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Stadt der Träume Die nie gebaute Wüstenmetropole California City

Wäre es nach Gründer Nat Mendelsohn gegangen, seine Stadt wäre größer als Los Angeles geworden: Blühende 320 Quadratkilometer in der Mojave-Wüste. Allein der Traum funktionierte nicht. Heute ist California City eine riesige Geisterstadt.

Von: Moritz Holfelder

Stand: 05.07.2018

California City - Stadt der Träume | Bild: Moritz Holfelder / BR

Über Nat Mendelsohn wird die Geschichte erzählt, er habe sich tagelang auf einen Hügel in der Mojave gesetzt und dort von einer Metropole geträumt: Von einer blühenden Stadt mitten in der Wüste. Mit einem künstlichen See und unterirdischen Wasservorräten, die nie zu Ende gehen würden. Mendelsohn, 1929 mit seinen Eltern aus der Tschechoslowakei immigriert, studierte erst Kunst, interessierte sich aber bald mehr für Soziologie und Stadtplanung und wurde Landentwickler. 1958 erwarb Nat Mendelsohn 320 Quadratkilometer Grund mitten in der Wüste, rund 150 Kilometer nordöstlich von Los Angeles. Hier sollte sein Traum Wirklichkeit werden: California City!

Die Planstadt war für drei Millionen Menschen ausgelegt. Knapp 10.000 sind es geworden. Nat Mendelsohns Traum des explosionsartigen Wachstums wurde nie Realität. Bebaut hat man in den sechziger Jahren nur den Ortskern. Seitdem liegt die kleine Siedlung inmitten eines schier endlosen Netzes aus ungenutzten Straßen. Nahe dem Ortskern noch asphaltiert, weiter entfernt aus unbefestigten Pisten bestehend. Eine zivilisatorische Fata Morgana. Ein unbesiedeltes Vakuum. Aber jede Straße hat ein Schild mit ihrem Namen: Mitchell Boulevard. Grant Road. Curtiss Place.

Der David Lynch-Effekt

Geoff Manaugh, Autor des renommierten Architekturblogs BLDGBLOG ist vor sieben Jahren zum ersten Mal in die Wüstenstadt gereist und kommt seitdem immer wieder. Der unverwirklichte Traum einer auf Sand gebauten Stadt rege die Phantasie unglaublich an: „Leere Straßen, eine unbewohnte Stadt, die nie fertig gebaut wurde. Das hat etwas grundlegend Alptraumhaftes. Das ist der David Lynch-Effekt, der daran so interessant ist.“ Manaugh ist jedes Mal überrascht, wie wenig sich California City verändert. „Wir haben keinen großen Lebensmittelmarkt, keine Universität – und jedem Bewohner fallen sofort 100 Dinge ein, die es nicht gibt. Dafür ist es ausgesprochen ruhig und nett hier“, erklärt Immobilienmaklerin Linda Hunt. Sie lebt seit 2009 in der Stadt.

Immer wieder gab es Versuche, den ursprünglichen Traum von California City zu verwirklichen, das letzte Mal während des Immobilienbooms der frühen 2000er Jahre. Das Platzen der Immobilienblase traf California City besonders hart. Mit Hilfe der Kredite war die Stadt in kurzer Zeit um rund 3.000 Einwohner gewachsen. So lebten dort kurzzeitig 15.000 Menschen. Etwa ein Drittel der Neubürger konnte aber die Kredite nicht mehr bedienen und verließ den Ort wieder. Seitdem stehen noch mehr Häuser leer als zuvor.

Sell, Buy, Trade Your Land

Wer hinausfährt in die Wüste, sieht immer wieder die armseligen Werbeschilder der Immobilienhändler, die mitten in der Mojave in den Sand gerammt und dort vergessen wurden. Im zivilisatorischen Nichts animieren sie diejenigen, die vorbei kommen: "Sell, Buy, Trade Your Land". California City liegt im Nirgendwo. An keiner der größeren amerikanischen Straßen oder Eisenbahnlinien auch nur irgendwohin. Der nächste Bahnhof liegt 20 Kilometer entfernt. Weiter draußen in der Wüste gibt es einen Flughafen, aber dort landen fast nur Maschinen, die ausgemustert und auf den nahen Flugzeugfriedhof geschoben werden.

Die menschliche Hybris

„Ich denke, Fehlplanungen dieser Größe und Dimension erzählen immer etwas über die vergeblichen Versuche der Menschheit, den Planeten auch dort zu besiedeln, wo man eigentlich gar nicht leben kann. California City ist ein großartiges Beispiel dafür. Aber man findet solche Ansätze auch in den antiken Stätten rund ums Mittelmeer – und letztlich stößt man überall auf der Erde auf die menschliche Hybris“, so Architekturblogger Geoff Manaugh.

"California City", ein Film von Bastian Günther, 2014

Auch Filmemacher Bastian Günther ist von der ungebauten Wüstenmetropole fasziniert. Er hat dort einen Film ("California City") gedreht, der mit den Mitteln des Science Fiction-Kinos die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Dichtung untersucht, zwischen Träumen von einem besseren Leben und ökonomischer Realität. „Die Stadt steht für das Scheitern eines Systems. Und sie steht auch dafür, wie wir als Menschen mit so einem Scheitern umgehen. Wie zieht man sich aus einer Krise wieder raus? Es ist auch symbolhaft für persönliche Krisen, die auch die Hauptfigur des Films durchlebt", so Günther.

Stadt des Scheiterns

Was kostet ein Haus, wenn man hier eines kaufen möchte? „Es kommt auf die Nachbarschaft an und auf die Ausstattung. Ein richtig nettes Haus kriegt man schon für 120.000 Dollar. In Los Angeles kriegst Du für eine solche Summe nur etwas, in dem Du sicher nicht leben willst. Hier ist es billiger. Netter. Erschwinglicher“, sagt Linda Hunt, die Immobilienmaklerin.

Wer in einer Stadt des Scheiterns lebt, dem bleibt nur die Hoffnung. Der träumt davon, dass es doch noch etwas werden könnte mit der Millionenmetropole in der Wüste. Doch tief im Unterbewussten sitzt die richtige Angst, dass man am falschen Ort lebt, dass es überall besser ist als in California City.

Der Autor

Moritz Holfelder, Jahrgang 1958, ist Journalist, Autor und Fotograf. Für den Bayerischen Rundfunk arbeitet er seit 1985 als Film- und Architekturkritiker. Auch seine Bücher entsprechen dieser Leidenschaft, von "Der Palast der Republik" bis zur Biografie über den Regisseur Werner Herzog. Für seine inzwischen acht Hörbücher über einzelne Architekten (Peter Zumthor, Zaha Hadid, David Chipperfield, Oscar Niemeyer, Rem Koolhaas u.a.) erhielt er 2012 den Deutschen Hörbuchpreis.

"Stadt der Träume - Die nie gebaute Wüstenmetropole California City". Von Moritz Holfelder

Redaktion: Katja Huber
Regie: Martin Heindel
Technik: Susanne Harasim
Produktion: BR 2018


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