Bayern 2


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Bayerische Passionen Das Derblecken

Das Derblecken ist eine Kunst: Nicht zu harmlos, nie zu grob! Thomas Grasberger geht diesem bayerischen Phänomen nach und hat namhafte Spottkünstler wie Luise Kinseher, Hannes Burger, Bruno Jonas oder Christian Springer getroffen.

Von: Thomas Grasberger

Stand: 09.03.2019 | Archiv

"Menschen derblecken sich nur gegenseitig, wenn sie sich auch schätzen."

(Luise Kinseher)

"Das g'hört ja auch zum Derblecken dazua. Dass du denen des direkt ins G'sicht sagen kannst. Das andere wär ja ausgricht."

(Bruno Jonas)

"Man kann nicht immer vorher schon wissen, wer hinterher beleidigt ist."

(Hannes Burger)

Wer derbleckt, zeigt Zähne, ohne gleich zu beißen

Das Zähneblecken als Drohgebärde

Der Bayer frotzelt gern, macht sich lustig über andere, nimmt sie auf den Arm, um sie bei nächster Gelegenheit auch mal unsanft fallen zu lassen. Dieses Verhöhnen kann mit feiner Ironie geschehen, manchmal aber recht grob daherkommen. Je nachdem, wer grad wen derbleckt und warum.

Getrennt wird dieses "Derblecken" übrigens nicht zwischen "derb" und "lecken", obwohl es dabei oft derb zugeht, sondern zwischen "der" und "blecken". Letzteres bedeutet so viel wie entblößen. Ob es nun die Zunge ist, die da gezeigt wird oder besser ein anderer Körperteil, ist gewiss von Fall zu Fall zu entscheiden. Eines aber steht fest: Wer derbleckt, zeigt Zähne, ohne gleich zu beißen. Eine Art Drohgebärde also, die dem Derbleckten signalisiert: "Obacht, wir kennen Dich und Deine Verfehlungen!"

Die Sprache ist grundlegender Bestandteil des Derbleckens

Der Bayer derbleckt also gern. Aber warum eigentlich? Die Antwort ist einfach: Weil er's kann – wenn er's kann. Und weil er Bairisch spricht – wenn er's spricht. Und hoffentlich nur dann. Denn die Sprache ist grundlegend für unsere Passion, sagt einer, der zu den großen Derbleckern unserer Zeit gehört. Ein Niederbayer – klar, was sonst! Genauer gesagt, ein gebürtiger Passauer: Der Kabarettist und Autor Bruno Jonas sieht eine wesentliche Voraussetzung fürs Derblecken darin, ...

Der Kabarettist Bruno Jonas

"... dass es im bayerischen Wesen einen starken Impuls gibt zu spielen, etwas darzustellen. Und die bairische Sprache gibt da einfach viel her. Man kann gut im Bairischen emotional etwas vortragen. Und man sagt es mit einem Lächeln.

Die Botschaft im Subtext wäre: Gell, bist ma eh ned bös. Aber g'sogt werden muass scho. Aber bös brauchst ma ned sei!

Diese Doppelbotschaft, diese Ambivalenz, die schafft da auch immer während des Sprechaktes einen versöhnlichen Klang."

(Bruno Jonas)

Das Spiel ist auf den ersten Blick denkbar einfach. Im Prinzip wie Billard: Einer muss den Anstoß machen. Er oder sie schießt den oder die andern direkt an. Schon geht's dahin. Ein Schuss folgt auf den andern, ein Spruch auf den nächsten. Kreuz und quer, bis es heißt: "Treffer! Versenkt!"

Franz Josef Strauß beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg (1987)

"Mir in Bayern sind ja – und ich habe bewußt gesagt 'mir', weil das bayerischer Dialekt ist – gewohnt, andere zu derbleck'n, zu frotzeln, aufzuziehen, zu tratz'n. Die bayerische Mundart hat dafür eine Reihe deftiger Ausdrücke.

Gerade wir Altbaiern treiben das mit großer Fröhlichkeit und echter Hingabe. Da muss man sich natürlich auch gefallen lassen, dass man selber derbleckt wird ..."

(Franz Josef Strauß)

Immer schön mitlachen, wenn es einen selber erwischt hat!

Bauern bei einem Haberfeldtreiben (2008)

Das mit dem Derblecken verbundene öffentliche (Aus-)Lachen stellt mitunter die gängige Ordnung in Frage. Oder stellt sie wieder her. Wie einst beim Haberfeldtreiben, einem grobschlächtigen Rügebrauch im Bayerischen Oberland. Dort haben sich die Haberer in Rufweite des zu Schmähenden versammelt, um dessen sittliche Verfehlungen lautstark anzuklagen.

Dezenter ging es meist am Stammtisch zu, wo der Wirt als örtliche Instanz den Honoratioren von Zeit zu Zeit die Leviten las.

Auch der Hochzeitslader hält mit seinen Gstanzln dem Brautpaar samt Gästen einen Spiegel vor, indem er sie derbleckt, (hoffentlich) ohne beleidigend zu werden.

Das Politiker-Derblecken auf dem Münchner Nockherberg

Anton Hofreiter (Bündnis 90/Die Grünen), und sein Double, der Schauspieler Wowo Habdank beim "Politiker-Derblecken" auf dem Nockherberg (2015)

Solch ungeschriebene Gesetze gelten auch für das Politiker-Derblecken auf dem Münchner Nockherberg: Nicht zu harmlos, nie zu grob!

Und vor allem: Immer schön mitlachen, wenn es einen selber erwischt hat, sonst wird´s doppelt lustig für die anderen.

Thomas Grasberger geht der bayerischen Kunst des Derbleckens nach und hat dafür namhafte Spottkünstler wie Luise Kinseher, Hannes Burger, Bruno Jonas oder Christian Springer getroffen.


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