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50 Jahre nach dem Attentat Provokateur, Gewaltverächter, Ikone - wer war Rudi Dutschke?

Rudi Dutschke war eine Medienfigur, Ikone der deutschen Nachkriegsgeschichte, Stimme und Gesicht der deutschen 68er-Bewegung. Oder? Ulrich Chaussy wirft Schlaglichter auf Dutschkes Persönlichkeit und seine diversen Identitäten.

Stand: 04.04.2018

Die Schüsse von 1968 hallen bis heute nach. Dutschke wurde für die 68er-Generation zum Idol, für das Establishment zum Bürgerschreck, für seinen Attentäter zu Hassfigur. Wie Mosaiksteine fügen sich die verschiedenen Etappen und Identitäten Dutschkes zu einem komplexen Bild.

Kriegskind

Rudi Dutschke war ein Kriegskind. Geboren am 7. März 1940 in der Mark Brandenburg, kannte er seinen Vater lange nicht. Wenn über Luckenwalde die alliierten Bombengeschwader Richtung Berlin donnerten, musste er mit seiner Mutter und den drei Brüdern in den Luftschutzkeller. Dann sah er die fromme Mutter beten, auch dafür, dass ihr Mann unversehrt aus diesem Krieg heimkehren werde, in den er vom ersten Tag an ziehen musste. Ein Onkel fiel, der Vater kam erst 1947 zurück, da war Rudi sieben. Die frühe christliche und pazifistische Prägung durch seine Mutter und in der evangelischen „Jungen Gemeinde“ machten ihn zu einem entschiedenen Kriegsgegner – und zu einem kindlich naiven Befürworter der frühen DDR, die vom Staats- und Parteichef bis zu den Schullehrern die Bürger darauf einschwor, dass „nie wieder einer Waffe in eines Deutschen Hand“ geraten solle.

Verweigerer

Mitte der fünfziger Jahre brach die DDR abrupt mit ihrer pazifistischen Linie und verlangte dies auch von ihren Bürgern. Das sah Rudi Dutschke nicht ein: „Wenn ich auch an Gott glaube und nicht zur Volksarmee gehe, so glaube ich dennoch, ein guter Sozialist zu sein", schrieb er an seinen Schuldirektor. Weil Rudi Dutschke als 18-jähriger Abiturient den angeblich freiwilligen Kriegsdienst verweigerte, durfte er trotz guter Noten nicht studieren. Dass seine Argumente und Überzeugungen nichts galten und nicht respektiert wurden, ließ Dutschke seinen Widerspruchsgeist gegen Autoritäten entdecken, gegen Autoritäten jeder ideologischer Ausrichtung. Er maß sie an ihren großtönenden Ansprüchen. Opportunistische Anpassung lehnte er ab, im sozialistischen Osten wie im kapitalistischen Westen.

Demokratischer Sozialist

Im noch offenen Westberlin legte Dutschke im Mai 1961 eine zweite Abiturprüfung ab. Er blieb dort nach dem Mauerbau, musste dort bleiben, um an der Freien Universität studieren zu können. Dem politischen System der westlichen Demokratien und Amerikas gegenüber war er zunächst positiv eingestellt. Aber dass Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung für die Menschen in den Länder der Dritten Welt nicht galten, wenn es galt, die neokoloniale Abhängigkeit zum kapitalistischen Westen zu sichern, empörte Dutschke. So schärfte er seine Kritik am Kapitalismus und machte gleichzeitig klar, dass die Alternative dazu für ihn nur ein Sozialismus sein könne, in dem Demokratie und individuelle Freiheitsrechte gelten. Was Dutschke und seine Genossen im Sozialistischen Deutschen Studentenbund SDS über den Neokolonialismus in den sechziger Jahren herausarbeiteten, nahm damals schon die Erkenntnisse des Nord-Süd Berichts der Vereinten Nationen von 1980 und die heutige Globalisierungskritik voraus.

Aufklärer und Aktionist

Ob es um die Reform der Ordinarienuniversität ging, um die Rückkehr von Nationalsozialisten in öffentliche und politische Positionen, oder darum, dass brutale Diktatoren hofiert wurden, mit denen die Bundesregierung gute Geschäftsbeziehungen pflegte - Dutschke machte die Erfahrung: Resolutionen, Flugblätter und angemeldete Demonstrationen konnten den Anliegen der Studentenschaft im unpolitischen Großklima der vom Wirtschaftswunder betäubten sechziger Jahre keine Beachtung verschaffen. Im Dezember 1964 arrangierte Dutschke, dass eine genehmigte Demonstration beim Berlin-Besuch des kongolesischen Diktators Moise Tschombé  große Beachtung fand: Die Demonstranten verließen die genehmigte Route, die sie von Tschombé ferngehalten hätte, und stürmten zum Schöneberger Rathaus, wo sie bei Gastgeber Willy Brandt persönlich gegen den Empfang des aus geschäftlichen Gründen hofierten Gewaltherrschers protestierten. „Ohne Provokationen werden wir gar nicht wahrgenommen“, dieser Satz von Rudi Dutschke wurde zu einem Leitmotiv für die übrigens oft aus der amerikanischen Studenten und Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner inspirierten Aktionsformen der Studentenbewegung wie Sit-ins und Teach-ins. Aufklärung, so Dutschke, erreiche die Menschen dann am besten, wenn man sie mit Aktion verbinde. In dieser Linie handeln bis heute Umweltaktivisten wie Greenpeace oder Robin Wood.

Gewaltverächter und Gewaltopfer

Am 2. Juni 1967 wurde der unbewaffnete Student Benno Ohnesorg von dem Zivilpolizisten Karl-Heinz Kurras erschossen, als die Polizei die Demonstranten gegen den iranischen Schah Reza Pahlavi auseinanderjagte. Von diesem Zeitpunkt an stellte sich in der Studentenbewegung die Frage: Sollte die staatliche Gewalt der Polizei mit Gegengewalt beantwortet werden? Sollte, nachdem den Studenten wochenlang nicht einmal mehr das Demonstrationsrecht gewährt wurde, die öffentliche Aufmerksamkeit mit Gewalt gegen Sachen gesucht werden, etwa Brandanschlägen gegen Einrichtungen der Amerikaner als Protest gegen den Vietnamkrieg? Rudi Dutschke war auf dem Höhepunkt der Studentenrevolte im Herbst 1967 schwankend, war frustriert, dass die Strategie der Provokationen und kalkulierten Regelverletzungen nun nicht mehr funktionierte. Er lehnte die Verletzung und Tötung von Personen, auch von Repräsentanten des politischen und wirtschaftlichen Systems ab. Die vorbereitete Sprengung eines Schiffes, das militärisches Material direkt von Deutschland aus zum Kriegsschauplatz Vietnam bringen sollte, blies er – wenige Tage vor dem Attentat auf ihn – wieder ab, weil er nicht in Kauf nehmen wollte, dass dabei möglicherweise Menschen verletzt oder getötet werden könnten. Dem rechtsextrem verhetzten Attentäter Josef Bachmann, der ihn am 11. April 1968 in Berlin auf offener Straße niederschoss und schwer verletzte, schrieb er verzeihende und versöhnende Briefe ins Gefängnis, als er von dessen Selbstmordversuchen erfuhr.

Turnschuhminister?

Rudi Dutschke überlebte das Attentat von Josef Bachmann elfeinhalb Jahre. Ein halbes Jahrzehnt brauchte er, um Sprechen, Schreiben und all sein Wissen neu zu erwerben und ins Leben, ins Studium der Soziologie zurückzufinden. Er promovierte 1974 mit einer Kritik der russischen Revolution. Er war auf dem Sprung, zurück aus seinem Exilland Dänemark, zurück in seine Heimat Deutschland, zurück in die Politik. E schloss sich der entstehenden Anti-AKW und ökologischen Bewegung an, einer neuen sozialen Bewegung von unten. Und er befürwortete – anders als 1968 – nun auch, dass die außerparlamentarische Bewegung nach einer Vertretung in den Parlamenten strebte. Im Oktober 1979 half er der Bremer Grünen Liste Umweltschutz, als erste grüne Gruppierung den Einzug in ein deutsches Länderparlament zu schaffen. Die Bremer Grünen benannten ihn als Delegierten zur Gründungsversammlung der GRÜNEN am 10. Januar 1980 in Karlsruhe. Ob er vor Joschka Fischer zum ersten Turnschuhminister geworden wäre? Man konnte dies nie beantworten. Am Heiligabend 1979 starb Rudi Dutschke überraschend an den Spätfolgen des Attentats vom 11. April 1968.

Der Autor

Ulrich Chaussy

Ulrich Chaussy ist Autor zahlreicher Features- und Sachbücher sowie des Kinofilms „Der blinde Fleck“, der sich mit dem Terroranschlag auf das Münchner Oktoberfest befasst. Im März 2018 erschien eine Neuedition seines Dutschke-Buches unter dem Titel „Rudi Dutschke. Die Biographie“.

"Rudi Dutschke Revisited - der Revolutionär, sein Attentäter und ich." Eine Erinnerungsreise von Ulrich Chaussy

Redaktion: Katja Huber
Regie: Christiane Klenz
Ton und Technik: Susanne Harasim
Produktion: BR/WDR 2018


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