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Bevölkerungswachstum in Afrika „Erst wenn Menschen eine Perspektive im Leben haben, fangen sie an, ihre Familie zu planen“

Vor allem in Afrika soll die Zahl der Geburten in den nächsten Jahrzehnten weiter steigen. Doch nicht überall. Einige afrikanische Vorreiterstaaten zeigen, wie eine umsichtige Demografiepolitik dazu beitragen kann, dass weniger Kinder geboren werden. Was dort besser gelingt als anderswo, erklärt die Human-Geografin Alisa Kaps.

Von: Kerstin Grundmann

Stand: 12.06.2019

Ein laufender Zähler der Stiftung Weltbevölkerung zeigt die aktuelle Zahl von Menschen auf der Welt an - fast 7,68 Milliarden. | Bild: picture-alliance/dpa

Wieviele Länder konnten denn ihre Geburtenraten schon senken?

Alisa Kaps: Im Norden Afrikas sind das zum Beispiel Tunesien und Marokko, wo heute Frauen im Schnitt nur ungefähr 2,2 Kinder bekommen. Das ist etwa halb so viel wie der afrikanische Schnitt insgesamt. Und dann haben wir noch Länder herausgenommen aus anderen Regionen, etwa aus Ostafrika. Da trifft das zum Beispiel auf Äthiopien und Kenia zu. Im Süden auf Botswana und im Westen auf Ghana und Senegal.

Was machen denn diese Vorzeige-Staaten anders in Sachen Geburtenkontrolle als all die anderen?

Human-Geografin Alisa Kaps

Alisa Kaps: Was diese Länder richtig gemacht haben, ist, dass sie sich Geburtenkontrolle nicht per se als Ziel gesetzt haben, sondern dass sie einen sehr breiten Ansatz haben und an wesentlichen Stellschrauben gedreht haben. Zuerst einmal sind das Investitionen in den Gesundheitsbereich. Es geht darum, die Kindersterblichkeit zu senken. Ganz zentral sind auch Bildungsinvestitionen. Bildung muss für die Frauen zugänglich gemacht und sie explizit gefördert werden. Und dann gehören auch noch Jobs dazu, weil erst wenn Menschen auch Einkommensmöglichkeiten haben, ergeben sich für sie neue Lebensperspektiven. Wenn das alles zusammenkommt, wenn die Kinder überleben, wenn die Menschen gebildet sind und wenn sie eine Perspektive in ihrem Leben haben, dann fangen sie auch an, ihre Familie zu planen.

Es geht also um sehr viel mehr als nur darum, Kondome zu verteilen und die Verhütung zu verbessern?

Alisa Kaps: Genau. Kondome zu verteilen bringt an sich erstmal wenig, wenn die Menschen ihre Familiengröße gar nicht begrenzen möchten. Wenn ich irgendwo auf dem Land Kondome verteile, dann ist das auch oft etwas, worüber nicht gerne gesprochen wird und was in gewissen Kreisen auch einfach tabuisiert wird. Und deswegen ist es so wichtig, dass diese Tabus überhaupt erst einmal aufgebrochen werden und die Menschen darüber sprechen können: in ihrer Gemeinde, mit ihrem Partner und in ihrer Familie. Und das setzt sehr viel voraus.

Das heißt, in den Ländern, in denen jetzt weniger Kinder geboren werden, da ist Verhütung kein Tabu mehr?

Alisa Kaps: Das heißt nicht, dass es gar kein Tabu mehr ist, aber das heißt, dass zumindest ein Wandel stattfindet. Ein Beispiel dafür ist Tunesien. Da hat die Regierung sehr früh angefangen, Frauen gezielt zu fördern, sie rechtlich besser zu stellen, in ihre Bildung zu investieren; gleichzeitig auch über Familienplanungs-Programme Aufklärung zu betreiben und die entsprechenden Verhütungsmittel auch zur Verfügung zu stellen. Das hat in Tunesien einen sehr großen Impact gehabt.

Die Bevölkerungsentwicklung in Afrika wird in vielen Berichten als demografische Zeitbombe beschrieben. Wenn man sich nun die Ergebnisse Ihrer Studie anschaut, dann ist das aber nicht ganz so dramatisch, oder?

Alisa Kaps: Wir haben natürlich die positiven Aspekte in den Vordergrund gestellt. Wir wollten zeigen, dass der Kontinent so groß und vielseitig ist, dass Schwarzmalerei allein dem Ganzen nicht gerecht wird. Wir haben viele positive Entwicklungen auf dem Kontinent. Davon können andere Länder, die vielleicht noch nicht so große Fortschritte gemacht haben, durchaus lernen. Wir wollten erreichen, dass mehr über dieses Thema gesprochen wird und, dass die afrikanischen Länder auch untereinander mehr in Austausch treten. Trotzdem bleibt das Bevölkerungswachstum die größte Herausforderung für den Kontinent. Wenn man sich überlegt, dass bis 2050 2,5 Milliarden Menschen dort leben werden - fast doppelt so viele wie heute -  dann sind das natürlich enorme Herausforderungen. Und gerade deswegen ist es so wichtig, über dieses Thema zu sprechen.


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