Bayern 2


12

Um halb sechs nach dem Weltuntergang! Bayerische Prophezeiungen und Apokalypsen

Alles hat seine Zeit. Und alles ein Ende. Nur die Weißwurst nicht, die hat bekanntlich zwei. Als Bayer könnte man also gleich doppelt besorgt sein. Dass der FC Bayern nie mehr die Champions League gewinnt … und dass das große "Abräumen" nicht mehr fern ist, wie es der Mühlhiasl geweissagt hat. Es gab und gibt hierzulande noch viele andere Propheten des Untergangs. Aber am Ende bleibt immer die tröstliche Gewissheit: "Nix gwieß woaß ma ned!" - Eine kleine Weltuntergangskunde von Thomas Kernert.

Von: Thomas Kernert

Stand: 23.06.2018 | Archiv

Über kaum etwas sprechen Menschen mit vollerer Stimme als über die Zukunft.
Kein Wunder: Sie ist die Tür ins Freie, das Spiel mit den tausend Möglichkeiten, der Lorbeerkranz, der uns ums Haupt gewunden werden wird.

Über kaum etwas sprechen Menschen mit dünnerer Stimme als über die Zukunft.
Kein Wunder: Sie ist die Schlinge, die sich langsam zuzieht, die Gewehrkugel, die auf uns zurast, die ewig gleiche, lauwarme Suppe, in der alles Leben verdampfen wird.

"Nix gwieß woaß ma ned, aber des ziemlich gwieß!"

Auf Bauernregeln ist auch nicht immer Verlass

Das Wetter am sogenannten Siebenschläfertag, dem 27. Juni, ist nach alten Bauernregeln bestimmend für die folgenden sieben Wochen

"An Jakobi heiß und trocken, kann der Bauersmann frohlocken."

"Soll der nächste Wein gedeih'n, muss Sankt Benno windstill sein."

"Geht die Barbara im Klee, kommt das Christkind gern im Schnee."


Keine Frage, die bayerischen Bauernregeln gehören weltweit zu den Höhepunkten der Prognostik. Allein: Verlass ist nicht auf sie. Trotz ihrer jährlichen, kalendarischen Wiederkehr sind der Jakob, der Benno und die Barbara verdammt unsichere Gesellen, kaum zuverlässiger als das Lottoglück oder die Deutsche Bahn. Und schon blühen an Weihnachten die Tulpen und zwei Wochen später geht die Welt zugrunde.

Weshalb man die Augen stets offenhalten sowie Nerven in Seilbahndrahtstärke haben muss, will man nicht unter dem Atompilz oder in der Hölle landen …

Der Mühlhiasl - ein bayerischer Prophet

Porträt des Wahrsagers "Mühlhiasl" (geboren 1753 als Mathias Lang in Hunderdorf)

Während man anderswo im Bildersturm der kritischen Vernunft mit theatralischen Untergangsvisionen immer weniger anzufangen wusste, erblickte in der Mitte des 18. Jahrhunderts einer der letzten ganz großen Eschatologen bezeichnenderweise in Bayern das Licht der Welt. Die Rede ist vom Mühlhiasl.

Der zentrale Terminus, um den sich seine Prophezeiungen rankten, hieß "abräumen". Der Mühlhaisl war ein sanfter und schlichter Bio-Apokalyptiker. Seine Welt ging nicht im Johannitischen Blutgestöber unter, sondern es wurde "abgeräumt", auch wenn Krieg und Zwist dabei eine entscheidende Rolle spielten und nur wenige überleben sollten.

"Abräumen" klingt irgendwie nach Wirtshaus und Sperrstunde. Sicher, auch dort muss man schlussendlich zahlen und gehen, aber das weder durstig noch hungrig ...

Wann die große göttliche Sperrstunde kommen werde, kündigte der Waldprophet seinen bäuerlichen Zuhörern in vielen orakelhaften Wenn-Dann-Sprüchen an.

"Wenn d'Bauernleut lauter Kuchen fressen …
Wenn Bauern alle politasiern …
Wenn d'Leut rote Schuh haben …
Nachher is nimmer weit hin!

Wenn der eiserne Hund in der Donau heraufbellt …
Wenn d'Leut in der Luft fliegen können …
Wenn d'Wägen ohne Roß und Deichsel fahrn …
Nachher is die Zeit da!

Wenn man Winter und Sommer nimmer auseinanderkennt …
Wenn einerlei Geld aufkommt …
Nachher steht’s nimmer lang an!"

(Mühlhiasl)

Der Bayer ist und kann kein Pessimist sein!

Auch wenn er noch so fest an das Böse im Preußen zu glauben sich bemüht, zwingt ihn die Schönheit seiner Heimat immer wieder zu intrinsischen Glückszuständen der ganz besonderen Art. Darüber hinaus weiß er, dass die Patrona Bavariae ihre schützenden Hände niemals von ihm lassen wird.

Manchmal wär’s nicht schlecht, Genaueres zu wissen

Werden uns die Schwarzen Löcher verschlingen?

Und trotzdem steht er wie jeder Nichtbayer vor der Zukunft wie der berühmte Ochs vorm Berg. Sicherlich: Que sera, sera! Doch manchmal wär’s nicht schlecht, Genaueres zu wissen.

Nicht nur das Wetter, der Aktienindex und die Fußballergebnisse von morgen interessieren, sondern auch und vor allem das ganz, ganz große Finale, der Letzte Tusch, der "Big Rip". Werden uns die Schwarzen Löcher verschlingen? Oder wird es einen 3. Weltkrieg geben? Oder ein großes "Bänkeabräumen", wie es der weißblaue Waldprophet in dunklen Worten prognostizierte?

Wie in jedem Jahr stehen auch für 2018 bereits diverse Termine für die irreversible Saalräumung fest …

Das jüngste Gericht scheint auch nicht mehr das allerletzte Wort zu haben ...

"Das Weltgericht" von Hieronymus Bosch, Mitteltafel des Weltgerichts-Triptychons (um 1485/1505)

Andererseits: Wie viele vermeintliche Apokalypsen hat der Freistaat nicht schon unbeschadet überstanden?!!

Den Tod des Märchenkönigs, die Abschaffung der D-Mark, das Rauchverbot in Wirtschaften, Champions-League-Niederlagen des FC Bayern, Flüchtlingswellen, fränkische Ministerpräsidenten …

Irgendwie scheint der Dies irae auch nicht mehr das allerallerletzte Wort zu haben. Weshalb die Halbe auch am "Doomsday" um halb sechs ganz bestimmt vorzüglich munden wird …


12