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"Gegen falsche Toleranz und Panikmache" Buchautor Ahmad Mansour: "Klartext zur Integration"

"Als Moslem bin ich in der Lage, Kritik auszuhalten", sagt Ahmad Mansour - und warnt vor dem "Kuscheltierphänomen" im Umgang mit Muslimen. Versäumnisse in der Integration müssten klarer benannt werden, betont er in seinem neuen Buch. Ein Gespräch.

Von: Matthias Dänzer-Vanotti

Stand: 22.08.2018

Ahmad Mansour | Bild: picture-alliance/dpa

Flüchtling, Psychologe, Buchautor, gläubiger Muslim und deutscher Staatsbürger: Ahmad Mansour wurde 1976 in Israel geboren, als schüchterner junger Mann fühlt er sich früh zum radikalen Islamismus hingezogen. Sein Psychologiestudium in Tel Aviv hilft ihm, sich von der Ideologie zu lösen. Seit 14 Jahren lebt Mansour in Deutschland. Er forscht zur Radikalisierung unter muslimischen Jugendlichen, Antisemitismus und Unterdrückung im Namen der Ehre. In Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Sozialministerium organisiert Mansour Projekte zur Demokratieförderung und Extremismusprävention. Jetzt hat er ein neues Buch veröffentlicht: "Klartext zur Integration: Gegen falsche Toleranz und Panikmache". Darin fordert Mansour: Wir müssen offen miteinander reden, sonst spielen wir den Rechten in die Hände.

radioWelt: Das Vorwort Ihres Buches ist überschrieben mit "Anleitung zur Realität". Sie machen das fest am Beispiel der beiden Fußballer Gündogan und Özil, die sich mit dem türkischen Präsidenten Erdogan fotografieren ließen. Was ist da falsch gelaufen?

Ahmad Mansour: Die ganze Debatte ist so falsch gelaufen, dass wir nicht in der Lage waren, differenziert über Tatsachen zu reden. Als Özil nach dem Weltmeister-Scheitern "Rassismus, Rassismus" gerufen hat, waren wir nicht in der Lage, eine differenzierte Debatte zu führen. Es ging nicht darum Özil zu kritisieren, weil er einen türkischen Hintergrund hat, sondern weil er sich als deutscher Nationalspieler mit einem Diktator fotografieren lässt und für ihn eigentlich Wahlkampf gemacht hat.

radioWelt: Manche haben Özil und Gündogan in Schutz genommen. Ist es das, was Sie in Ihrem Buch als "Kuscheltierphänomen" bezeichnen?

Ahmad Mansour: Ein Teil davon. Wenn wir nicht in der Lage sind, den Muslimen als Menschen, als gleichberechtigte Bürger dieses Landes zu begegnen, wenn wir von ihnen anderes oder weniger fordern als von den Einheimischen, dann sind sie Kuscheltiere. Ich bin als Moslem in der Lage, Kritik auszuhalten. Ich mache vieles falsch, vieles richtig - und ich will, dass man mir als Mensch und als Bürger begegnet. Nicht als Kuscheltier von irgendwelchen Linken, die sich dann moralischer fühlen, weil sie auf meiner Seite stehen.

radioWelt: Das heißt, das ist für Sie falsche Toleranz?

Ahmad Mansour: Absolut. Natürlich. Die Menschen, die hier leben, ob sie Flüchtlinge sind, ob sie türkische Herkunft haben oder muslimisch sind, sind Teil dieser Gesellschaft. Sie bekommen natürlich keine Rabatte, weil sie Muslime sind. Wir müssen über die Probleme reden und natürlich auch über das, was in den letzten Jahren funktioniert hat. Es gibt viele gut integrierte Muslime und Menschen, die zu uns gekommen sind. Aber wenn wir der Meinung sind, wir müssen diese Leute beschützen, weil sie nicht Kritik aushalten können. Weil wir nicht darüber reden, was schiefläuft, weil das den Rechten irgendwie in die Händen spielt, dann ist das absolut positiver Rassismus.

radioWelt: Wieso spielt das den Rechten in die Hände, wenn wir nicht offen darüber reden?

Ahmad Mansour: Was wir vor allem in den letzten drei Jahren erlebt haben, war, dass die Rechten in der Lage waren, ganz viele Leute anzusprechen und zwar mit Ängsten: Angst vor Überfremdung, Angst, die Identität zu verlieren, Angst vor Islamismus, Angst vor Flüchtlingen und so weiter und so fort. Damit wir diese Ängste lösen können, damit wir die Menschen auch emotional erreichen, damit wir ihnen das Gefühl geben, dass wir die Lage unter Kontrolle haben, brauche ich die demokratischen Parteien der Mitte der Gesellschaft, die in der Lage sind, über Probleme zu reden - und sie nicht zu tabuisieren. Natürlich läuft viel schief. Natürlich haben wir Probleme mit Gleichberechtigung, mit Meinungsfreiheit, mit Antisemitismus. Nicht darüber zu reden, ist eigentlich die Verstärkung von Rechtsradikalen, die als einzige dann über solche Themen reden, natürlich undifferenziert, natürlich ohne Lösungen, aber zumindestens reden sie darüber.

radioWelt: Sie kritisieren in Ihrem Buch als "Jahrhundertfehler", dass muslimische Verbände die Aufgabe übernehmen, Flüchtlinge zu integrieren. Warum ist das ein Jahrhundertfehler?

Ahmad Mansour: Wir haben das Thema Integration nicht erst seit 2015, sondern eigentlich seit mehr als 40 Jahren. Und wir müssen schauen was ist eigentlich in den letzten 40 Jahren schiefgelaufen? Wenn man das objektiv beobachtet, dann sieht man, dass vor allem die Moscheevereine, die großen Verbände, die eigentlich sehr am Ausland orientiert sind, an der Türkei oder am Iran oder an Saudi-Arabien, nicht hilfreich waren bei der Integration. Sie sind dafür verantwortlich, dass Parallelgesellschaften entstanden sind. Sie haben den Menschen Angst vor Freiheit, vor den Werten dieser Gesellschaft gemacht. Wenn sie jetzt die Aufgabe staatlich finanziert bekommen, die Neu-Ankommenden zu integrieren, dann ist ein Scheitern vorprogrammiert. Das ist ein Jahrhundertfehler, weil wir das wiederholen, was wir in den letzten 40 Jahren falsch gemacht haben.

radioWelt: Gilt das pauschal für alle muslimischen Verbände?

Ahmad Mansour: Erstmal: Alle muslimischen Verbände repräsentieren nicht mal 30 Prozent der Muslime. Das heißt, wir haben 70 Prozent, die nicht organisiert sind. Sie sind in dieser Debatte kaum noch zu hören. Das sind unsere Nachbarn, unsere Kollegen, die sind super integriert und die müssen auch in diese Debatte miteinbezogen wernde. Die großen muslimischen Verbände, die wir in Deutschland haben, orientieren sich am Ausland. Sie haben ein konservatives Islamverständnis. Das ist absolut nicht hilfreich bei der Integration.

radioWelt: Der Begriff "Heimat" spielt bei uns in der politischen Diskussion eine immer größere Rolle. Wir haben in Bayern ein Heimatministerium, im Bund jetzt auch. Sie sagen, der Begriff "Heimat" muss neu besetzt werden. Warum?

Ahmad Mansour: Wenn wir das nicht tun, übergeben wir diesen Begriff den Rechtsradikalen und Nazis, die natürlich damit eine ganz andere Definition und Betrachtungsweise instrumentalisieren und ausnutzen. Es gibt eine gewisse Gruppe in dieser Gesellschaft, die dieses Heimatgefühl braucht. Die dürfen wir nicht in Richtung AfD oder Richtung Rechtsradikaler bewegen, sondern wir müssen ihnen ein Heimatgefühl geben, demokratisch, verfassungspatriotisch, vielfältig, das auf der Basis unserer Demokratie basiert und nicht auf rechtsradikalen Narrativen, was wir gerade natürlich auch haben.

radioWelt: Das heißt, zu dieser Heimat gehören auch die Muslime?

Ahmad Mansour: Absolut, natürlich! Alle, die hier leben und Demokraten sind.


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