Bayern 2


6

Der Kiosk Bayerische Kraftplätze

In unserer Reihe "Bayerische Kraftplätze": Beiträge zur Philosophie des Alltäglichen und zur Metaphysik des Banalen, beschäftigt sich Markus Metz diesmal mit einem beliebten urbanen Treffpunkt im Kleinstformat: dem Kiosk.

Von: Markus Metz

Stand: 19.01.2019 | Archiv

Der 24/7-Kiosk an der Münchner Freiheit

Der Bahnhof Münchner Freiheit mit Rückansicht des Kiosks im "Deubl Glass Cube"

Wer abends oder nachts an der Münchner Freiheit aus der U-Bahn kommt, nimmt hinter der Bus- und Tramhaltestelle ein eigentümliches grünes Leuchten wahr. Was sich beim Näherkommen als Kiosk entpuppt: "Tabak - Presse - Geschenke - Snacks - Getränke" steht auf der von innen beleuchteten Fassade aus grünem Glas. Und dieser giftgrüne Kiosk hat immer auf!

Klar, wir wissen, dass es nicht so viel Kioskkultur in München gibt, auch nicht 'Spätis', wie sie in Berlin an jeder Ecke stehen, auch keine 'Büdchen', wie man sie aus dem Rheinland kennt.

Da ist ein Kiosk, der rund um die Uhr geöffnet hat, schon was Exotisches.

"In Deutschland ist der Kiosk in der Nachkriegszeit entstanden. Es waren die ersten Versorgungseinheiten nach dem Krieg, die in den Städten dann aufgebaut wurden, um die Bevölkerung mit dem Notwendigsten zu versorgen."

(Marco Hemmerling, Professor für Architektur an der Technischen Hochschule Köln)

Dem Wortsinn nach ein "lauschiger Rückzugsort für die herrschenden Kreise"

Der Maurische Kiosk im Schlosspark Linderhof

Der Maurische Kiosk, der 1867 auf der Pariser Weltausstellung zu sehen war, ging später nach Bayern: König Ludwig II. erwarb ihn nach dem Tod des Erstbesitzers. Bei Schloß Linderhof und im Wintergarten der Münchener Residenz ließ Ludwig II. selbst Kioske im maurischen Stil errichten.

Im Osmanischen Reich bezeichnete das Wort "Kiosk" einen offenen Pavillion mit einer Art Zeltdach - ein lauschiger Rückzugsort für die herrschenden Kreise. In der "Oekonomischen Encyclopädie" von Johann Georg Krünitz aus dem 18. Jahrhundert heißt es dazu:

"Dergleichen Lust-Gebäude (...) bedienen sich die Türken in ihren Gärten und auf Anhöhen, die frische Luft und angenehme Aussicht zu genießen."

Der Pfauenthron im Maurischen Kiosk von König Ludwig II.

Von der Trinkhalle zum Allround-Verkaufs-Büdchen

Trinkhallen und -pavillons waren kleine Kunstwerke, mit deren Gestaltung meist ein angesehener Architekt beauftragt wurde

Hierzulande hielt der Kiosk Mitte des 19. Jahrhunderts Einzug in die Alltagskultur, zunächst als "Trinkhalle", in der Mineralwasser verkauft wurde - was nach dem Willen der Abstinenzbewegung den zügellosen Genuss von alkoholischen Getränken mäßigen helfen sollte.

Heute ist der Kiosk ein Ort, an dem man sich unabhängig von Ladenschlusszeiten mit Getränken aller Art und einem Imbiss stärken kann. Obendrein gibt es dort Zeitungen und Zigaretten, Eis und Süßigkeiten, die Verheißung eines Sechsers im Lotto und nicht zuletzt einen Ratsch mit dem Mann oder der Frau hinter der Verkaufstheke.

"Kioske sind Orte, die sehr niederschwellig funktionieren, also für unterschiedliche Milieus offen sind. Sie übernehmen Quartiersfunktionen, ganz konkret für den lokalen Bereich eines kleinen Stadtbereiches und stiften somit auch eine Identität, sind Treffpunkte, wo die Menschen zusammenkommen können, sich austauschen können und wirken so als stadträumliches Phänomen. Sie sind Anlaufstellen und insofern kann man sagen, dass sie auch eine wichtige stadträumliche Bedeutung haben."

(Marco Hemmerling, Professor für Architektur an der Technischen Hochschule Köln)

Sozialer Treffpunkt und Informationsbörse

Der Kiosk "Milchschwammerl" in der Nähe des Regensburger Bahnhofs

Der Kiosk ist also auch ein sozialer Treffpunkt und eine Informationsbörse. Hier finden sich Menschen aus ganz unterschiedlichen Berufen und Schichten zusammen und kommen ganz unkompliziert miteinander ins Gespräch.

Als Begegnungsstätte und preisgünstige Futterstation für Leib und Seele befriedigt der Kiosk wichtige Grundbedürfnisse. Kein Wunder, dass er nicht nur auf seine Stammgäste eine magische Anziehungskraft ausübt.

Wie lange wird es noch Kioske geben?

Trister Anblick: ein geschlossener Kiosk am Brehmplatz in Düsseldorf

Kioske findet man in aller Welt. Sie ähneln einander, und sie unterscheiden sich auch voneinander, zwischen Köln und München, zwischen Frankreich und Brasilien. Was hier erlaubt ist, ist da verboten, wo man hier einen Nachmittag lang verbringt, wird da nur rasch im Vorbeigehen gekauft.

Entscheidend ist und bleibt: Der Kiosk ist ein wesentlicher Bestandteil der Alltagskultur. Ein Kraftplatz. Das wird einem meist erst bewusst, wenn wieder einer verschwindet.

Im Jahr 2018 zählte man, je nach Interesse und Definition, in Deutschland immerhin noch zwischen 20 000 und 50 000 Kioske. Allerdings ist ein signifikanter Schwund vor allem der kleinen, selbstständigen Kioskbetreiber zu beobachten. Was oft als Verlust an Heimeligkeit und Heimat empfunden wird.

Buchtipp:

Kiosk Parcours

  • Autor: Marco Hemmerling
  • Herausgeber: Janine Tüchsen und Olga Derksen
  • Gebundene Ausgabe: 168 Seiten
  • Verlag: Books on Demand; Auflage: 2 (12. Juni 2017)
  • ISBN-10: 3744802132
  • ISBN-13: 978-3744802130

6