Bayern 2


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Bayerische Kraftplätze Der Himmel

Wenn Bayern die Vorstufe zum Paradies ist, wie sieht dann erst das wirkliche Paradies aus? So, wie es der Engel Aloisius gesehen hat? Oder der Brandner Kaspar? Ein Feuilleton über einen Sehnsuchtsort, der diffuser nicht sein kann.

Von: Thomas Kernert

Stand: 02.03.2019 | Archiv

Der unendliche Sakralraum über den Gamsbartspitzen der Bayern

Der "Himmel der Bayern"

Beim Blick in den Himmel sieht jeder das gleiche – und doch etwas anderes. Dies gilt nicht nur für notorische preußische Luftikusse, sondern auch für ein so bodenständiges Volk wie die Bayern. Schauen Bayern nach oben, so stellen sich beim einen sogleich transzendente Heimatgefühle ein ("Vater unser im Himmel …"), dem anderen kommt unweigerlich die Bayernhymne in den Sinn und über die Lippen (" … und erhalte dir die Farben seines Himmels …"), einem Dritten entfleucht ob der desolaten Wetterlage ein kräftiger Fluch ("Himmi, Herrgott …") und ein Vierter denkt an seine nächste Luftreise vom Großflughafen "Franz Josef Strauß" (der ein begeisterter Hobbypilot war) nach Honolulu. Kein Sehnsuchtsort ist diffuser, keiner wirkmächtiger als der unendliche Sakralraum über den Gamsbartspitzen der Bayern.

Wenn es Nacht wird in Bayern ...

Diffuser und wirkmächtiger unter anderem auch deshalb, weil es den Himmel gleich zweimal gibt: Als Tageshimmel und als Nachthimmel.

Von ersterem fühlen sich vor allem Kirchtürme, Bergsteiger, Karrieristen, Nudisten und Open-Air-Festivalbesucher affiziert, von letzterem bayerische Sternsinger, bayerische Sterneköche sowie die Stars der bayerischen Volksmusik.

Wenn es Nacht wird in Bayern, gehen Träume, Hexen, Schadstoffpartikel und andere Luftwesen auf Reisen. Der Brandner Kaspar und der "Münchner im Himmel" können ein Lied davon singen ("Sacklzementhalleluja").

Dem Himmel selbst ist das alles egal

"Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde", heißt es in der Bibel

Von unten betrachtet scheint er stets unerreichbar, unermesslich, unerbittlich: Ein stummes Oben, so wie die Erde ein stummes Unten ist. "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde", heißt es in der Bibel. Hätte er nicht mehr erschaffen, er hätte nichts erschaffen. Da er jedoch auf die äußerst gewagte Idee kam, dieses Nichts u.a. mit Wesen zu bevölkern, die eine Schwäche dafür haben, stummen Gebilden mit ihren Projektionen Bedeutung zu verleihen, quasseln Himmel, Erde und die gesamte Natur in einem fort.

Wobei der Himmel, insbesondere der von Sternen übersäte Nachthimmel, den einsamen Betrachter geradezu in ein Zwiegespräch zu zwingen scheint. Selbst dem kernigsten, erdgebundenen Voralpenlandbewohner buchstabiert er ein ehrfürchtiges "Mi-leckst-am-Arsch!" auf die erstaunt geöffneten Lippen und verwandelt ihn so, ganz gegen seinen Willen, in einen kleinen Thales, einen kleinen Immanuel Kant. Von letzterem stammt jener berühmt-berüchtigte Satz, demzufolge Himmel und Mensch so etwas wie eine moralisch-kosmische Schicksalsgemeinschaft sind:

"Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir."

(Immanuel Kant)

Ab und an geistern lichtscheue Gestalten umher ...

Wer mag der Mann mit Hut wohl sein? Ist es womöglich Thomas Kernert?

Wenn es Nacht wird in Bayern, schließen in seiner Landeshauptstadt früher oder später die Gastwirtschaften und Deutschland, die Welt und das Universum können für ein paar Stunden wieder aufatmen. Nur ab und an noch geistern lichtscheue, mondsüchtige Gestalten durch die Nacht und bewundern der Sterne Pracht. Eine von ihnen ist der Autor Thomas Kernert …


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