Die chemischen Grundlagen für die Herstellung von nachhaltigem Treibstoff, sind eigentlich nicht neu. Sie werden dadurch aktuell, weil wir heute den nötigen Strom "grün" herstellen können und weil wir chemische Reaktoren haben, die es vor Jahren noch nicht gab und die auch noch ständig weiter verbessert werden. Das heißt, das Instrumentarium, das wir heute haben, um diese bekannten chemischen Vorgänge industriell darzustellen, hat sich enorm verbessert in den letzten Jahren. Sie geben uns die Möglichkeit, nachhaltige Treibstoffe, im Idealfall sogar CO₂-neutral, herzustellen.

Sie verwenden oft den Begriff "nachhaltige Treibstoffe". Es gibt ja auch Bio-Kerosin. Warum fliegen wir noch nicht komplett mit Bio-Kerosin?

Bio-Kerosin ist sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung. Aber der Luftverkehr wächst. Und wenn wir den Luftverkehr wirklich nachhaltig, wie Sie sagen, "grün" machen wollen, dann reden wir über sehr, sehr große Mengen an Treibstoff, die wir dafür brauchen. Daraus ergibt sich ein Problem: Wenn ich diese Menge Biotreibstoffe herstellen will, trete ich in Konflikt mit anderen Nutzungsmöglichkeiten, also landwirtschaftlichen Nutzungsmöglichkeiten, Erzeugung von Nahrungsmitteln. Das ist ethisch nicht verantwortbar. Wir müssen sehen, dass die Menschen die auf der Welt sind, auch satt werden und nicht, dass die Menschen die es sich leisten können Auto fahren oder fliegen können. Deshalb brauchen wir einen industriellen Prozess, der die Landwirtschaft nicht belastet. Wir brauchen ein Verfahren für die Herstellung von synthetischen Kraftstoffen, das überall in der Welt eingesetzt werden kann. Das könnte dieses Verfahren sein, das unter anderem auch von deutschen Forschungsinstituten, ganz voran dem Karlsruher Institut für Technologie, entwickelt wurde und das an der Schwelle zur industriellen Anwendung steht.

Das Gespräch mit Rudolf Dörpinghaus lief in unserem Früh-Podcast "Tagesticket":


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