Bayern 2


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Brauchtumsforscher Michael Ritter Kleine Kulturgeschichte der Kuhglocke

"Wir finden Tierglocken in geradezu allen Kulturen auf der ganzen Welt" erklärt Brauchtumsforscher Michael Ritter. Auch in Bayern gehören Kuhglocken zum Brauchtum dazu. "Bräuche müssen sich permanent den gegebenen Veränderungen anpassen", sagt er. Bei juristischem Streit rät er zu Gelassenheit.

Von: Veronika Lohmöller

Stand: 10.04.2019

Wanderer, Kuh mit Kuhglocke um den Hals | Bild: BR / Annette Goossens

radioWelt: Gehört der Klang von Kuhglocken zum Landleben in Bayern oder ist er schlichtweg Lärm und somit Ruhestörung? Wir fragen nach bei Brauchtumsforscher Michael Ritter. Ihre Haltung dürfte klar sein, nehme ich an: Kuhglocken sind Brauchtum?

Michael Ritter: Kuhglocken gehören fraglos zum Brauchtum dazu, wenngleich man einschränkend sagen muss, sie haben heute längst nicht mehr die Bedeutung, die sie früher hatten. Und sie sind auch früher schon primär im Alpenraum verbreitet gewesen, im Vorland eher weniger. Das hat maßgeblich mit ihrer Funktion zu tun.

radioWelt: Was war denn die ursprüngliche Funktion?

Michael Ritter: Kuhglocken haben verschiedene Funktionen. Sie haben lange Zeit eine bedeutende Rolle im Volksglauben gespielt: Man hat gemeint, dass sie in der Lage seien, böse Mächte, Unheil, Krankheiten und auch Raubtiere vom Vieh fernzuhalten und - auf der anderen Seite - mit ihrem hellen Klang auch gute Kräfte anzuziehen. Vor allem aber haben Kuhglocken eine Signalwirkung gehabt. Für die Hirten waren sie vor allem in nicht abgezäuntem Gelände ein wichtiges Hilfsmittel zum Auffinden der Tiere. Vor allem in den Bergen, also in der Almwirtschaft. In nördlicheren Breiten Bayerns, wo ja die Weideflächen üblicherweise abgezäunt waren, hat diese Funktion aber nie so gegriffen. Darüber hinaus gibt es auch noch die Schmuck-Funktion, wie zum Beispiel an Pferden bei Prozessionen oder auch beim Almabtrieb. Und in gewisser Weise mögen die Glocken auch eine Orientierungshilfe für die Herde selbst gewesen sein: Die Tiere haben sich oft am Klang der Glocke an ihrem Leittier orientiert.

radioWelt: Sind die Kuhglocken denn eine rein bayerische Geschichte?

Michael Ritter: Nein, keineswegs. Wir finden Tierglocken in geradezu allen Kulturen auf der ganzen Welt. Bei Weidetieren sowie bei Arbeits- und Lasttieren. Wir finden sie bei uns an Kühen und Pferden, aber zum Beispiel auch an Ziegen in Afrika, an Karawanen-Kamelen in Arabien, an Arbeitselefanten und heiligen Kühen in Indien, an Lamas in Südamerika, an Rentieren in Lappland, an Wasserbüffeln, Yaks und vielen Tieren.

radioWelt: Das Münchner Oberlandesgericht hat im Februar gesagt, es gebe keinen absoluten Kulturschutz für Kuhglocken im Oberland. Finden Sie, den bräuchte es?

Michael Ritter: Einen Kulturschutz kann es letztlich nicht geben, denn Traditionen und Bräuche können juristisch nicht irgendwo verankert und zu ihrem Fortleben gesichert werden. Auch wir Heimatpfleger dürfen keine Zensoren sein, keine Scharfrichter, die vorgeben, was sein darf und was nicht. Bräuche müssen sich permanent den gegebenen Veränderungen anpassen. Und insofern glaube ich, sollten wir so manche Veränderung, die die Zeit mit sich bringt, auch mit einer gewissen Gelassenheit sehen dürfen.


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