Bayern 2


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Die Buddha-Bayern Im Einsatz für das Weltkulturerbe im Bamiyan-Tal

Dieses Hörstück führt quer durch die Zeiten und Kulturen in ein fernes Land, kehrt aber wieder zurück ins innerste Bayern. Carola Zinner erzählt von Kruzifixen und von Buddhas, vor allem aber von Menschen, denen das Weltkulturerbe am Herzen liegt: von Denkmalschützern aus Bayern, die sich in Afghanistan um die von den Taliban gesprengten Buddha-Statuen kümmern.

Von: Carola Zinner

Stand: 16.06.2018 | Archiv

Die Bilder gingen um die Welt: Im März 2001 sprengten die Taliban im afghanischen Bamiyan-Tal zwei riesige Buddha-Statuen in die Luft. Die Figuren aus dem 6. und 7. Jahrhundert schienen für immer verloren. Doch bereits im Jahr 2002 beriet eine Delegation internationaler Denkmalschützer bei einer Konferenz in Kabul, ob und wie ein Wiederaufbau oder zumindest eine Sicherung des Bestehenden möglich sei.

Drei Bayern im Bamiyan-Tal

Der inzwischen verstorbene Restaurator Edmund Melzl

An den Arbeiten, die dann folgten, waren und sind gleich mehrere Bayern maßgeblich beteiligt. Neben Michael Petzet, dem einstigen Generalkonservator des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege und Präsident von ICOMOS, dem internationalen Rat für Denkmalpflege, waren das der mittlerweile verstorbene Restaurator Edmund Melzl und der Bildhauer, Restaurator und Alpinist Bert Praxenthaler. Er ist bis heute der "Mann vor Ort", der ein- bis zweimal im Jahr nach Bamiyan fährt, um sich dort um die Bergungs- und Restaurierungsarbeiten zu kümmern.

Edmund Melzl - Bildhauer, Restaurator, Sammler und Afghanistan-Experte

Carola Zinner ging auf Spurensuche und fand Geschichten vom  Fern- und vom Heimweh, von Stammtischbrüdern und Kruzifixsammlern – und von einer gigantischen Rettungsaktion im Herzen von Afghanistan.

Bei ihren Recherchen traf sie zunächst im Landesamt für Denkmalschutz in München auf Rupert Karbacher, einen Arbeitskollegen des verstorbenen Restaurators Edmund Melzl.

"Afghanistan, das war ja nach seiner Dienstzeit hier am Landesamt. (...) Eine Qualität vom Herrn Melzl war, dass er sich in Dinge sehr vertiefen konnte. Man kann schon fast sagen verbeißen."

(Rupert Karbacher, Landesamt f. Denkmalschutz)

Karbacher erzählt von Edmund Melzl, dem Bildhauer und Restaurator, dem Fotografen und Frühaufsteher, dem Grantler, Charmebolzen, Überzeugungstäter und – Sammler.

"Jedes Wochenende ist der auf den Flohmarkt gegangen, bayernweit, auch natürlich zu früher Stunde, und hat da Kruzifixe gesammelt. Er hat mal erzählt, in seinem Schlafzimmer würden über 300 Kruzifixe hängen, und er hat selber zu Lebzeiten auch noch versucht seine Sammlung unterzubringen, aber es ist ihm leider nicht gelungen."

(Rupert Karbacher, Landesamt f. Denkmalschutz)

Und die Buddhas? Afghanistan?

"Da hat ihn der Herr Petzet, der ehemalige Generalkonservator vom Landesamt für Denkmalpflege gefragt, ob er sich das vorstellen könnte. Und da ist er richtig aufgeblüht. Er hatte ja auch eine Vergangenheit in Afghanistan; und hat auch die Sprache beherrscht und von daher war das ein gefundenes Fressen für ihn; aber er war nicht alleine vor Ort, das geht ja gar nicht."

(Rupert Karbacher, Landesamt f. Denkmalschutz)

Impressionen aus dem Bamiyan-Tal

Der nächste Name: Michael Petzet

Bis 1999 war Michael Petzet Generalkonservator des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege; danach Präsident von ICOMOS – Abkürzung für "International Council on Monuments and Sites" –, dem "Internationalen Rat für Denkmalpflege", der die UNESCO in kulturellen Fragen berät. Erst mit Petzet an der Spitze, versichern Insider, erlangte ICOMOS seine jetzige Bedeutung. - Petzet ist ein "Global Player", sagt Karbacher.

Michael Petzet

"Ich war ja seit 1974 in Bayern Generalkonservator, und der Edmund Melzl war in unseren Werkstätten. Ich wurde gerufen nach Bamiyan, das war in Kabul, die erste Konferenz nach der Sprengung, 2002, und da war ziemliche Verzweiflung und Entsetzen und die Frage, was macht man ...

Ich glaube, wir waren schon ziemlich die ersten, die da hingefahren sind - von Kabul aus - nach der Konferenz. Melzl konnte auch die spezielle Sprache, Farsi, die da gesprochen wird."

(Michael Petzet, ehem. Generalkonservator des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege und Präsident von ICOMOS)

Michae Petzet und die chinesische Terrakotta-Armee

2002, ein Jahr nach der Zerstörung der Buddhas, gab es in Kabul eine erste internationale Konferenz zum Thema: Wie soll, wie kann es weitergehen mit dem kulturellen Erbe des Landes? Mit dabei war auch Michael Petzet, eine international anerkannte Koryphäe in Sachen Denkmalschutz und Denkmalpflege. Er hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits bei einem anderen internationalen Großprojekt hervorgetan: der Restaurierung der chinesischen Terrakotta-Armee.

"Drum steht der vor meiner Haustüre, dieser Chinese – den haben die mir mal zum Geburtstag geschickt. Die Chinesen sind auch interessiert an den Bamiyan-Buddhas, weil: das ist ja die Seidenstraße, die in China beginnt und dann so ungefähr in Venedig endet, wenn man so will, als Handelsstraße und Austausch von kulturellen Erscheinungen.

Ich glaube 2003 wurde ich von der UNESCO zum Betreuer für das Bamiyan-Tal ernannt. Und die zwei wichtigsten Restauratoren, die da mitgearbeitet haben, waren der Edmund Melzl (...) und dann der Bert Praxenthaler, ein sehr guter Steinrestaurator, auch aus Bayern. Der Bert Praxenthaler ist da immer noch tätig."

(Michael Petzet, ehem. Generalkonservator des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege)

Der dritte im Bunde: Bert Praxenthaler

Bert Praxenthaler (Mitte) im Kreis der einheimischen Mitarbeiter

Womit nun auch der Name des dritten "Buddha-Bayern" gefallen wäre. Bert Praxenthaler gehörte zusammen mit Michael Petzet und Edmund Melzl zur "Münchner Gruppe" des Buddha-Projektes von ICOMOS.

Bert Praxenthaler, Bildhauer und Restaurator aus Landsberg - der Partner von Edmund Melzl beim Buddha-Projekt. 2004 fuhren die beiden zum ersten Mal gemeinsam nach Bamiyan, um sich einen Überblick über die Schäden zu verschaffen.

Melzl war im Jahr zuvor bereits mit einem deutsch-italienischen Team dort gewesen, für Praxenthaler hingegen war es der erste Besuch in Afghanistan überhaupt. Zu einer Zeit, in der dort jede Reise eine echte Herausforderung war.

"Wir haben halt unsere Koffer gehabt, Kameraausrüstung, Satellitentelefon, das mehr oder weniger funktioniert hat, und ja, bissl Klamotten, bissl Alpinausrüstung, Steinschlaghelm, Kletterseil, Anseilgurt und sowas dabei, weil wir ja dort alpintechnisch die ersten quasi Notfall-Sicherungsmaßnahmen an der Figur selber machen wollten, was wir auch gemacht haben."

(Bert Praxenthaler, Bildhauer und Restaurator)

2003 hatte die UNESCO die Buddhas von Bamiyan zum Weltkulturerbe ernannt. Zu einem Zeitpunkt, als eigentlich gar nichts mehr von ihnen übrig zu sein schien …

Geröll in der Nische des großen Buddhas

"Wir standen erst mal ziemlich erschüttert da vor diesem riesen Schutthaufen. Wenn ich die Zahlen richtig im Kopf hab, das sind 1600 Kubikmeter Schutt gewesen am großen Buddha. Das heißt, der 56 Meter hohe. Der Kleine ist auch nicht klein, nur eben kleiner mit 38 Metern.

Wenn man jetzt in diese leere Nische von dem kleinen Buddha die Bavaria mitsamt Sockel reinstellen würde, die würde locker reingehen, ja. Und in den großen könnte man die Freiheitsstatue, allerdings ohne Sockel, reinstellen.

Also das sind gigantische Ausmaße, wenn man da so davorsteht, dann wirkt das so unwirklich; fast wie nicht von Menschenhand gemacht."

(Bert Praxenthaler, Bildhauer und Restaurator)

"Gigantische Ausmaße" bedeutete nun für die Restauratoren: eine gigantische Herausforderung ...

Und wie geht es heute weiter mit der Restaurierung der Buddhas?

Bei den Buddhas herrscht momentan weitgehend Stillstand

Die ICOMOS-Delegierten der verschiedenen Länder konnten sich bisher noch nicht darauf einigen, wie es grundsätzlich weitergehen soll. Bei den Meetings der Denkmalschützer zeigt sich immer wieder, dass besonders die Japaner da völlig andere Vorstellungen haben als die Deutschen.

Während erstere am liebsten alles im zerstörten Zustand belassen würden, wie man es einst auch in Hiroshima gemacht hat und in Nagasaki, plädieren die Deutschen für eine behutsame Instandsetzung des Vorhandenen und die Errichtung einer Stützkonstruktion, in die dann wenigstens ein Teil der erhaltenen Bruchstücke wieder eingesetzt werden kann.

Zerstörung und die einstige Größe wären auf diese Weise gleichermaßen erkennbar. Und ein angeschlossenes Museum böte zusätzliche Informationen über die Geschichte der Buddhas und des ganzen Tales.

Die Bewohner von Bamiyan sehen das in jedem Fall als die bessere Variante

Afghane mit seinem Pferd

Immer noch wartet man hier darauf, die Buddhas zurückzubekommen, in welcher Form auch immer. Natürlich nicht aus religiösen Gründen. Aber doch als weithin sichtbares Zeichen, dass die schlimmen Zeiten endgültig vorbei sind und es wieder aufwärts geht im Land.

Außerdem würden die berühmten Figuren wohl endlich auch die Touristen zurückbringen und damit die Möglichkeit, auf legale Weise Geld zu verdienen.


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