Bayern 2


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Win-win für alle Bayerische Genossenschaften

Neben 236 Volks- und Raiffeisenbanken gibt es Bayern auch rund 1000 genossenschaftlich organisierte Waren- und Dienstleistungsunternehmen, etwa im Handwerk, der Milchwirtschaft oder der Energieversorgung.

Stand: 11.07.2019

Symbolbild Genossenschaft | Bild: colourbox.com

Es wirkt etwas altmodisch, das Geschäft der Bayerischen Schneidereigenossenschaft in München. Wer es betritt, sieht erst mal vor allem viele Knöpfe, die an zahllosen Schubladen angebracht sind. Manchmal kommen Kunden herein, die nur einen Wunsch haben: einen verlorenen Knopf in möglichst der gleichen Form und Farbe wiederzubekommen, erzählt Claudia Gärtner, eine von zwei Vorständen der Bayerischen Schneidereigenossenschaft.

"Ich würde mal sagen, von 100 Kunden ist vielleicht einer dabei, der jetzt wirklich mal nichts findet. Aber in der Regel, denke ich, findet man dann schon was."

Claudia Gärtner

Vielfalt und Tradition zu möglichst günstigen Preisen

Dass ein solches Fachgeschäft überhaupt noch existiert, ist dem Zusammenschluss von heute immerhin noch rund 140 Maßschneidern zu verdanken. Hinzu kommen zahlreiche Institutionen, darunter Theater sowie die Münchner Meisterschule für Mode, die ebenfalls Mitglied der Genossenschaft sind. Das wichtigste Ziel der Genossen ist allerdings nicht, die Münchner mit fehlenden Knöpfen zu versorgen. Sondern das Schneiderhandwerk mit allem, was es braucht: ob Reißverschlüsse, Haken, Ösen, Knöpfe, Futterstoffe oder Nadeln. Vielfalt, Tradition und schnelle Beschaffung zu möglichst günstigen Preisen, darum geht es, sagt Vorstand Ute Graf.

"Durch den gemeinsamen Einkauf können vergünstigte Konditionen ausgehandelt werden mit den Lieferanten. Und alle partizipieren dadurch, dass sie günstiger Materialien bekommen."

Ute Graf

Nachwuchs gesucht

Bis heute lebt diese besondere Form wirtschaftlicher Solidarität unter den Schneidern fort. Auch wenn es im Vergleich zu früher nur noch wenige gibt. 3600 dieser Handwerker sollen allein in München vor Jahrzehnten tätig gewesen sein. Heute sucht die Genossenschaft jedoch dringend Nachwuchs. Und findet ihn nicht mehr nur in München, sondern in ganz Deutschland. Sogar in Houston, Texas oder in Tokio gibt es mittlerweile Genossen. Alle müssen ausgebildete Meister ihres Handwerks sein. Warum sie Mitglied werden, erklärt Claudia Gärtner so:

"Aus Idealismus. Und aus dem Wunsch, dass dieses Haus und diese Firma so wie sie eben die letzten über 100 Jahre bestanden hat, weiter bestehen kann. Wir modernisieren natürlich auch immer wieder. Aber der Grundgedanke und das Herz, das dahinter steht, ist heute noch genauso wie vor über 100 Jahren."

Claudia Gärtner

Neugründungen in verschiedenen Bereichen und Nischen

Genossenschaften sind oft ein Spiegel ihrer Zeit. Sie zeigen, wofür sich Menschen engagieren. Zum Beispiel für Bergalmen. Oder für die Kunst des Bierbrauens. Besonders Brauereigenossenschaften sind seit Jahren in Bayern ein Trend. Neugründungen gibt es zudem immer wieder in ganz verschiedenen Bereichen und Nischen. An manchen Orten tun sich zum Beispiel Genossen zusammen, um ein traditionsreiches Kino zu erhalten. Andere gehen in der Landwirtschaft neue Wege. So hat sich vor Kurzem eine Genossenschaft in München gegründet, die sich den Quinoa-Anbau zum Gegenstand gemacht hat.

Große Spannbreite

Im medizinisch-sozialen Bereich gab es in jüngster Zeit zum Beispiel auch Gründungen von Palliativgenossenschaften, die sich um schwerstkranke Patienten kümmern. Diese können nun auch zu Hause, im vertrauten Umfeld versorgt werden. Und nicht nur auf Palliativstationen von Krankenhäusern. Die Genossen füllen so eine Lücke im Versorgungssystem. Mit viel Engagement und einem gemeinsamen Ziel.


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