Bayern 2


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Bayerische Passionen Das Ratschen

Ham S‘ des scho ghört? Das Ratschen ist eine bayerische Kulturtechnik: Kommunikationskunst auf hohem Niveau jenseits von Klatsch und Tratsch, Twittern und Chatten. In Gestalt der Ratschkathl wurde es sogar zur Kultfigur!

Von: Andreas Pehl

Stand: 16.02.2019

"Da bin ich! d'Ratschkathl! Ich bin eine ächte Münch'nerin vom alten Schlag und als solche natürlich eine Ratschkathl. Wer das nicht versteht, der nennt mich von mir aus: Klatschbas'n!"

Das Ratschen sei nichts anderes als eine verbale Fellpflege des homo sapiens, meint Anthropologe Robin Dunbar

Mit diesen Worten präsentierte sich 1889 eine neue Wochenzeitung. Ihr Name: "Münchener Ratsch-Kathl". Eine Zeitung, die ratschen will, fast so wie am Gartenzaun, wenn es Neuigkeiten gibt. Gerüchte und Tatsachen verbreiten sich auf diesem Weg manchmal schneller als per Chat oder Twitter.

Vielleicht hat der englische Anthropologe Robin Dunbar gar nicht so unrecht, der im Ratschen nichts anderes als das Lausen sieht, eine verbale Fellpflege des Homo sapiens, bei der die sozialen Strukturen der Gruppe geklärt werden. Denn wer viel über die anderen weiß, hat auch Macht über sie.

Ida Schumacher, die berühmte Ratschkathl von der Münchner Platzl-Bühne

Das Ida Schumacher-Denkmal am Münchner Viktualienmarkt

Ein Brunnen auf dem Münchner Viktualienmarkt. Ausgerechnet aus einem Entenkopf plätschert das Wasser ins Becken, oben auf dem Sockel steht eine – Putzfrau mit Besen und Eimer.

"Wer ist die Putzfrau am Viktualienmarkt? Sie schaut ein bisschen so aus, weil sie ihren Besen und einen Eimer in der Hand hat. Und das gehörte auch zu ihren Accessoires auf der Platzl-Bühne oder wenn sie auf Tournee war."

Der Historiker Georg Reichlmayr verratscht sich seit über 20 Jahren fast täglich – bei seinen Stadtführungen mit Touristen, aber vor allem auch mit vielen Einheimischen. Gerade der Viktualienmarkt scheint dabei ein besonderes Zentrum für den bayerischen "Vokalsport" zu sein.

"Das Ratschen spielt halt heutzutage, glaube ich, am Viktualienmarkt schon auch noch eine wichtige Rolle. Man sieht es ja daran, wie die Biergärten voll sind, wie sich die Leute zusammensetzen, und wie gerne man immer noch zu den Standln zum Einkaufen geht, wie groß die Sehnsucht der Leute ist, bei den Menschen einzukaufen, die sie kennen, wo man dann auch über alle anderen ratschen kann. Die Atmosphäre Viktualienmarkt wird auch heute noch gesucht.

Jetzt sind wir aber ein bisserl vom Thema abgekommen, wir wollten doch über die Frau auf dem Brunnen sprechen! Ja, genau! Über die Ratschenbichlerin, über d‘Ratsch-Kathl, über die Ida Schumacher! Die Ida Schumacher, die war halt da wahrscheinlich die bekannteste, obwohl die Figur von der Elise Aulinger erfunden wurde, aber auf der Platzl Bühne ist die Schumacherin damit berühmt geworden, das war klasse.

Sie war schon fast 50, wie sie dann einen richtigen Durchbruch auf der Bühne hatte, in dieser Paraderolle. Und die hat dann tatsächlich als Concierge im Hausflur beim Putzen angefangen, über Hausbewohner, über ihre Erlebnisse zu erzählen und zu berichten, und deswegen schaut sie wirklich aus wie die Putzfrau am Viktualienmarkt."


Eine echte Stiagnhausratschn, die Ida Schumacher. Und zusammen mit ihren Ratschkathl-Kolleginnen Elise Aulinger und Liesl Karlstadt beobachtet sie als Brunnenfigur auf dem Viktualienmarkt zufrieden die Ratschkompetenz ihrer Nachfahrinnen.

Ist das Ratschen wirklich nur eine rein weibliche Angelegenheit?

Ratschende Männer in seliger Runde beim Biertrinken

Irgendwie scheint das Ratschen ja vor allem eine weibliche Angelegenheit zu sein. Diderot ging sogar so weit, in einem seiner Romane (t)ratschende Vaginae auftreten zu lassen.

Aber der Hausmeister und der Friseur sind Paradebeispiele für ratschende Männer. Und das vermeintlich starke Geschlecht hört es wohl gar nicht gerne, dass ausgerechnet der Kaffeeklatsch ursprünglich eine Männerdomäne war. Der Stammtisch ist davon nur noch ein schwacher Ab-Klatsch.

Aber wer genau hinschaut, findet die Ratscher immer noch. Da gibt es die Latte-Macchiato-Ratscher, die Flatrate-Ratscher und die nonverbale Form, bei der statt des Gartenzauns das Smartphone zwischen den Gesprächspartnern steht. Aber sind Twittern (Zwitschern) und Chatten (Schwatzen) tatsächlich moderne Formen des Ratschens?

Wir Bayern haben das Ratschen zum Kult gemacht

Die "Münchener Ratsch-Kathl" wurde nach 32 Jahren eingestellt. So etwas kann dem analogen Ratschen so schnell nicht passieren, denn auch wenn das Ratschen nicht nur eine bayerische Passion ist, auch wenn andere schnacken, tratschen oder klatschen: wir Bayern haben das Ratschen zum Kult gemacht – und zwar in der Person der Ratschkathl.

zur Sendung WRDLBRMPFD! HUMOR AUF BAYERISCH

Bayern ist das Land des Kabaretts, der Karikaturisten und Zeichner, der Musiker und Filmemacher, der Autoren und Satiriker. Der Humor ist ein wesentlicher Teil bayerischer Identität. Zeit, ihn in all seinen Facetten zu würdigen! [mehr]

Ilse Neubauer und Rüdiger Hacker als "Ratschkathln" im BR-Studio

Ilse Neubauer und Rüdiger Hacker bei der Aufnahme zur Sendung "Bayerische Passionen: Das Ratschen"

Buchtipp:

Klatsch!: Vom Geschwätz im Dorf zum Gezwitscher im Netz
(Bibliothek der Lebenskunst)

  • Autor: Christian Schuldt
  • Gebundene Ausgabe: 200 Seiten
  • Verlag: Insel Verlag; Auflage: 1 (25. Oktober 2009)
  • ISBN-10: 3458174575
  • ISBN-13: 978-3458174578

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