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Umweltproteste in Berlin Extinction Rebellion: Wir müssen sofort handeln!

In Berlin demonstrieren die Umweltaktivisten von der Gruppe Extinction Rebellion gegen die drohende Klimakatastrophe. 90 Prominente aus dem deutschen Kunst- und Kulturbetrieb unterstützen die Aktion. Den offenen Brief ans Kanzleramt hat auch Dramaturg Christian Tschirner unterzeichnet.

Von: Kerstin Grundmann

Stand: 07.10.2019

Kerstin Grundmann: Jeden Freitag gehen ja schon Tausende - längst nicht nur Schüler - gegen den Klimawandel auf die Straße. Warum reicht Ihnen das nicht?

Christian Tschirner: Es scheint ja nichts zu nützen. Wir hatten gerade den letzten Klimastreik, wo über eine Million Menschen auf der Straße waren. Dann wurde ein Klimapaket verabschiedet, von dem viele Experten sagen, es wird wahrscheinlich nichts bringen und dieses Klimapaket wird jetzt nochmal abgeschwächt. Das ist dramatisch. Es scheint nicht zu reichen, dass man demonstrieren geht. Es scheint nicht zu reichen, jeden Freitag zu streiken, sondern wir müssen mehr tun, damit ein Großteil der Bevölkerung aufwacht und merkt, was hier passiert.

Was unterscheidet nun die Aktionen dieser Woche von den "Fridays for Future"-Protesten?

Dass sie mehrheitlich von Erwachsenen getragen sind. Bei "Fridays for Future" bestreiken Schüler die Schule. Das ist auch eine Form von Ungehorsam, nicht in die Schule zu gehen. Extinction Rebellion geht da noch ein Stück weiter. Wir werden Straßen blockieren und noch mehr Aktionen machen, um den normalen Betrieb der Gesellschaft, die uns in den Abgrund führt, zu unterbrechen.

Wer ist Extinction Rebellion?

Extinction Rebellion (auf Deutsch etwa: Rebellion gegen das Aussterben) kommt ursprünglich aus Großbritannien. Sie fordert, dass alle nationalen Regierungen sofort den Klimanotstand ausrufen und warnt vor einer „Auslöschung der Menschheit“ durch die Folgen des Klimawandels. Extinction Rebellion ruft zum gewaltlosen zivilen Ungehorsam, zum Beispiel in Form von Straßenblockaden, auf. Nach eigenen Angaben existiert Extinction Rebellion in Deutschland seit November 2018.

Und was will Extinction Rebellion ganz konkret?

Es sind ja drei Ziele. Erstens, dass die Wahrheit gesagt wird. Dass gesagt wird, wie unsere Situation ist. Wir können nicht mehr auf irgendwelche numinosen neuen Techniken warten, die uns vor dem Treibhausgas-Ausstoß retten, wie Frau Merkel sagt. Es gibt diese Technik nicht und selbst wenn es sie gäbe, würde es Jahrzehnte dauern bis sie einsatzbereit ist. Wir haben noch zehn Jahre Zeit um den Treibhausgasausstoß zu reduzieren - und zwar drastisch zu reduzieren. Sonst sind die Messen gesungen sozusagen. Sonst können wir gar nichts mehr machen und laufen unkontrolliert in fürchterlichste Szenarien rein.

Die zweite Forderung leitet sich aus der Forderung ab, die Wahrheit zu sagen. Es gibt für Menschen, die irgendwie auf der Grundlage dieser Verfassung stehen, überhaupt nur noch eine Option, nämlich sofort zu handeln. Man kann, wenn man Rassist ist, oder sonst irgendwie eine andere merkwürdige Ideologie vertritt, sagen: Wir machen einfach so weiter. Jeder der an ein Lebensrecht aller Menschen glaubt, muss sagen: Wir müssen jetzt sofort handeln. Das ist die zweite Forderung. Die dritte Forderung ist, dass wir BürgerInnen Versammlungen fordern, damit alle Menschen in diesen Prozess der Transformation einbezogen werden, der sicherlich sehr komplex ist.

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Klimabewegung "Extinction Rebellion": Weltweite Proteste gestartet | Bild: tagesschau (via YouTube)

Klimabewegung "Extinction Rebellion": Weltweite Proteste gestartet

Die Wahrheit sagen, sofort handeln und Bürgerversammlungen. Die Forderung klingt erst mal nach Maximalwünschen. Ist das wirklich durchsetzbar?

Ich weiß nicht, ob das durchsetzbar ist. Das kommt auf die Gesellschaft an. Es ist ein Kräftemessen.

Mit wem messen Sie sich da? Mit der Bundesregierung?

Mit der jetzigen Bundesregierung und auf jeden Fall mit der Wirtschaft. Da gibt es ganz starke Beharrungskräfte und Menschen, die sagen, wir schotten uns einfach ab und machen solange weiter wie es geht. Das ist ja die Option, die einige Menschen wählen. Die sagen: Wir bauen einfach Mauern. Uns trifft es als letzte. Hier leben wir in gemäßigten Zonen. Lasst erst mal die anderen absaufen. Es ist klar, dass das auf Dauer nicht gut gehen kann. Ich glaube, dass ist die Scheidelinie. Wollen wir an den Menschenrechten festhalten? An dem Glauben, dass es ein vernünftiges Agieren gibt, oder begeben wir uns in eine Zukunft, wo es überhaupt keine Handlungsoptionen mehr gibt und wir einfach nur auf eine Katastrophe zurasen?

Wie weit würden Sie für diese Forderungen gehen? Sollen für diese gute Sache auch Gesetze gebrochen werden?

Ich denke schon, dass es nötig ist. Ich weiß nicht, inwieweit das ein Gesetzesbruch ist. Aber ich halte es für notwendig dieses "business as usual", wie es von der Bundesregierung, von der Wirtschaft und großen Teilen der Bevölkerung betrieben wird, zu unterbrechen. Das ist einfach das Gebot der Stunde. Nicht weil ich das sage, sondern 98 Prozent der Wissenschaftler. Hinter den Forderungen von "Fridays for Future" stehen über 20 000 Wissenschaftler, die sagen, dass diese Forderungen gerechtfertigt sind. Und die Regierung bewegt sich keine Kaffeebohne darauf zu. Das ist dramatisch.


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