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BuchFavorit Claudia Piñeiro: "Der Privatsekretär"

Spannender Polit-Thriller: Als während des Wahlkampfs der engste Vertraute eines skrupellosen argentinischen Polit-Karrieristen dem Netzwerk aus Lügen und Intrigen entflieht, begibt er sich in Lebensgefahr.

Von: Heinz Gorr

Stand: 27.11.2018

Buchcover "Der Privatsekretär" von Claudia Pineiro | Bild: Unionsverlag, Montage: BR

Es verheißt nichts Gutes, wenn sich der Adlatus des populärsten Politikers auf einem Busbahnhof rumdrückt, während sein Arbeitgeber im Fernsehen auftritt. Román Sabaté ist auf der Flucht, er darf nicht auffallen, schon gar nicht mit dem kleinen Sohn seines Chefs im Arm. Dass er mit all seinem Insiderwissen untertaucht, könnte ein politisches Erdbeben auslösen. Dabei hatte alles so scheinbar zufällig begonnen:

"Man kann aus allen möglichen Gründen bei der Politik landen. Völlig zu Recht, oder nicht ganz so. Oder auch aus Versehen, aus Nachlässigkeit, weil man nicht Nein sagen kann. Weil man zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Oder zur falschen Zeit am falschen. Weil man von irgendwas leben muss - das war für mich ein berechtigter Grund, damals, vor fünf Jahren."

Aus 'Der Privatsekretär'

Piñeiro erzählt vom Aufstieg eines skrupellosen Polit-Karrieristen

Ganz nach der Dramaturgie eines Kinothrillers folgt dann in Rückblenden die Geschichte dieser aktuellen Zuspitzung: Innerhalb kürzester Zeit war er zum engsten Vertrauten, zum "privatesten Privatsekretär" des aussichtsreichsten Kandidaten Argentiniens avanciert, zählte quasi zur Familie. Fernando Rovira schickt sich an, die Gouverneurswahlen zu gewinnen - für ihn bloß ein Zwischenschritt auf dem Weg ins Präsidentenamt. Nicht nur den ahnungslosen Román hat der smarte Quereinsteiger geblendet, auch seine Landsleute verfallen ihm zusehends. Den Mitbewerbern fehlt, was Rovira im Übermaß besitzt:

"Charisma. Durch den Erfolg angelockt, schlossen sich ihm alle möglichen Unternehmer, Politiker kleinerer Gruppierungen, Medienleute und weitere einflussreiche Akteure an und halfen ihm, jeder auf seine Weise, bei der Gründung von Pragma, der Partei mit dem Wahlspruch: Damit es wieder aufwärtsgeht - packen wir es an!"

Aus 'Der Privatsekretär'

"Der Privatsekretär" handelt von Macht und politischem Charisma

Platte Slogans, die einem millionenschweren Immobilienunternehmer und politischen Anfänger die Sympathien der kleinen Leute bescheren? Vor dem Triumph Donald Trumps hätte das vor allem für Naserümpfen gesorgt. Doch das Konzept des fiktiven Politmatadors ist bis ins Detail ausgeklügelt: Es nur populistisch zu nennen, griffe zu kurz, denn Rovira bedient sich skrupellos des propagandistischen Intrumentariums bei seinen Kampagnen, selbst vor Mord schreckt seine Mannschaft nicht zurück. Mit der Journalistin China kommt eine zweite Ich-Perspektive ins Spiel sowie eine weitere wesentliche Komponente: das Irrationale, die Macht der Aura im politischen Betrieb. "Jeder Mensch schleppt einen Fluch mit sich herum" - schon dieser erste Satz verweist auf das Magische, den Aberglauben. Ein brillant komponierter Roman, dessen spanischer Originaltitel nicht umsonst Las Maldiciones heißt, also Die Flüche oder Die Verwünschungen. China schreibt an einem Buch über den Alsina-Fluch, demzufolge niemand jemals argentinischer Präsident wurde, der zuvor Gouverneur der Provinz Buenos Aires war. Betreibt Rovira deshalb so verbissen seinen Plan für die Teilung der Provinz? Wie gelang es ihm eigentlich dem Fluch der Kinderlosigkeit zu entkommen? Warum kümmert ihn der gewaltsame Tod seiner Frau so wenig? Sukzessive deckt Román auf, dass sein Aufstieg im Pragma-Imperium minutiös geplant, er selbst inklusive Statur, Haar- und Augenfarbe auserwählt wurde. Und wie ihn Rovira bis hinein ins Intimleben manipuliert hat.

Claudia Piñeiro - der "Shootingstar der argentinischen Literatur"

"Hitchcock ist eine Frau und lebt in Buenos Aires", schrieb ein Kritiker mal über Claudia Piñeiro: Wer verfolgt, wie sich Román aus dem perfiden Netz der Lügen und Intrigen zu befreien sucht, wird den Vergleich mit dem britischen Regisseur nicht überzogen finden. Suspense ist jedoch nur eine von der erfahrenen Drehbuchautorin Piñeiro meisterlich beherrschte Ingredienz. Da sich der Plot phasenweise als realistisches Handbuch für gewissenloses Machtstreben lesen lässt, verweist sie eingangs auf den fiktiven Charakter des Erzählten:

"Jede Übereinstimmung mit der Wirklichkeit ist reiner Zufall. Manche PR-  Berater und Kampagnenleiter kommen auf Ideen, von denen alle noch so begabten Schriftsteller bloß träumen können."


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