Bayern 2


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Bräute der Lüfte Die Lust, abzuheben

Die heutige Ausgabe unseres Feuilletons geht im buchstäblichen Sinn "über den Äther": Wir laden Sie nämlich ein zu einer "Luftreise", die auf den spezifisch weiblichen Beitrag zur Geschichte der Luftfahrt abhebt. Und wünschen einen guten Flug!

Von: Henrike Leonhardt

Stand: 07.01.2018 | Archiv

In den Köpfen spukten sie ja schon immer herum, die fliegenden Frauen: Walküren, Windsbräute, Blocksberg-Hexen! Dass aber irgendwann leibhaftige irdische Weibsleute vom Boden abhoben, das ging vielen zu weit! Zu hoch! Für die Luftfahrerinnen war das Fliegen einfacher als das Überfliegen männlicher Konkurrenzängste und allgemeiner Vorurteile.

Dabei gab es sie ja seit jeher, die fliegenden Frauen ...

Walt Disney's berühmte Fee "Tinker Bell" aus "Peter Pan" (1953)

Engelinnen und Windsbräute, Sirenen, Walküren, mitreißende Feen, Gespenster, Heilige, Hexen ... Manche brauchten Vehikel: Besenstiele, Flügel, Geißböcke, Schweine!

Spätestens in der Zeit der Aufklärung war es so ziemlich vorbei mit dem Glauben an diese Luftfahrerinnen. Der Traum vom Fliegen aber blieb. Mann ging zuerst in die Luft und Frau folgte als Ballonfahrerin, Segelfliegerin, Motorsportfliegerin und so fort.

"Die Polizei hat dem Bürger Garnerin die Luftreise mit einem Frauenzimmer verboten, weil er nicht erweisen könne, daß diese Gesellschaft etwas zur Kunst beitragen würde, weil die Luftfahrt von zwei Personen verschiedenerlei Geschlechts unanständig und unmoralisch ist und weil es nicht ausgemacht sei, ob nicht der Druck der Luft den zarten Organen eines jungen Mädchens gefährlich werden könne!"

(Vossische Zeitung, Berlin 1798)

"Die praktische Betätigung einer Dame in der Luftschiffahrt"

Die Fallschirmspringerin Käthe Paulus, 1890

Käthe Paulus, die erste deutsche Fallschirmspringerin, tat 1893 ihren Jungfernflug in Nürnberg, weil andernorts "die praktische Betätigung einer Dame in der Luftschiffahrt" verboten war. Lange blieb Frauen in Deutschland die erwerbsmäßige Passagierbeförderung verwehrt. Um Berufsfliegerin zu werden, wie zum Beispiel Melli Beese, Elly Beinhorn, Marga von Etzdorf, Thea Rasche, Hanna Reitsch, Melitta Schiller, Christlmariele Schultes, mussten Frauen Nischen finden: als Fluglehrerin, Kunstfliegerin, Reklame- oder Einfliegerin, Testpilotin.

Fürs Fliegen opferten manche Gesundheit und Leben

Die Fliegerin Marga von Etzdorf (l.) und der Kunstflieger und Flugzeugbauer Gerhard Fieseler (r.)

Fliegen war teuer. Wer nicht von Haus aus reich war, begab sich für seine Flugleidenschaft (oder Flugsucht?) und für das notwendige eigene Flugzeug in oft verhängnisvolle Abhängigkeiten. Wurde die Maschine vom Hersteller gestellt, musste frau sich bereits durch Rekorde und Rennen einen Namen gemacht haben. Durch immer waghalsigere Weit- und Hochflüge hatten die – zumeist sehr attraktiven – Fliegerinnen nun die Leistungskraft und Sicherheit des jeweiligen Flugzeugtyps international unter Beweis zu stellen. Nicht wenige Fliegerinnen blieben dabei auf der Strecke. Marga von Etzdorf zum Beispiel (deren Nachlass im Archiv des Deutschen Museums liegt): Karrierefliegerin mit zwei Bruchlandungen; nach der dritten in Aleppo hat sie sich erschossen – keine Firma hätte ihr noch ein Flugzeug anvertraut. (Oder ging es doch um Waffenschmuggel?) Auf ihrem Grab steht: "Der Flug ist das Leben wert". - Henrike Leonhardt fragt, ob "über den Wolken die Freiheit" ist.


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