Bayern 2


9

Verschwörungstheorien Was steckt hinter der Bilderberg-Konferenz?

Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Militär und Wissenschaft treffen sich einmal im Jahr - nach außen dringt kein einziges Wort. Die Folge: Verschwörungstheorien. Ein Gespräch mit dem Historiker Thomas W. Gijswijt, der die Geschichte der Konferenz erforscht.

Von: Kerstin Grundmann

Stand: 07.06.2018

Archivbild: Ein Protestplakat gegen die Bilderberg-Konferenz am 11. Juni 2015 in Telfs in Österreich. | Bild: picture-alliance/dpa

Seit 1954 treffen sich jedes Jahr einflussreiche Persönlichkeiten hinter verschlossenen Türen. Benannt ist die Runde nach ihrem ersten Tagungsort - dem Hotel De Bilderberg in den Niederlanden. Um den Geheimclub der Bilderberger ranken sich viele Verschwörungstheorien. Angeblich strebt er nämlich die Weltherrschaft der Superelite an. Angeregt werden die Gerüchte jetzt wieder durch ein neues Treffen der Bilderberger, diesmal in Turin. Dr. Thomas Gijswijt von der Universität Tübingen gibt Einblicke in diesen exklusiven Kreis. Der Historiker schreibt gerade an einem Buch über die Geschichte der Bilderberger-Gruppe.

radioWelt: Die Treffen der Bilderberger klingen ein wenig nach dem Weltwirtschaftsforum in Turin. Ist das vergleichbar?

Thomas Gijswijt: Auf jeden Fall. Bilderberg ist aber etwas exzessiver, deutlich kleiner und nicht so offen wie Davos. Wir wissen wenig über das, was tatsächlich besprochen wird. Die Tatsache, dass es wirklich geheim bleibt, was dort besprochen wird, ist natürlich anders als Davos oder auch die Münchner Sicherheitskonferenz. Aber im Grunde sind es ähnliche Treffen.

radioWelt: Wie kommt man denn auf die Gästeliste von Bilderberg?

Thomas Gijswijt: Man muss eingeladen werden. Es gibt ein kleines Steering Committee, also ein Organisationskomitee, das Leute einlädt. Nur wenn man eingeladen wird, darf man kommen. Das bedeutet aber nicht, dass man in Zukunft noch mal eingeladen wird. Es gibt keine Mitglieder, es gibt nur Teilnehmer.

radioWelt: Wer steht dieses Jahr auf der Gästeliste?

Thomas Gijswijt: Dieses Jahr gibt es aus der Politik einige Ministerpräsidenten von kleineren Ländern, aus Belgien, den Niederlanden, Estland, Serbien. Die Finanzwelt ist sehr gut vertreten mit Paul Achleitner, dem Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank. Lazard, Goldman Sachs, Banken sind vertreten und Finanzminister. Thomas Enders, der Noch-Airbus-Chef. Ursula von der Leyen ist da, Mathias Döpfner vom Springer-Verlag. Das sind die Namen aus Deutschland.

radioWelt: Worüber werden die Gäste dort diskutieren?

Thomas Gijswijt: Sie haben viel zu besprechen. Es ist einiges los in der Welt. Populismus in Europa ist eines der Themen, aber auch Freihandel. Iran steht auf der Agenda, was in Amerika gerade passiert, die Wahlen, die jetzt im November bevorstehen. Das sind die politischen Themen, die besprochen werden.

radioWelt: Warum muss man das in diesem exklusiven Kreis tun? Was war die Ursprungsidee bei der Gründung dieser Konferenz?

Thomas Gijswijt: Die Ursprungsidee war, dass Politiker nur offen reden können, wenn in der Presse nachher nichts von dem zu lesen ist, was sie gesagt haben. Alle Teilnehmer werden eingeladen als Privatperson. Das ist natürlich ein Trick. Natürlich werden sie auch eingeladen, weil sie wichtig sind. Aber sie können sicher sein, dass das, was sie sagen nicht an die Öffentlichkeit kommt. Dadurch hört man, wenn man mit den Teilnehmern informell redet, dass die Gespräche offener und ehrlicher sind als es zum Beispiel bei einem offiziellen G7-Treffen der Fall sein kann.

radioWelt: Sorgt denn diese Geheimhaltung auch dafür, dass die Konferenz mit Verschwörungstheorien behaftet ist?

Thomas Gijswijt: Genau das macht es natürlich interessant, zum einen die hochkarätigen Teilnehmer aus Politik und Wirtschaft und zum anderen, dass es geheim ist. Das reicht für viele Verschwörungstheoretiker. Sie sagen, dass sei eine geheime Weltverschwörung. Wenn dann auch noch ein paar Wochen nach einer Bilderberg-Konferenz irgendwo ein Krieg oder eine Finanzkrise ausbricht, braucht es nicht mehr viel.

radioWelt: Wenn keine Informationen nach außen dringen - wie sind Sie denn daran gekommen, über die Bilderberger zu berichten und ein ganzes Buch schreiben zu können?

Thomas Gijswijt: Es gibt interessanterweise ein offizielles Bilderberg-Archiv in den Niederlanden. Aber es ist relativ schwierig da reinzukommen, weil alles fünfzig Jahre verschlossen bleibt. Weil die Bilderberg-Konferenz seit 1954 stattfindet, kann man bis Ende der 60er Jahre alles einsehen. Es gibt für die ersten Konferenzen Wortprotokolle, in denen man genau sehen kann, was gesagt wurde. Daher kann ich definitiv sagen: Nein, es ist keine geheime Weltregierung, es werden keine Beschlüsse getroffen. Aber es sind natürlich wichtige und interessante Gespräche, die indirekten Einfluss haben, weil sie die internationale, transatlantische Meinungsbildung beeinflusst.


9