Bayern 2


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Bayerische Passionen Griabig sein

Dieser Gefühlszustand der bayerischen Seele ist kaum in anderen Kulturen vertreten: Wenn man seinen "Griabigen" hat. In diesem Zustand kann dem bayerischen Menschen jederlei Geschlechts allerhand widerfahren. Nur gestört werden darf er in ihm nicht. Dann wird er fuchtig.

Von: Markus Metz

Stand: 15.02.2020 | Archiv

"Des Griabige is ollarwei zweisinnig. Es is ganz und gar auf der Welt, du g'spürst dein Körper, du g'spürst dei Umgebung, du g'spürst die andern Leit. Es is aba aa ganz und gar jenseitig, a Zuastand wia im Draam, wia in da Kirch, wia aufm Berg ..."

Wenn man seinen Griabigen hat

Es gibt einige Gemütszustände, die man als typisch bayerisch empfinden kann: grantig, z'wider, dramhappert oder fuchsdeifiswuid zum Beispiel.

Wenn es zu diesen Gemütszuständen immerhin vage "preussische" Pendants gibt, so ist ein Zustand der bayerischen Seele in kaum einer anderen Kultur (man müsste schon auf Afrika obi) vertreten: Nämlich jener, der erreicht wird, wenn man seinen Griabigen hat, auch als "Griawig" oder "Griawe" vertextet.

Dr. Norbert Göttler, Bezirksheimatpfleger von Oberbayern

"Solche Begrifflichkeiten wie grüabig, gemütlich, idyllisch sind immer Wunsch- und Zielvorstellungen, die jeder gerne hat. Und in Teilen seines Lebens auch leben kann, beileibe nicht immer und überall, aber die schon mit dem Heimatbegriff zu tun haben, der heute ein sehr emotionaler Begriff ist – irgendwas mit Seele, Herz, Gefühl zu tun hat.

Das war er in der Geschichte überhaupt nicht. Noch im 19. Jahrhundert war der Heimatbegriff ein juristischer Begriff, ein streng ausgrenzender juristischer Begriff. Aber es ist kein Zufall, dass der nach und nach zu einem emotionalen Begriff wurde, und solche Dinge wie grüabig auch dazu passen.

Der Philosoph Ernst Bloch sagt: Heimat ist der Ort, den ich nie erreichen werde.

Man kann auf ihn zugehen, versuchen, Heimatgefühl zu entwickeln, aber letztendlich dürfen wir die Heimat nicht überfordern, weil sie uns ganz hundertprozentig nicht das liefert, was wir vielleicht wollen.

Aber dass es einzelne grüabige Orte gibt und Situationen – wunderbar, das gibt's, Gott sei dank! Annäherungen gibt es immer, das ist Teil unseres Lebens und unserer Lebenskultur."

(Dr. Norbert Göttler, Bezirksheimatpfleger von Oberbayern)

Ein philosophischer Zustand

Erleuchtung

Das Griabig-Sein ist ein philosophischer Zustand, der vom richtigen Moment, vom richtigen Ort und natürlich von den richtigen Leuten abhängig ist.

Es ist der Augenblick, in dem zugleich hohe Erkenntnis und kosmische Ruhe durch einen Menschen, einen Ort oder einen Zeitpunkt fließen, in dem sich tiefe Ruhe und gedankliche Klarheit unaufgeregt treffen.

Wir könnten es "Erleuchtung" nennen, wenn das nicht schon wieder so preussisch-dramatisch daherkäme. Denn nur in Bayern (oder in manchen Gegenden von Afrika) können sich Erkenntnis, Erleuchtung und Gnade so bescheiden als schlichte Zufriedenheit äußern.

Kosmische Harmonie

Dieser Zustand der friedvollen inneren Erleuchtung ist, das eben wird kein Nicht-Bayer verstehen (außer er kommt aus Afrika), sich selber vollkommen genug. Es muss nichts daraus entstehen, keine Symphonie, keine "Kritik der reinen Vernunft", keine beidseitig tragbare Lederhose.

Die kosmische Harmonie, die durch den griabigen Moment fließt, benötigt derlei Anstrengungen nicht. Es ist der Moment der Andacht ohne Transzendenz. Ein Vor-Schein des Himmels. In diesem Zustand des Griabigen kann dem bayerischen Menschen jederlei Geschlechts allerhand widerfahren. Nur gestört werden darf er in ihm nicht. Dann wird er fuchtig.

Markus Metz mit einem Beitrag zur Philosophie des Alltags und der Metapyhsik des Banalen.


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