Bayern 2


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Bayern 2-ComicFavorit Bastien Vivès, "Eine Schwester"

Bastien Vivès schreibt und zeichnet gerne über die Beziehungen zwischen Menschen. So auch in seiner neuen Graphic Novel "Eine Schwester" – einem Comic über das Ende einer Kindheit. Gerade ist das Buch in Deutschland erschienen.

Von: Niels Beintker

Stand: 29.05.2018

"Eine Schwester", der neue Comic von Bastien Vivès ist – in der Übersetzung von Heike Drescher – bei Reprodukt Berlin erschienen. 217 Seiten kosten 24 Euro. | Bild: Reprodukt Berlin

Das muss eine sonderbare Erfahrung sein: Man wacht auf und stellt fest, man ist nicht mehr allein im Zimmer. So ergeht es dem 13-jährigen Antoine und seinem kleinen Bruder Titi im neuen Comic von Bastien Vivès. Im Bett gegenüber, neben dem Comic-Regal, schläft ein Mädchen, tief und fest. Eine Unbekannte. Die Tochter einer Freundin, erklärt die Mutter von Antoine und Titi. Die Familie macht wie jedes Jahr Ferien in der Bretagne, in einem Dorf am Meer. Mit der Ankunft von Hélène und ihrer Mutter gestaltet sich der Urlaub anders als sonst. Mit großer Ruhe, immer wieder behutsam tastend, erzählt Bastien Vivès vom schleichenden Ende der Kindheit und – damit verbunden – vom Anfang einer neuen Lebensphase. 

"Der Ausgangspunkt meiner Geschichten ist die Lust, ein bestimmtes Thema zu behandeln. Ich schreibe mir nichts aus, entwickele keine Drehbücher. Ich sammele Eindrücke. Es kann sein, dass ich ins Schwimmbad gehe – und dann bleibt irgendeine Szene hängen. Oder ich gehe ins Kino und nehme etwas mit. Und dann stellt sich heraus, es gibt Eindrücke verschiedenster Art. Sie ballen sich zusammen, in meinem Inneren brütet sich etwas aus. Und dann ist zum Beispiel der Ausgangspunkt für eine Liebesgeschichte, die im Wasser spielt, gegeben."

Bastien Vivès

Bastien Vivès ist Mitte 30 und hat bereits ein beeindruckendes Oeuvre an Comics und Graphic Novels veröffentlicht. Zu seinen wichtigsten Arbeiten zählen unter anderem "Polina", die Geschichte einer russischen Balletttänzerin, und "Der Geschmack von Chlor", die Erzählung eines jungen Mannes, der sich im Schwimmbad in eine Frau verliebt, unglücklich natürlich. Die Bildsprache dieser beiden Comic-Bücher findet sich zu Teilen auch in "Eine Schwester". Vivès arbeitet mit einem dünnen schwarzen Strich. Immer wieder wirkt dieser flüchtig, skizzenhaft. Hinzu kommen Farbflächen, mal grau, mal schwarz, je nach Tageszeit. Und doch ist die Bildgestaltung in "Eine Schwester" auch eine andere. Bastien Vivès bleibt sich treu in der Liebe zur Vielseitigkeit.

"Das hängt damit zusammen, dass ich als Kind fortwährend gezeichnet habe. Aber keine Comics, so wie das andere Kinder in meinem Alter vielleicht gemacht haben. Ich habe keine eigene Tradition in der Gestaltung von Comics entwickelt. Erst später, im Rahmen meines Studiums an der Kunsthochschule, habe ich mich mit der Erzählform als solcher befasst. Dabei habe ich überhaupt erst ihre Vielfalt entdeckt."

Bastien Vivès

In "Eine Schwester" lotet Bastien Vivès zudem aus, was Menschen, die sich fremd sind, miteinander verbinden könnte. Der Grund für den Besuch von Hélène und ihrer Mutter am Meer wird kurz angedeutet: die Mutter hat eine Fehlgeburt erlitten. Die Mutter von Antoine und Titi wiederum musste vor Jahren schon einen ähnlichen Schicksalsschlag verkraften, wie sie den Jungs auf der Fahrt ans Meer erzählt. Nach der Begegnung mit Hélène stellen sie sich vor, das Mädchen, 16 Jahre alt, könnte ihre große Schwester sein. Für den kleinen Titi passt das, für Antoine hingegen nicht. Er spürt eine zunehmend große Nähe zu Hélène, die noch so unbewussten Gefühle stoßen auf Widerhall. Eine eigene Geschichte entwickelt sich, Bastien Vivés hat diese wie ein Kammerspiel inszeniert.

 "Eine Schwester", der neue Comic von Bastien Vivès ist – in der Übersetzung von Heike Drescher – bei Reprodukt Berlin erschienen. 217 Seiten kosten 24 Euro.


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