Bayern 2


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Fondaco dei Tedeschi Bayerische Kaufleute in Venedig

Der Fondaco dei Tedeschi, das einstige Handelszentrum der deutschen Kaufleute in Venedig, liegt direkt am Canal Grande, in unmittelbarer Nähe zur Rialtobrücke. Ulrich Zwack schildert das rege Handelsleben, das sich dort seit dem Jahr 1228 abspielte.

Von: Ulrich Zwack

Stand: 26.11.2017 | Archiv

Viele Venedig-Fans waren schockiert, als sie erfuhren, dass der so genannte "Fondaco dei Tedeschi" - seit Jahrzehnten das Hauptpostamt der Lagunenstadt - 2008 für 53 Millionen Euro von der Benetton-Group aufgekauft, und peu à peu in einen Mega-Store umgewandelt wurde. Aber im Zeitalter des Heuschrecken-Kapitalismus hat bekanntlich der das Sagen, der über das meiste Geld verfügt. - Früher war das auch nicht viel anders. Genau genommen passt ein Mega Store sogar viel besser zum "Fondaco dei Tedeschi" als ein Postamt. Denn dem Gerangel um Reichtum, Prestige, Marktanteile und Wirtschaftsmacht verdankt das Gebäude letztlich seine Existenz.

Venedig nahm eine Monopolstellung im Orienthandel ein

Innenansicht des "Fondaco dei Tedeschi", Kupferstich, 1616, von Raphael Custos (1590-1651)

Venedig erlangte zu Beginn des 13. Jahrhunderts eine Art Monopolstellung im Handel mit Orientwaren. Zu den Hauptkunden der Stadtrepublik zählten deutsche, insbesondere oberdeutsche Kaufleute; neben den Orientluxuriosa verteilten sie auch alle möglichen Mittelmeerprodukte in Richtung Norden. Um  den Deutschen einerseits den Warenverkehr zu erleichtern, andererseits aber auch ihre Aktivitäten besser kontrollieren zu können, stellten ihnen die Venezianer 1228 an der Rialto-Brücke ein eigenes großes Handelszentrum zur Verfügung. Eben den "Fondaco dei Tedeschi".

Vorbild des Fondaco waren orientalische Handelsstationen, die "Fonduks"

Orientalische Händler und ihre Waren

Das Wort Fondaco ist vom arabischen fonduk abgeleitet, das für ein sowohl als Warenmagazin als auch als Herberge genutztes Gebäude steht. In Alexandria z.B. gab es mehrere solcher Fonduks für ausländische Kaufleute. Venedig hatte dort gleich zwei, Genua, Marseille, Narbonne oder die Katalanen je einen. Und selbst die Tataren unterhielten in Alexandria einen eigenen Fonduk - der ihnen vor allem als Sklavenmarkt diente. All diese Handelsniederlassungen waren mindestens zweistöckige, quadratisch oder rechteckig einen Innenhof umschließende Gebäude. Erdgeschoß und Hof dienten zum Verstauen und Verpacken der Waren. Oben lagen die Schlaf-, Aufenthalts- und Speisegemächer für die Kaufleute. Diese orientalische Handelsinstitution nahmen sich die Venezianer zum Vorbild, als sie den Fondaco dei Tedeschi erbauten.

Generalsanierung während der Mussolini-Ära

Sein heutiges Aussehen geht auf einen Neubau aus dem Jahr 1504 zurück. Der etwas spartanisch-nüchterne Gesamteindruck entstand freilich erst anlässlich einer Generalsanierung während der Mussolini-Ära. Vorher besaß das Gebäude vier verspielte Ecktürmchen und die jetzt langweilig weiße Fassade war mit Fresken von Giorgone und Tizian reich geschmückt.

Napoleon schloss den Fondaco dei Tedeschi im Jahr 1806

(v.l.) Der Fondaco dei Tedeschi, Ponte di Rialto und Palazzo dei Camerlenghi (Gemaelde 18. Jh.)

Bis zur Schließung des Fondaco durch Napoleon im Jahr 1806 wurden im Erdgeschoss die Waren gestapelt, geprüft, gewogen, verpackt und aufgeladen. In den Obergeschossen lagen dagegen die Speisesäle und repräsentativen Wohn- und Büroräume der deutschen Kaufleute. Dort wurde geordert, storniert, antichambriert und zäh verhandelt. Über allem aber wachte streng die venezianische Obrigkeit. Und nicht einmal einem Augsburger Fugger oder Nürnberger Imhoff wäre es gelungen, ohne den Segen der Serenissima auch nur ein Lot Pfeffer außer Landes zu bringen.


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