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Seil-Selbstversuch Bondage-Kurs: Fesseln für Anfänger

Fesselspiele sind pure Erotik? In der Bondage-Szene nicht unbedingt. Viele Praktizierende verbinden das Seil mehr mit Kommunikation und Kunst als mit Sex. Unsere Reporterin hat es in einem Bondage-Kurs selbst ausprobiert.

Von: Tereza Bora

Stand: 05.08.2022

Shibari-Meister Stefano Laforgia zeigt seine Fesselkunst an einem Modell. | Bild: picture alliance / Ilya Vydrevich

Der Holzmarkt in Berlin. Eine graue Matte in einem hellen Raum. Hier sitze ich im Schneidersitz und versuche, meine Nervosität zu verstecken. Die anderen 30 Menschen im Raum – manche allein, manche zu zweit – tragen heute Abend gemütliche Kleidung. Die Atmosphäre wirkt, als würde gleich ein Yoga-Kurs beginnen. Dabei geht es hier im Institut für Körperforschung und sexuelle Kultur um etwas anderes: den Bondage-Anfänger-Kurs. Was mich hier im Kurs genau erwartet? Wie erotisch es wird? Und was mit mir passiert? Ich habe keine Ahnung.

Umso dankbarer bin ich, als sich René, ein jung gebliebener 48-Jähriger, neben mich setzt und wir ins Plaudern kommen. Er besucht seit sechs Wochen regelmäßig den Kurs, vor allem mit dem Ziel, die Technik zu üben. Wie ein kunstvolles, symmetrisches Origami solle die Fesselung dann aussehen.

Respekt vor der Person, die sich fesseln lässt

Es geht los. Der heutige Trainer Alex kommt in den Raum. Er trägt eine weite Leinenhose und ein Tanktop, beides in Schwarz. Neben ihm in Gymnastikkleidung die Frau, die er heute fesselt. In der Bondage-Szene heißt dieser unterwürfige Part "Rope Bunny". Die beiden setzen sich in die Mitte des Raums. Alex, ursprünglich aus dem Chiemgau, gibt eine kurze Einführung in seine Art zu fesseln: die japanische Shibari-Technik. Er erklärt, wie wichtig eine gute Verbindung zwischen dem Fesselnden und dem Rope Bunny ist:

"Was ich immer habe, ist dieser Respekt vor dieser Person, die ins Seil geht. Dieser Respekt muss auch da sein. Wenn man den verliert, dann würde das wahrscheinlich ausarten und irgendwann ist das dann nur noch Gewalt und nicht mehr schön. Das brauche und will ich auch nicht. Deswegen sind Consent und der Respekt super wichtig für mich."

Alex, Bondage-Trainer

Immerhin kann Bondage auch Schmerzen zufügen und, wenn man falsch fesselt, gefährlich sein. Der Kurs soll zeigen, wie es möglichst sicher geht. Trainer Alex macht es vor, die Gruppe macht es ihm nach. Während er zunächst an seiner Fesselpartnerin den wichtigsten Knoten zeigt, überlege ich, ob ich mich wohl genug fühle, diesen Knoten gleich selbst an mir zu erleben, wenn René ihn ausprobiert. Ich entscheide mich dafür.

Oberkörperfesselung: Fest aber nicht schmerzhaft

So kann es aussehen: Ein japanischer Bondage-Meister demonstriert seine Kunst.

Ich knie und halte ihm meine Handgelenke hin. Er knotet das Seil an meinem Handgelenk fest und windet es geschickt um meine Arme und meinen Oberkörper. Meine Handflächen sind vor meiner Brust flach aufeinandergelegt, die Ellbogen eng an der Taille. Es sieht aus, als würde ich beten. Wenn ich jetzt zur Seite kippe, kann ich mich nicht abstützen. Trotzdem fühlt es sich in Ordnung an. Ich spüre das Seil sehr fest an mir, aber es tut nicht weh.

Allein könnte ich mich nicht befreien. Ich bin auf René angewiesen. Er fragt immer wieder nach, ob alles passt oder er mich lieber wieder entfesseln soll. Ich bleibe noch ein bisschen so, bevor ich ihn bitte, das Seil zu lösen. Es ist eine neuartige Erfahrung für mich, irgendwie spannend, aber kein bisschen sexuell aufgeladen. Meine Erwartung, hier läge Erotik in der Luft, ist überhaupt nicht erfüllt.

Raum voller Vertrauen

Das sehen auch andere Bondage-Praktizierende so. Für eine junge Frau, die sich "Rope Unleashed" nennt, hat das Spiel mit dem Seil nichts Sexuelles. Sie ist schon sehr viel erfahrener und gehört zu einem Bondage-Kollektiv für Menschen, die sich als Frauen identifizieren. Gleich nach dem Anfängerkurs wird sie hier beim "Bondage Jam" mitmachen – einer freien Fesselveranstaltung für Fortgeschrittene. Für Rope Unleashed ist das Fesseln ein besonderes Gefühl:

"Es ist so, als wenn sich eine Glocke um mich und die Person herumstülpt. Wo man dann in einem Raum ist, wo alles andere drumherum gar nicht mehr da ist, weil man sich sehr aufeinander fokussiert. Man schafft einen Raum, der viel mit Vertrauen einhergeht. Das ist ein Raum, wo alle Gefühle möglich und auch erlaubt sind und die Reinheit dieser Gefühle auch zugelassen wird."

Bondage-Praktizierende Rope Unleashed

Fesseln als Kunstform

Trainer Alex sieht das ähnlich. Ihm ist es dabei egal, welchem Geschlecht sein Fesselpartner angehört. Viel wichtiger ist ihm, "die Connection zu haben und zu spüren, was mein Partner in dem Fall benötigt. Das ist für mich dann diese Passion, die ich auch dabei habe". Ob diese Passion auch sexuell ist?

"Es gibt Menschen, die legen mehr Wert darauf, das fürs Bett zu machen und dann gibt es eben die Kunst des Fesselns. Ich ordne mich selber mehr bei der Kunst des Fesselns ein. Ich mache das Ganze aus einem künstlerischen Aspekt heraus: Schöne Formen zu schaffen, damit die Körper schön aussehen."

Alex, Bondage-Trainer

Rollentausch ziemlich üblich

Das ist gar nicht einfach, wie ich in der Praxis merke. Inzwischen darf ich René fesseln. Auch mal die Rollen zu wechseln, ist relativ üblich beim Bondage. So können beide beide Rollen nachvollziehen und sich in die jeweils andere Person einfühlen, wenn sie die Macht ausüben oder sie am eigenen Körper annehmen. Für Rope Unleashed ist Macht dabei etwas, womit "ein Geschenk gemacht wird. Jemand gibt dir die Macht über einen. Und ich finde das schön, diese Verantwortung eben auch übernehmen zu dürfen und dieses Geschenk, was man mir da macht, auch entgegenzunehmen".

Ein Mann steht im Sankt Petersburger Museum "MusEros" in einer Shibari-Foto-Ausstellung.

Mit dem Geschenk, was mir René gemacht hat, bin ich etwas überfordert. Ich habe gar keine Ahnung, wo an Renés Körper ich das Seil als nächstes herumwinden soll. Meine Fesselung an ihm sieht sehr improvisiert aus. Weit entfernt von symmetrisch oder ästhetisch. Bei Profi Alex ist das anders: Er fesselt auch in Galerien und arbeitet mit renommierten Fotografen zusammen.

Schwebende Fesselung: die Königsdisziplin

Entsprechend kunstvoll sieht dann auch seine letzte Fesselung aus: Er fixiert seine Partnerin am Oberkörper und an der Hüfte und bindet sie mit zwei Seilen an einem waagerechten Bambusrohr fest, das an der Decke baumelt. Er zieht sie hoch und: Sie schwebt! Das ist die Königsdisziplin bei Bondage. Ihre Augen sind geschlossen und sie lächelt genussvoll.

Und auch ich habe ein Lächeln auf den Lippen – ich gelernt, dass Bondage verschiedene Gesichter hat: Kunst, Kommunikation, Vertrauen – eine spannende Erfahrung und viel mehr als nur "Schmuddelkram".


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