Bayern 2


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Bayern, deine Erben Erblust, Erblast, Erbstreit

Wenn's ans Sterben geht, geht's zu Ende, wenn's ans Erben geht, geht's ans Eingemachte! Unzählige Geschwisterbeziehungen sind daran zerbrochen, Familienbande für immer gerissen, ganze Dynastien untergegangen. Eine "tour de force bavaroise" über den schwierigen Umgang mit dem materiellen Vermächtnis der Altvorderen.

Von: Thomas Kernert

Stand: 02.11.2019 | Archiv

Kaum etwas beginnt so konsequent mit dem Tod, dem Ende, dem "Aus-Äpfel-Amen" wie das Erben. Sicherlich, auch beim "Tatort" liegt meist in der ersten oder zweiten Szene bereits eine Leiche melodramatisch auf dem blutverschmierten Designerteppich, dennoch steht, genau genommen, nicht der Tod am Anfang des sonntäglichen Fernsehabends, sondern die Frage, wer's war.

Das Erben hingegen - das richtige Erben, nicht die Schenkung als Steuersparmodell - ist ohne Nulllinie im EKG, ohne Totenschein definitiv nicht zu haben. Ohne ein veritables Ende kann es nicht beginnen. Einer muss dran glauben, sonst macht das Procedere keinen Sinn.

Der "Wittelsbacher Ausgleichsfonds"

Wappen der Wittelsbacher / nach O. Hupp Heraldik

Das zu vererbende Vermögen beläuft sich in Deutschland in den nächsten Jahren auf 3,1 Billionen Euro. Nicht immer freilich muss Gevatter Tod seine Finger im Spiel haben. Die ehemalige Herrscherfamilie der Wittelsbacher erbt über den sogenannten "WAF", den "Wittelsbacher Ausgleichsfond" alljährlich rund 14 Millionen Euro: Als permanente Entschädigung für den Verlust ihres Thrones nach dem Ersten Weltkrieg.

Besagte "Erb-Ersatzzahlung" speist sich aus dem Vermögen einer Stiftung, welche 1923 errichtet wurde und deren Existenzberechtigung vornehmlich darin liegt "… zur dauerhaften wirtschaftlichen Versorgung der Mitglieder des Hauses Wittelsbach beizutragen".

Zu den Vermögensgegenständen des "WAF" gehört alles, was ein adeliges Herz so erfreut: Tausende von Hektar Land, Schlösser, Kunstschätze, aber auch Unternehmensanteile sowie Mietshäuser in Münchens Toplagen. Sehr praktisch ist die Tatsache, dass dieses Erbe Jahr für Jahr aufs Neue an die Erben der bayerischen Könige, die verschiedenen Linien der Wittelsbacher, ausgeschüttet wird.

Die Frage, welche Beträge dabei im Raum stehen, gehörte fast hundert Jahre lang zu den am besten gehüteten Staatsgeheimnissen Bayerns. - Erben kann verdammt schön sein!

Hauen und stechen ums Erbe

Doch nicht immer tanzen die Hinterbliebenen selbst, oftmals lassen sie auch die Klingen tanzen. Ein zünftiges Hauen und Stechen ist dann die Folge, bei dem oftmals Dritte am Ende lachen.

Bayerns Geschichte ist randvoll angefüllt mit Erbkriegen der unterschiedlichsten Art. Da streiten die Bauernsöhne um den Hof, die Fürstensöhne um die Herrschaft und die Firmenerben um das Sagen im Unternehmen.

Und auch die Zunft der Erbschleicher mischt im Zweifelsfall kräftig mit.

Die Niedertracht der Erbschleicherei

Viele einsame alte Menschen werden heute von Enkeltrick-Betrügern um ihr Geld gebracht

Am nachhaltigsten erleichtert der Faktor "Einsamkeit" das Geschäft des Erbschleichers. Nicht nur die Jungen leben heutzutage in einer Single-Gesellschaft, sondern auch und vor allem die Alten.

Sozial, familiär und oftmals auch kulturell isoliert, bieten sie Außenstehenden beste Gelegenheiten zur "freundschaftlichen" Kontaktaufnahme und anschließenden Gehirnwäsche.

Woraus folgt: Der Umstand, dass das Phänomen Erbschleicherei heutzutage so rapide zunimmt, verdankt sich mit Sicherheit weder dem Zufall noch einem signifikanten Zuwachs an betrügerischer Hilfsbereitschaft, sondern vor allem der simplen Tatsache, dass es noch nie so viele einsame, allein gelassene Alte gab wie heute.

Ihre abgezehrten Herzen machen es dem professionell mitfühlenden Sektenmitglied leicht, die alte Dame zu einer mildtätigen Schenkung im fünf- oder sechsstelligen Euro-Bereich zu animieren. Und ja, auch alte Hengste wiehern, wenn sie noch einmal Frühlingslüfte schnuppern dürfen.


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