Bayern 2


8

Bauernproteste in Berlin Landwirte wehren sich gegen Agrarpolitik

Mit einer Sternfahrt zum Brandenburger Tor protestieren Bauern aus allen Teilen Deutschlands heute in Berlin. Ihnen geht es um Mitsprache in der Agrarpolitik und ein besseres Ansehen für ihren Berufsstand. Landwirtin Johanna Mandelkow aus der Uckermark hat den Protest mit organisiert und sagt: "Es geht darum, die Politik wachzurütteln um in einen Dialog zu kommen."

Von: Anna Bühler

Stand: 26.11.2019

ARCHIV - 22.10.2019, Berlin: Brandenburger Bauern fahren bei einer Protestaktion von Brandenburger Bauern gegen das Agrarpaket der Bundesregierung mit ihren Treckern um die Siegessäule. An dem vorderen Traktor ist das Schild "FARMERS FOR FUTURE!" befestigt. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Bild: dpa-Bildfunk/Bernd von Jutrczenka

Die aktuelle Umwelt- und Landwirtschaftspolitik gefährde die Wirtschaftskraft und den sozialen Frieden auf dem Land, teilten die Veranstalter vorab mit. Ihre Kritik richtet sich gegen das Agrarpaket der Bundesregierung mit Plänen zum Umwelt- und Insektenschutz, gegen schärfere Düngevorschriften, gegen das Freihandelsabkommen mit dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur und gegen Verunglimpfung von Bauern. Rund 10.000 Teilnehmer mit 2.000 Fahrzeugen werden erwartet.

Aufgerufen zum Protest hat die Initiative "Land schafft Verbindung", in der sich zehntausende deutsche Landwirte zusammengeschlossen haben. Johanna Mandelkow, Landwirtin aus der Uckermark, ist die Vorstandsvorsitzende von "Land schafft Verbindung" in Brandenburg. Schon in den letzten Wochen kam es auch in Bayern zu Protesten.

Die Landwirte, die in Berlin demonstrieren, fühlen sich missverstanden von der Politik aber auch von den Bürgern. Was sind die wichtigsten Punkte, um die es Ihnen geht?

Mir geht es um das berühmt-berüchtigte "Bauern-Bashing". Wir produzieren hier in Deutschland sehr hochwertige Lebensmittel und ich denke, dass der Verbraucher lernen muss, das wertzuschätzen.

"Wir hören uns eigentlich täglich an, dass wir Tierquäler sind, Umweltverpester und sowieso ganz schlimme Menschen. Das darf einfach nicht mehr sein."

Johanna Mandelkow von ''Land schafft Verbindung''

Gibt es wirklich persönliche Angriffe?

Ich habe es selbst erlebt, als ich auf dem Acker den Boden bearbeitet habe. Wegen des trockenen Sommers hat das entsprechend gestaubt. Da kam einer auf mich zu, hat eine Schimpftirade losgelassen und am Ende sagte er dann: "Irgendwann steche ich euch eh alle ab". Ich habe ihm einen schönen Tag gewünscht und weitergearbeitet.

Haben manche vielleicht ein falsches Bild von Landwirtschaft?

Das Problem ist, dass wir es verpasst haben, den Verbraucher mitzunehmen, darüber aufzuklären, wie sich die Landwirtschaft in den letzten Jahren entwickelt hat. Wenn ich als Verbraucher in den Medien immer nur Horrorbilder sehe, dann kann ich auch verstehen, dass sich so ein Bild einbrennt und man denkt, dass es in allen Betrieben so ist.

Ein Punkt, der kritisiert wird sind die großen Anbauflächen für Mais.

Pflegeleichter Mais: Immer mehr wird in Deutschland angebaut

Im Grunde genommen war es so, dass die Biogasanlagen, für die der Mais überwiegend angebaut wird, stark subventioniert wurden, teilweise auch ohne jeden Viehbesatz, den der Betrieb aufweisen musste. Ein Landwirt ist auch nur ein Unternehmer, der natürlich auch schaut, wie er ans Geld kommt. Wir haben in anderen Pflanzenkulturen durch verschiedenste Verbote von Herbiziden und Insektiziden das Problem, dass der Anbau immer schwieriger wird. Mais ist dagegen sehr pflegeleicht. Dadurch kommt es, dass mehr Landwirte Mais anbauen, weil es eben Geld bringt. Auch wir Landwirte müssen gucken, dass wir unsere Familien und die Familien unserer Landwirte ernähren können.

"Die Politik hat da einen ganz starken Einfluss durch die Subventionen. Obwohl ich dieses Wort nicht so mag. Meines Erachtens sind das einfach Ausgleichsmittel, damit der Verbraucher im Laden günstig Lebensmittel kaufen kann."

Johanna Mandelkow

Welche politischen Mittel wären Ihrer Ansicht nach angebracht?

Die deutschen Lebensmittel werden im Grunde immer teurer – oder müssten es werden, damit die Landwirte weiter existieren können. Gleichzeitig schließen wir Handelsabkommen mit Staaten ab, deren Produktionsmethoden wir überhaupt nicht beeinflussen können, und importieren zu viel aus anderen Ländern. Wir sollten zumindest innerhalb der EU einheitliche Vorgaben haben. Durch die Subventionen hat die EU ja auch starken Einfluss.

Es gibt ja auch eine Diskrepanz im Verhalten der Verbraucher …

Ja, wir bräuchten im Grunde zwei Formen der Landwirtschaft: Eine für den Geldbeutel – damit der Verbraucher sich kostengünstig ernähren kann – und eine Bilderbuchlandwirtschaft für das Gewissen, in der eine Frau mit Gummistiefeln und Zöpfen über die Alm läuft und Kühe melkt.

Welche Wirkung erhoffen Sie sich von der heutigen Protestaktion?

Ich hoffe, dass es die Verbraucher animiert, darüber nachzudenken, was genau in der Landwirtschaft passiert und wer diese Landwirte sind, über die so viel gesprochen wird, damit man in einen Dialog kommt. Und es geht darum, die Politik wachzurütteln, um auch da in einen Dialog zu kommen.

Über "Land schafft Verbindung"

Es handelt sich um einen Zusammenschluss von Bauern, der vor allem durch Kommunikation auf WhatsApp- und Facebook-Gruppen zusammengehalten wird. Nach Angaben eines Sprechers der Gruppe sollen in Bayern deutlich über 10.000 Bauern Mitglied in diesen Gruppen sein. Einig ist man sich darin, dass "Land schafft Verbindung" weder an eine Partei, noch an einen Verband gebunden sein soll. Viele Aktive arbeiten jedoch gleichzeitig ehrenamtlich beim Bayerischen Bauernverband (BBV) oder dem Bund deutscher Milchviehhalter (BdM) mit.


8